Video-Filmkritik zu „Emma“

Sie hat es nicht nötig, uns zu gefallen

Von Andrea Diener
04.03.2020
, 09:27
Mit Romantik allein kommt man nicht weit: Eine Neuverfilmung der widerspenstigsten „Emma“ ganz nach Jane Austens Humor.

Jane Austen verfilmt man nur dann, wenn man der Sache wirklich etwas Neues hinzuzufügen hat, sonst kann man es gleich lassen. Die Romane sind überschaubar in der Anzahl, die Fangemeinde ist riesig und schaut genau hin. So wie nun auch bei „Emma“. Gut, die Latte hängt mit der letzten Verfilmung von 1996 niedrig, in der Gwyneth Paltrow und Toni Colette (sie war das Beste daran) die Hauptrollen übernahmen. Dieser Film kam ohne eine einzige visuelle Idee aus, Weitwinkelobjektive waren anscheinend gerade keine verfügbar, was blöd ist, wenn man weitläufige Landgüter durchschweifen möchte. Die Leute hatten alle irgendwas an, und das führte rätselhafterweise zu einer Nominierung für den Kostümoscar. Dabei konnte man an diesem Film sehen, wie man Jane Austen gerade nicht verfilmt, nämlich ohne Konzept und Gefühl dafür, wie man mit Kleidung Charakter erzählen kann, weshalb es dann aussah wie in einer besonders sparsamen Fernsehversion. All das konnte Ang Lees Adaption von „Sinn und Sinnlichkeit“ aus dem Vorjahr viel besser – sie ist bis heute der Goldstandard in Sachen Austen.

Die „Emma“-Regisseurin Autumn de Wilde ist eine amerikanische Porträtfotografin, die bislang hauptsächlich Musikvideos gedreht hat. Nun führte sie bei ihrem ersten Spielfilm Regie und suchte sich als Einstand gleich Jane Austens schwierigsten Roman mit der widerspenstigsten Heldin aus. Das Drehbuch lieferte ihr die neuseeländische Schriftstellerin Eleanor Catton, die nicht nur die jüngste Booker-Preisträgerin der Geschichte ist, sondern im Jahr 2013 auch noch mit dem dicksten Roman bisher gewann, „Die Gestirne“ heißt er. Mit ihm hat sie bewiesen, dass sie ausufernde historische Settings in den Griff bekommt, und dieses Versprechen löst sie grandios ein.

Panik beim ersten Schneeflöckchen

Nun kann man Austen brav wegverfilmen, dann bekommt man eine nette romantische Komödie. Autumn de Wilde macht aber alles ganz anders. Und zwar so anders, dass man zunächst ins Zweifeln kommt, ob das gutgehen kann. Jede Einstellung ist bis ins letzte Blümchen durchkomponiert, und der Film ist reich an Blümchen. Jedes Kleid, das Emma (Anya Taylor-Joy) trägt, bekommt seinen spektakulären Auftritt. Gerne wird ins Karikatureske überzeichnet, die Handreichung des Dieners als komisch-steifes Ballett inszeniert, etwa, wenn der zugempfindliche Vater Woodhouse (Bill Nighy) sich abends am Kamin mit Wandschirmen umstellen lässt.

Diese Geschehnisse sind aber mehr als nur Running Gags. Die Wandschirme teilen den Raum auf und grenzen Personen voneinander ab oder ermöglichen ihnen Privatsphäre. Die Kostüme von Alexandra Byrne – die man aus den Elizabeth-Filmen mit Cate Blanchett kennen könnte oder aus den Avengers-Filmen der letzten Zeit – sind dezidiert nicht romantisch, die Kräusellocken wenig schmeichelhaft. Das Make-up gerät so unsichtbar, dass es schon wieder auffällt. Die Landschaft um die Landsitze ist weit, die Libanonzedern sind groß, wie es sich gehört, und beim ersten Schneeflöckchen geraten alle in Panik, wie man denn nun am besten nach Hause kommt. Das neunzehnte Jahrhundert leibt und lebt in diesem Film in all seiner Absonderlichkeit.

