Neuer Film der Brüder Taviani

Am Wendepunkt des Herzens

Von Andreas Kilb
02.09.2020
, 15:28
In ihrem letzten gemeinsamen Film erzählen die Brüder Taviani eine Partisanengeschichte aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Wie so oft bei ihnen geht es auch in „Eine private Angelegenheit“ um den ewigen Konflikt zwischen Gefühl und Politik.

Wenn ein Lied, eine kleine Melodie, einen Moment des Glücks in sich aufgesogen hat, wird man es nie wieder ganz los. Die Erinnerung klebt an den Tönen wie eine Folie auf Glas. Ganze Jahrgänge von Kino-Melodramen handeln von solchen Liedern und solchen Momenten, und noch heute funktioniert die tausendfach ausgereizte Formel, sonst wären Julia Roberts und Lady Gaga nie zu Filmstars geworden. In „Eine private Angelegenheit“, dem letzten Spielfilm der Brüder Taviani, ist es der berühmte Song aus dem „Zauberer von Oz“, der die Schleusen des Herzens öffnet.

Milton, der Held der Geschichte, hat „Over the Rainbow“ viele Male mit Fulvia gehört, der Liebe seines Lebens. Das war vor dem Krieg, und jetzt ist Milton Partisan, er kämpft in den Hügeln des Piemont gegen die Truppen der Faschisten. Es ist Herbst 1944, das Leben kann jeden Augenblick zu Ende sein. Aber das Lied tönt, von unsichtbaren Händen gespielt, durch die Berge und Täler, in denen Milton die letzten Kriegsmonate verbringt, es begleitet fast jeden seiner Schritte. Ein Requiem, könnte man sagen, aber das wäre zu feierlich für diesen Film, der bei allem Pathos etwas Schüchternes hat, eine beiläufige Poesie, wie sie typisch für das Kino der Tavianis ist. Oder war.

Zwischen Eifersucht und politischer Loyalität

„Eine private Angelegenheit“ entstand im Frühjahr 2017, im November kam der Film in die italienischen Kinos. Es ist der erste Taviani-Spielfilm, bei dem Paolo Taviani allein Regie geführt hat, weil sein Bruder Vittorio, mit dem er wie immer das Drehbuch geschrieben hatte, nach einem Autounfall nicht mehr dazu imstande war. Im April 2018 ist Vittorio Taviani mit achtundachtzig Jahren gestorben, und nichts spricht dafür, dass Paolo ohne ihn weitermachen wird. So ist diese „Private Angelegenheit“ ein Abschied für immer, der Schwanengesang eines Regisseur-Duos, das uns fünfzig Jahre lang im Kino seine Melodie vorgespielt hat; und so, wie Milton in den Bergen des Piemont das ferne Echo von Judy Garlands Stimme vernimmt, hört man in seiner Geschichte den Nachklang vieler Motive, mit denen sich die Tavianis in die Filmgeschichte eingeschrieben haben.

Das beginnt mit der Landschaft, in der dieses Drama spielt, und es setzt sich fort in der Spannung zwischen Einst und Jetzt, von der es angetrieben wird. Der Ort der Handlung, der Schauplatz, war in den Filmen der Tavianis nie bloßes Dekor. Die kahlen Felder Sardiniens in „Padre Padrone“, die Täler der Toskana in „Die Nacht von San Lorenzo“, die Felsen und Strände Siziliens in „Kaos“ gaben den Geschichten immer auch ihren Rhythmus vor, sie waren so etwas wie die Außenseite der Innenwelt der Figuren. So ist auch der schroffe Wechsel von gebirgigen und dörflichen Kulissen in „Eine private Angelegenheit“ kein Zufall. Das Auf und Ab der Hänge im Piemont spiegelt den inneren Aufruhr des Helden, denn Milton (Luca Marinelli) ist zerrissen zwischen rasender Eifersucht und politischer Loyalität.

Feiglinge und Jedermänner als tragische Helden

Zwischen Fulvia (Valentina Bellè) und ihm stand nämlich schon vor dem Krieg ein zweiter Mann, jener Giorgio, der den Anglistikstudenten Milton – daher der Spitzname – dem Mädchen aus reicher Familie vorgestellt hat. Nun erfährt Milton, dass während seines Militärdienstes in Rom zwischen Giorgio und Fulvia mehr passiert ist als jene tastenden Blicke und scheuen Berührungen, über die er selbst nicht hinauskam. Nun will er Giorgio zur Rede stellen, aber dieser dient in einer anderen Partisaneneinheit, während Fulvia aus der Kampfzone nach Turin geflüchtet ist, in die scheinbare Sicherheit der Großstadt. Im Film sieht man sie nur noch in Rückblenden. Die Liebe ist eine ferne Erinnerung, doch der Schmerz über die Kränkung ist nah und real.

