Video-Filmkritik „Nur eine Frau“

Drohungen der Brüder im Minutentakt

Von Ursula Scheer
08.05.2019
, 14:15
Erschossen vom Bruder, 2005 in Berlin, weil sie anders leben wollte als ihre Familie: Sherry Hormann lässt Hatun Sürücü ihre eigene Geschichte erzählen. „Nur eine Frau“ ist ein Denkmal für eine Ermordete.

Zum Beat ihres Lieblingssongs läuft eine junge Frau mit Kopfhörern über dem Hijab durch Berlin-Kreuzberg. „Das bin ich“, sagt eine Stimme aus dem Off, und das heißt hier: aus dem Jenseits. „Das bin ich“, spricht sie wieder, als Filmaufnahmen einer abgedeckten Leiche auf einem Gehweg die Leinwand füllen: Da liegt Hatun Sürücü, die sich von allen Aynur rufen ließ, erschossen von ihrem jüngsten Bruder, 2005 in Berlin, weil sie anders leben wollte als ihre Familie.

„Ich war ein Ehrenmord. Der erste, der richtig fett Presse hatte“, erzählt die Stimme weiter und ruft vielleicht Erinnerungen wach an das öffentliche Entsetzen über das Verbrechen und die scharfe Kritik am Verlauf der darauf folgenden Gerichtsprozesse in Deutschland und in der Türkei, an deren Ende ein mildes Urteil und viele Freisprüche standen und in denen die Familie im Ganzen nicht als treibende Kraft hinter der Bluttat identifiziert wurde. Aber darum geht es zunächst nicht. Aynur, verkörpert von Almila Bagriacik, will, dass wir ihr zuhören, wie sie ihre eigene Geschichte erzählt. Von einem Ausbruch aus einem familiären Gefüge, in der überkommene Regeln bis zur Unmenschlichkeit verhärtet sind, Ehrbegriffe grausam pervertiert werden und religiöser Fundamentalismus zur Legitimation all dessen dient.

Sandra Maischberger steht als Produzentin hinter dem Spielfilm „Nur eine Frau“. Auf Basis von Prozessakten, Recherchen im Umfeld der Ermordeten sowie Gesprächen unter anderem mit der bis heute im Zeugenschutzprogramm lebenden Kronzeugin entstanden, erhebt er auch dokumentarischen Anspruch. Seine Regisseurin Sherry Hormann hat schon einmal die Filmbiographie einer Frau inszeniert, die aus einer von archaischen Vorstellungen geprägten Gesellschaft flieht, in der sie seelische und körperliche Grausamkeit erlitten hat. In „Wüstenblume“ ist die einst Entrechtete am Ende ein Star – in „Nur eine Frau“ kehrt Hatun Aynur Sürücü, das Mädchen von nebenan, dessen Gesicht ausgelöscht werden sollte, als ungebrochene Heldin zurück. Dieser Film setzt ihr ein Denkmal. Und so ist dann auch der einzig kritikwürdige Punkt, den man an Akmila Bagriaciks souveräner Charakterisierung der Hauptfigur finden könnte, dass diese eine Spur zu unkaputtbar, zu cool, zu lebensfroh rüberkommt, selbst dann noch, wenn die Anrufe mit Morddrohungen der Brüder im Minutentakt auf dem Handy eingehen.

Falls der Bräutigam versagt

Aber vielleicht war das ja so. Mit der Familie brechen wollte Aynur nie, zu lange hoffte sie auf eine Versöhnung und schaltete die Polizei nicht ein. „Das ist Nuri“, sagt Aynur, und wir blicken auf ihren jüngsten Bruder (Rauand Taleb), der neben den anderen männlichen Sürücüs beim türkischen Barbier posiert, wo Klingen an Kehlen kratzen und Flammen Flaum wegsengen. „Er wird mich erschießen.“

Alles beginnt im Mai 1998, als die Familie den Ring um Aynur schmiedet, den zu sprengen ihr Todesurteil bedeuten soll. Das Mädchen muss nach der achten Gymnasialklasse die Schule verlassen und wird in Istanbul zwangsverheiratet. Sherry Hormann schwelgt in Bildern voller Unschuldsweiß und Blutrot; später treten kraftvolles Grün, die Farbe des Islam, und Schwarz, die Nichtfarbe des Todes hinzu (Bildgestaltung Judith Kaufmann). Während die Männer tanzen und die Mutter der Tochter eine Rasierklinge zusteckt, mit der sie sich in der Brautnacht, falls der Bräutigam versage, in den Finger ritzen könne, um den Verlust der Jungfräulichkeit zu simulieren, liefert Aynur Erklärungen von außerhalb.

