Video-Filmkritik „Jojo Rabbit“

Niemand zuvor hat Hitler derart lächerlich gemacht

Von Andreas Platthaus
22.01.2020
, 11:25
Für sechs Oscars nominiert, mit allen komödiantischen Wassern gewaschen: Taika Waititis Spielfilm „Jojo Rabbit“ erzählt nur scheinbar grotesk von Hitlers Herrschaft über die Deutschen.

Wer über diesen Film spricht, redet über Hitler. Denn der tritt darin als Gewissen des kleinen Johannes Betzler auf. Als ein schlechtes Gewissen in jeder Hinsicht. Einerseits im landläufigen Verständnis des Begriffs, weil der zehnjährige Johannes, den alle nur Jojo rufen, nicht den Erwartungen an einen Jungen im nationalsozialistischen Deutschland entspricht: Als er in seinem Heimatort Falkenheim ins Jungvolk aufgenommen wird, scheitert er bereits an der ersten Bewährungsprobe, weil er aus Mitleid einem niedlichen Kaninchen statt der diesem zugedachten Kugel die Freiheit gibt, was dem Knaben unter seinen Kameraden den Spottnamen „Hasenfuß“ einbringt. Kein Wunder, dass Hitler dem gedemütigten Jojo heftig die Leviten liest.

Und dann als schlechtes Gewissen im Wortsinn, denn natürlich strotzt das, was der nur von Jojo wahrgenommene Hitler ihm predigt, vor Rassenhass und Eroberungswille. Allerdings in einem so exaltierten Ton vorgetragen, dass die böse Botschaft schallendes Gelächter provoziert. Nicht bei Jojo, der als ordentlich indoktrinierter Sprössling des „Dritten Reichs“ alles ernst nimmt, sondern beim Publikum, das eine solche Knallcharge von Nazi-Führer seit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ nicht mehr gesehen hat.

Mit diesem Film aus dem Jahr 1940 begann die Kette von Komödien über NS-Deutschland, die in Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ (1942), Mel Brooks’ „Frühling für Hitler“, der ersten Hälfte von Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ (1997) und Dani Levys „Mein Führer“ (2007) ihre bisherigen Höhepunkte hatte. Nun kommt „Jojo Rabbit“ von Taika Waititi dazu. Waren Chaplins und Lubitschs Filme noch entstanden, als das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen unbekannt war, hatten alle späteren genannten Kinokomödien dem Vorwurf zu begegnen, sie banalisierten das Böse. Sie alle aber – wie auch die beiden mit der Gnade der frühen Produktion gesegneten Vorläufer – veralbern die NS-Ideologie und sind insofern Waffen gegen den Totalitarismus. Sofern Hitler selbst darin auftritt, wird er denn auch jeweils von ausgewiesenen Komikern gespielt: Chaplin im „Großen Diktator“ (leicht namentlich verfremdet als Anton Hynkel), Tom Dugan in „Sein oder Nichtsein“, Brooks in „Frühling für Hitler“, Helge Schneider in „Mein Führer“ und nun Waititi in „Jojo Rabbit“. Bezeichnenderweise gleich dreimal übernahmen also die regieführenden Drehbuchautoren diese heikle Rolle selbst.

Die Erkenntnis, betrogen worden zu sein

Wobei Waititi als Neuseeländer maorischer Abstammung die größte Herausforderung an die Maskenbildner gestellt hat. Obwohl niemand sonst zuvor Hitler derart lächerlich gemacht hat, erschöpft sich seine Darstellung aber nicht im bloßen Klischee aus Bartfliege, Seitenscheitel und rollendem R, sondern er hat den historischen Propagandaaufnahmen etliche Details in Gestik, Mimik und Wortwahl abgewonnen, die erstaunlich nahe am Original sind, genau deshalb jedoch einmal mehr die Frage aufwerfen, wie ein Land dieser grotesken Masche verfallen konnte. Klugerweise stellt Waititis Film diese Frage selbst gar nicht explizit, weil in Falkenheim ja nur Jojo diesen Hitler sehen und hören kann. Aber auf Plakaten und als Stichwortgeber für Parolen ist er allgegenwärtig. Und der Film hat seinen Handlungszeitpunkt in der unmittelbaren Schlussphase des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen längst durch alliierte Fliegerangriffe und militärische Rückschläge an den Fronten demoralisiert waren, aber trotzdem dem „Führer“ die Treue hielten. Der Einzige, der sie ihm aufkündigt, ist am Schluss ausgerechnet Jojo.

