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Video-Filmkritik zu „Endzeit“

Neuer deutscher Unheimlichkeitsheimatfilm

Von Andreas Platthaus
 - 16:14
Hoffnung im Angesicht der Apokalypse
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Filmkritik „Endzeit“
Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

Wir befinden uns in einer nahen Zukunft. Ganz Thüringen ist von den Zombies besetzt ... Ganz Thüringen? Nein! Zwei gar nicht einmal so kleine unbeugsame Städte leisten Widerstand: Jena und Weimar.

Warum gerade diese beiden und was überhaupt genau passiert ist, tut nichts zur Sache: Carolina Hellsgårds Film „Endzeit“ beginnt nach einer knappen schriftlichen Lagebeschreibung in Weimar, der ungleich wehrhafteren der beiden Städte, doch da ist jenseits der Barrikaden bereits alles in der Hand der Zombies. Bis eben auf die nahe Universitätsstadt Jena, wo man sich mit fortschrittlicheren technischen Mitteln der Invasion erwehrt, und der Bahnstrecke zwischen den Orten, auf der ein unbemannter Schienenbus die gegenseitige Versorgung sichert. So lange nichts Lebendes an Bord ist, interessieren sich die Zombies nicht für dieses Gefährt.

Natürlich ist schon recht bald doch etwas Lebendes an Bord: zwei junge Frauen, Vivi und Eva. Die eine ist eher furchtsam und wurde gerade erst aus einem repressiv betriebenen Waisenhaus für den Wachdienst an den Weimarer Barrikaden rekrutiert, die andere ist dort schon lange aktiv und eine Veteranin im Kampf gegen die Aggressoren. Gerade weil beide Frauen so gegensätzlich sind, geht der gemeinsame Einsatz auch gründlich schief, und unabhängig voneinander entscheiden sie sich für eine heimliche Flucht im Schienenbus nach Jena. Die Überraschung angesichts des unfreiwilligen Wiedersehens im Waggon ist dementsprechend groß, das Entsetzen dann noch etwas größer, als der Zug plötzlich auf freier Strecke zum Halten kommt. Und die Nacht ist nahe.

Bildungsroman mit Untoten

Hier hätten wir also alles beieinander, was einen klassischen Zombiefilm ausmacht: reichlich Untote, die Heldinnen in unbekannter Umgebung isoliert, bedrohliches Dunkel. Aber Carolina Hellsgård macht etwas ganz anderes daraus als erwartet. Selbstverständlich gibt es ein paar Schockmomente, aber für exzessive Verfolgungsjagden hätte das Budget des im besten Sinne kleinen Films gar nicht gereicht. Auch nicht für blutiges Gemetzel aus der Effektkiste. Stattdessen hat Hellsgård einen Spielfilm gedreht, der die Versatzstücke eines Genres dazu benutzt, etwas ganz anderes zu machen: Wäre „Endzeit“ ein Buch, würde man es als Bildungsroman bezeichnen.

Nun beruht „Endzeit“ auf einem Buch, einem Comic. Der stammt von Olivia Vieweg (wohnhaft in Weimar) und erschien 2012 bei einem ambitionierten Kleinverlag. Für die Umarbeitung des eigenen Stoffs zu einem Drehbuch gewann Vieweg 2015 den Tankred-Dorst-Preis, und auf der Grundlage dieser Neubearbeitung zeichnete sie auch ihren Comic noch einmal ganz neu. Nun viermal so lang wie die ursprüngliche Geschichte, erschien diese zweite Fassung von „Endzeit“ 2018, diesmal bei einem Großverlag, und im selben Jahr hatte auch die Verfilmung auf dem Festival von Toronto ihre Premiere. Dort und bei einer kleinen Projektionstour in den Vereinigten Staaten in diesem Frühjahr sammelte der Film viel Lob ein, und nun hat er endlich die deutschen Kinos erreicht – verwunderlich spät, aber allemal besser, als wenn er nur im Fernsehen gezeigt worden wäre (Arte und ZDF haben mitproduziert).

Grundkurs in romantischem Sehen

Carolina Hellsgård hält sich wunderbar konsequent an die Stimmung und die Charakterzeichnung der Comicvorlage, während Viewegs mangabeeinflusster Strich, der mit den üblichen mädchenhaften Attributen dieses Stils die Unschuld ihrer Protagonistinnen noch betont, im Realfilm nicht eins zu eins umzusetzen war. Die grafisch suggerierte Harmlosigkeit der beiden Heldinnen, die dann einige Wendungen der Geschichte umso überraschender macht, ist auf der Leinwand ganz Gesicht und Habitus von Gro Swantje Kohlhof überlassen, die in der Rolle von Vivi ganz langsam in die Rolle einer starken Persönlichkeit hineinwächst, während Maja Lehrer als Eva von Beginn an eine harte Frau ist, die sich aber im Laufe der kaum neunzig Kinominuten als verletzlich und auch belehrbar erweisen wird. Vor allem aber muss man die Kamera von Leah Striker bewundern, denn wie sie die thüringische Landschaft einfängt, ist nicht nur eine Augenweide, sondern zudem ein Grundkurs in romantischem Sehen – „romantisch“ verstanden im geistesgeschichtlichen Sinne des Wortes, das ja nicht zuletzt in Jena seinen deutschen Ursprung hat. Und mit dem dialektischen Verhältnis von Heimat und Unheimlichkeit, das der Romantik eigen ist, spielt Carolina Hellsgård so souverän, dass die etwas schlichte ökologische Botschaft, die der Film auch hat – im Gegensatz übrigens zum Comic in beiden Fassungen –, nicht mehr unangenehm auffällt, weil sie ein quasi organisches Bündnis mit dem Setting des Films eingeht.

Und weil zudem eine Figur auftritt, die ein zusätzliches phantastisches Element in die Handlung bringt, das die Genregrenzen noch weiter verschiebt: die Gärtnerin, eine Art rächender Naturgeist. Sie wird gespielt von der dänischen Schauspielerin Trine Dyrholm, einem Star des frühen Dogma-Kinos, deren Mitwirkung in diesem deutschen Low-Budget-Projekt nicht nur einiges über die Qualitäten von „Endzeit“ aussagt, sondern auch die von ihr verkörperte Rolle mit einer persönlichen Aura umgibt, die den mythischen Charakter der Figur glaubwürdig macht.

Eines dürfte nun aber auch ganz klar sein: Wer mit der vom Verleih leider durchaus geschürten Erwartung, einen klassischen Zombiefilm zu sehen, in „Endzeit“ geht, dürfte enttäuscht werden. Aber nachdem gerade erst Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ diesbezüglich alle Erwartungen zu erfüllen bemüht war und trotzdem nur ein müdes Werk geworden ist, kann man bei „Endzeit“ einen ganz anderen Anspruch konstatieren: Aus Genreversatzstücken ist ein erzählerischer Hybrid erschaffen worden, von dem sich die Geistesgrößen in Weimar und Jena nicht hätten träumen lassen: klassisch und romantisch zugleich. Übrigens mit einem fast rein weiblichen Team. Das Leben ist nicht leicht in den befestigten Lagern des Klischees angesichts dieses erfrischenden Wagemuts.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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