In der Romanvorlage von Beppe Fenoglio, einem Klassiker der italienischen Nachkriegsliteratur, kämpft Milton für die bürgerliche Regierung Badoglio, die mit den Alliierten einen Waffenstillstand vereinbart hat, während Giorgio einer kommunistischen Einheit angehört. Die Tavianis haben dieses Detail gestrichen, weshalb ihnen einige Kritiker politische Naivität vorwarfen. Aber gerade in der dramaturgischen Verkürzung steckt eine tiefe Wahrheit über das Taviani-Kino. Den beiden Brüdern ging es nie darum, ideologische Unterschiede nachzuzeichnen. Was sie interessiert hat, ist der Zusammenstoß des Politischen mit dem Privaten, der tragische Zwiespalt zwischen Denken und Fühlen. Diesen Konflikt muss jeder allein austragen, ohne Hilfe des Kollektivs und seiner Parolen. Deshalb sind die Helden der Tavianis auch keine richtigen Helden, sondern Feiglinge und Jedermänner, die sich aus innerer Not zu Taten oder Untaten aufschwingen. So wie Milton, der Partisan mit dem gekränkten Herzen.

Der Krieg als inneres Erlebnis

Der Film beginnt damit, dass Milton zu der ländlichen Villa gelangt, in der Fulvia vor dem Ausbruch der Kämpfe mit ihren Eltern gewohnt hat. Der palastartige Bau steigt aus dem Nebel wie ein Märchenschloss, und märchenhaft sind auch die Szenen des Glücks, die er in Miltons Kopf heraufbeschwört. Aber die eifersüchtige Suche nach Giorgio treibt ihn zurück in die Täler, an die diffusen Frontlinien eines blutigen Bruderkriegs, bis er erfährt, dass sein Rivale den Faschisten in die Hände gefallen ist. Von da an zielt sein ganzer Ehrgeiz darauf, eine der feindlichen „Kakerlaken“ in seine Gewalt zu bekommen, um den Gefangenen gegen Giorgio auszutauschen. Als es ihm gelingt, einen Anführer der Schwarzhemden mit Hilfe einer Dorfbewohnerin zu überrumpeln, scheint sein Plan aufzugehen. Aber auf dem Weg ins Partisanenlager flieht der Gefangene, und Milton, ohne Hoffnung, ihn anders aufhalten zu können, erschießt ihn.

Die Tavianis erzählen diese Geschichte nicht, wie es naheliegt, als Mischung von Kampfpausen und Gefechten. Der Krieg, der in kurzen, verwirrenden Szenen aufblitzt, ist vor allem ein inneres Erlebnis, eine Projektion auf der Netzhaut des unglücklichen Giorgio. Deshalb sucht man die weiten Totalen und Vogelperspektiven, mit denen frühere Taviani-Filme geprunkt haben, in „Eine private Angelegenheit“ vergebens.

Trotzdem gibt es auch hier wieder Szenen, wie sie kein anderer Regisseur in dieser schlichten Klarheit drehen könnte. Vor einem Bauernhaus liegt eine erschossene Familie, Eltern und Kinder mit ihren Bediensteten. Ein Mädchen schmiegt sich an den steifen Körper seiner Mutter. Auf einmal schlägt die Kleine die Augen auf, läuft ins Haus, um Wasser aus einer Kanne zu trinken, und legt sich dann wieder zu der Toten. Der Anblick ist herzzerreißend, aber auch auf eine Weise filmisch wahr und glaubhaft, wie sie im europäischen Kino der letzten Jahrzehnte vielleicht nur die Tavianis beherrscht haben.

Am Ende kehrt Milton wie unter einem unwiderstehlichen Zwang zu der Villa zurück, in der er die besten Tage seines Lebens verbracht hat. Dort hausen inzwischen die Faschisten. Sie entdecken und jagen ihn, er flieht durch den Wald, ringsum schlagen die Kugeln ins Holz, bis das Schießen allmählich verebbt. Der Anglistikstudent aber hastet weiter, er rennt die Berge hinauf, bis er auf einem kahlen Grat die ganze Landschaft des Krieges unter sich hat. Da lichtet sich der Nebel, und er ist frei.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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