Es ist denn auch viel mehr sein Film als der seines schlechten Gewissens Hitler. Jojos Erkenntnis, dass er betrogen worden ist, verdankt sich der Konfrontation mit der etwas älteren Jüdin Elsa, die im Obergeschoss des Familienhauses der Betzlers versteckt lebt. Mit dem Wissen von Jojos Mutter übrigens, die zunächst als eine stramme Nazisse eingeführt wird, die vom Sohn nicht weniger Löwenmut (und somit Killerinstinkt) einfordert als der imaginäre Hitler. Aber da mit Scarlett Johansson ein Hollywood-Megastar diese Mutter spielt, darf man gar nicht erst erwarten, dass sie der nachtschwarzen Seite der Macht angehört. Das wäre doch zu viel des Überraschenden in „Jojo Rabbit“ gewesen.

Der Rest an Überraschungen reicht ja auch schon. Wie der Hauptdarsteller Roman Griffin Davis, geboren 2007, seine Rolle ausfüllt zum Beispiel – solch ein begeisterndes Debüt eines Kinderdarstellers hat man seit Natalie Portman in „Léon – Der Profi“ nicht mehr gesehen. Wie Waititi die literarische Vorlage, das schon 2004 erschienene, ganz ernsthafte Jugendbuch „Caging Skies“ der neuseeländischen Autorin Christine Leunens (international erfolgreich, aber bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt), um die Figur Hitlers bereichert und damit ins Komödiantische gezogen hat, ohne den zutiefst humanistischen Kern des Romans anzutasten.

„Operation Schlamassel“

Wie dramaturgisch grandios zu Beginn und Ende des Films zwei deutschsprachige Versionen englischer Pop-Hits eingesetzt werden – am Anfang von den Beatles, am Schluss von David Bowie. Oder wie hier einmal die deutsche Synchronisation geglückt ist, die an Komik dem mit deutschen Akzenten reichlich gesättigten englischsprachigen Original nicht nachsteht: Wenn der von Sam Rockwell gespielte Wehrmachtshauptmann Klenzendorf, dem der Drill des Jungvolks in Falkenheim obliegt, immer wurschtiger agiert und für die militärische Strategie Nazi-Deutschlands Beschreibungen wie „Operation Schlamassel“ wählt, dann ist das in der Mischung aus Militärjargon und Jiddisch mehr als nur kongenial zum Wortwitz des Originals, der sich naheliegenderweise zum Großteil der Verballhornung deutscher Begriffe verdankt, die in einer Übersetzung nicht sonderlich komisch geraten wären. Das einzige Versäumnis des hiesigen Verleihs ist, als Titel des Films nicht konsequent zur deutschen Dialogführung „Jojo Hasenfuß“ gewählt zu haben.

Und neben dem Komischen ist auch noch das Emotionale an diesem Film zu preisen: wie gegen die Zerrbilder der Nazis die durchaus tiefen Psychogramme eines an sich selbst zweifelnden Jungen und eines vom Tod bedrohten Mädchens gesetzt werden (die junge Neuseeländerin Thomasin McKenzie als Elsa ist eine weitere Entdeckung). Zweimal wird Jojo auf dem zentralen Platz von Falkenheim auf Gehenkte treffen, und dass der Schock beim zweiten Mal größer ist als beim ersten, liegt daran, wie brillant es Taika Waititi gelingt, uns in komödiantischer Sicherheit zu wiegen. Tatsächlich aber geht es in „Jojo Rabbit“ um alles. Nicht nur für die beiden Kinder, sondern auch für uns Zuschauer, in Deutschland noch mehr als in anderen Weltgegenden. Dieses sechsfach oscarnominierte Werk – in den Kategorien bester Film, adaptiertes Drehbuch, Nebendarstellerin, Schnitt, Produktionsdesign und Kostüme; bizarrerweise nicht für die Regie – entschuldigt nichts, aber erklärt viel. Und das hinter der Maske einer Komödie. Der Kostüm-Oscar wäre gleich doppelt verdient.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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