Ein Mädchen unklarer Herkunft

Die Geschichte ist eingeweihten Austen-Lesern ohnehin bekannt: Emma Woodhouse, die schöne, reiche, ziemlich verwöhnte Heldin des 1815 erschienenen Romans von Jane Austen, hält ihre eigene Menschenkenntnis für unbestechlich, und das ist schon der erste Fehler. Die Geschichte beginnt mit der Hochzeit ihrer Gouvernante und Vertrauten Miss Taylor (Gemma Whelan), nun Mrs. Weston, und Emma glaubt fest daran, die Ehe der beiden gestiftet zu haben. Derart motiviert macht sie sich nun ans Werk, die junge Harriet Smith (Mia Goth), ein Mädchen unklarer Herkunft, lukrativ zu verkuppeln. Harriet ist Schülerin eines nahegelegenen Mädchenpensionats für mittlere bis höhere Töchter, die dort auf Heirat und Gesellschaft vorbereitet werden sollen. Diese Töchter paradieren regelmäßig im Gänsemarsch durch den Film, alle angetan mit roten Umhängen und Schutenhütchen, wobei die Ähnlichkeit zu den Frauen aus Margaret Atwoods „Report der Magd“ mit Sicherheit kein Zufall ist.

Im Folgenden treten drei Familien und diverse weitere Bewohner des fiktiven Dörfchens Highbury auf: Ein leicht überforderter Vater – Austen ist Expertin für überforderte, genervte, sarkastische Väter –, eine alte Jungfer, die nicht aufhören kann zu reden, ein eitler Pfarrer, ein erst mysteriöser, dann sehr charmanter Adoptivsohn aus London, eine halbtaube Witwe, eine musikbegabte Waise und ein etwas linkischer, aber tüchtiger Pächter.

Ein nervöser Fächer, ein gekünsteltes Kichern

Die Handlung hangelt sich durch eine Reihe an Begegnungen, abendliche Gesellschaften, Bälle und gelegentliche kleinere Unfälle, bei denen das Personal aufeinandertrifft, was nie ohne Reibungen vonstattengeht. Der Humor bei Austen besteht auch weniger in Situationskomik, er schlägt sich eher in der Sprache nieder, in genauer, zugespitzter Beschreibung und lakonischen Kommentaren. Filmt man einfach die Handlung ab, bleibt viel auf der Strecke. De Wilde hingegen hat sich große Mühe gegeben, den ironischen Gestus von Austens Ton filmisch umzusetzen. Vor allem gelingt ihr das mit Blicken und kleinen Gesten. Eine mit zitternder Hand gehaltene Teetasse, ein nervöser Fächer, ein gekünsteltes Kichern entfalten in ihren statischen, bis ins letzte durchkomponierten Bildern die gewünschte Wirkung.

Und Emma? Die bisherigen Verfilmungen geben sich meist große Mühe, die Hauptfigur etwas zu entschärfen, weil man romantische Komödien ja ungern mit einer nur mittelsympathischen Protagonistin besetzt – die Zuschauerin soll sich ja bitte identifizieren. De Wildes Emma hingegen will ihrem Publikum nicht gefallen. Sie ist ein verzogenes Produkt ihrer sozialen Schicht, das Empathie erst mühsam lernen muss – ein Problem, das in eben jener sozialen Schicht in England bis heute anzudauern scheint. Doch je mehr Emma auftaut, desto wärmer wird auch dem Film ums Herz, ohne dass er die Kontrolle über seine peniblen Bildkompositionen aufgibt. Am Ende bekommt natürlich jedes Töpfchen sein passendes Deckelchen: die musikbegabte Waise, Harriet aus dem Mädchenpensionat, der eitle Pfarrer und natürlich auch Emma.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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