In den Augen ihrer Mörder todeswürdig

Dass der Film, wie Sandra Maischberger sagt, ein junges Publikum erreichen will, auch an Schulen gezeigt werden und eine Debatte über Werte, Verantwortung und Integration anstoßen soll, motiviert wohl eine gewisse Lehrhaftigkeit. Die Erzählerin ist in der Szene und schwebt allwissend über ihr. Wir verfolgen aus ihrem Blickwinkel das Geschehen und sehen doch mehr, als sie sehen konnte. Rhythmisch unterbrochen wird der Erzählfluss von Fotosequenzen und dokumentarischem Material (Schnitt: Bettina Böhler). Doch dieses von dem Drehbuchautor Florian Oeller geschriebene epische Theater schafft perspektivische Probleme, wenn es das Leben der Männer in der Familie auf die Bühne bringt, deren Sphäre streng von denen der Mädchen und Frauen geschieden sind. Gnadenlos setzt die Regisseurin ins Bild, dass die Brüder und der Vater vor allem in drei Zuständen existieren: betend in der Moschee (wo sie den Einflüsterungen eines radikalen Predigers verfallen), gemeinsam abhängend oder kämpfend – der Jüngste ist besessen vom Boxsport.

Ihre Familie sei nicht wie andere muslimische Familien, erklärt Aynur schlicht, sondern „streng religiös“. Das der sogenannte Ehrenmord – der Begriff an sich ist ein Unding, es gibt nur Mord – als Extremfall sein Fundament in einer weit verbreiteten kulturellen Prägung haben könnte, wird so nur angedeutet. Bei der Hochzeit wechsele die Tochter den „Besitzer“, erfahren wir. Wenn eine Frau mit der Tradition breche, bringe sie „Schande“ über die Familie. Es folgt eine von sechs über den Film verteilten Texteinblendungen, die vom Bundeskriminalamt identifizierte Verhaltensweisen vorstellen, welche von „Ehrenmördern“ als todeswürdig betrachtet wurden. Nummer eins: Die Frau lehnt den von der Familie gewählten Ehemann aus. Nummer zwei: Die Frau hat vor der Ehe ihre Unschuld verloren. In beiden Punkten sei sie safe, sagt Aynur. Aber dann geht es los. Punkt drei: Die Frau beabsichtigt die Trennung.

Was geschehen ist und wieder geschehen kann

Aynurs Mann schlägt sie. Schwanger kehrt sie zurück nach Berlin, stellt sich dem Tribunal am Küchentisch und darf bleiben, weil der Vater Gnade walten lässt. Es folgt ein Martyrium als Geächtete unter acht Geschwistern, von denen sieben mehr oder weniger in der elterlichen Wohnung leben. Alle vier Töchter schlafen – bald mit Neugeborenem – in einem Bett. Aus der Schwester wird die „Hure“, abgeschoben in die Putzkammer, sexuell genötigt. Das heimlich aufgesuchte Amt rettet sie. Als sie in eine Unterkunft für ledige Mütter zieht, sich verliebt und eine Lehre beginnt, wird sie für ihre – bis auf einen – von Hass zerfressenen Brüder zur Vogelfreien. Auf eigenen Füßen stehend, ist sie eine wandelnde Demütigung für die Männer.

Die physische Bedrängnis inszeniert ebenso eindrücklich wie Momente der Befreiung. Als die Heldin das Kopftuch ablegt, umfließt sie Neonlicht. Bemerkenswert ist auch die subtile Einflüsterung, mit der Evin (Lara Aylin Winkler), ein deutsch-türkisches Mädchen aus einer westlich orientierten Familie, als Braut in die Familie gezogen und ihr der Schleier aufgeschwatzt wird. Wer mit wem über was innerhalb der Familie gesprochen hat, so legt der Film offen, wer anstachelte, belohnte, mittat, ist kaum zu rekonstruieren. Aber wir können, legt er nahe, darüber reden, was geschehen ist und wieder geschehen kann, hinschauen und handeln, wenn Frauen Hilfe suchen. Über den Prozess hinaus schaut „Nur eine Frau“ auf den letzten Sieg der Hatun Aynur Sürücü: Ihr Sohn wächst nicht in ihrer Familie auf.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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