Polanskis „Intrige“ im Kino

Wenn Schnurrbärte lügen

Von Andreas Kilb
05.02.2020
, 14:32
Ein klassischer Fall von antisemitischem Korpsgeist: Roman Polanskis Film „Intrige“ zeigt die Dreyfus-Affäre ebenso virtuos wie abgebrüht. Mit seiner eigenen Biographie ist der Fall nicht vergleichbar.
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Müssen wir jetzt darüber diskutieren, dass Roman Polanski sich mit Alfred Dreyfus verglichen hat? Polanski hat den Vergleich zurückgezogen. Aber er steht im Raum. In einem Interview wurde der Regisseur von dem französischen Schriftsteller Pascal Bruckner gefragt, ob er „als Jude, der im Zweiten Weltkrieg verfolgt wurde“, auch „den feministischen McCarthyismus von heute überleben“ werde. Polanski antwortete, er sei, wie Dreyfus, für Dinge verurteilt worden, die er nicht begangen habe, und kenne die Mechanismen, von denen sein Film erzähle.

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Das Interview stand im Presseheft, das vor der Premiere von Polanskis Film „J’accuse“ – der auf Deutsch den phantasielosen Titel „Intrige“ trägt – bei den Filmfestspielen von Venedig im letzten September verteilt wurde. In späteren Presseheften fehlt es. Man könnte also sagen, Polanski habe etwas begriffen. Vielleicht hat er aber auch nur eingesehen, dass es taktisch ungeschickt wäre, seine eigene Geschichte mit der des Films zu verbinden.

Polanski ist kein Autorenfilmer

Das ist die eine Seite des Erregungsfalls „Intrige“. Die andere ist der Film selbst. Schon in Venedig meinten viele (darunter die Präsidenten der Festivaljury), man könne den Film nicht sehen, ohne an den Mann zu denken, der ihn gedreht habe. Gerade bei Polanski ist das ein seltsames Argument. Es gibt Regisseure, die ihr Leben im Kino spiegeln. Roman Polanski gehört nicht zu ihnen. Er hat einen einzigen autobiographischen Film gedreht – „Der Pianist“, die Geschichte des Komponisten Władysław Szpilman, der wie Polanski in einem Versteck die Schoa überlebte – und zwanzig andere, die mit seiner Biographie nichts zu tun haben. Polanski ist ein Meister des Genrekinos nach Buchvorlagen (wie „Rosemarys Baby“) und Originaldrehbüchern (wie „Chinatown“), kein Matador des Autorenfilms.

Das gilt auch für „Intrige“. Den Roman, nach dem der Film entstand, hat der Brite Robert Harris („Vaterland“) vor sieben Jahren veröffentlicht, die Dreyfus-Affäre, die er schildert, ist gut hundert Jahre alt, und Polanski steht seit dreiundvierzig Jahren in den Vereinigten Staaten wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen unter Anklage. Sein Opfer Samantha Geimer hat ihm inzwischen verziehen, und auch darüber gibt es bereits einen Film. Hätte Polanski nach einer Möglichkeit gesucht, seine Biographie mit Hilfe des Kinos schönzufärben, hätte er viele Gelegenheiten dazu gehabt. Der Film „Intrige“ ist dafür kein geeignetes Mittel.

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Der Hass gegen den Mann eines neuen Zeitalters

Denn dies ist eine Geschichte von Männern mit Schnurrbärten, schwarz-roten Képis, roten Hosen und goldenen Tressen an Uniformen, die wie faltbare Ritterrüstungen aussehen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der am Anfang des Films im Hof der École Militaire von Paris vor Tausenden seiner Kameraden aus der Armee ausgestoßen wird, weil ihn der militärische Geheimdienst wider besseres Wissen ans Messer geliefert hat. Und es ist, neben allem anderen, eine Schlüsselgeschichte des modernen Antisemitismus.

Für Hannah Arendt war der Fall des Artilleriehauptmanns Alfred Dreyfus, der 1894 wegen angeblichen Geheimnisverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, der erste historische Ausbruch der antiaufklärerischen Unterströmungen, die die Nationenbildung im Europa des neunzehnten Jahrhunderts begleitet hatten. Der Hass der militärischen und politischen Eliten richtete sich gegen den Aufsteiger aus einer elsässisch-jüdischen Industriellenfamilie, weil sie in ihm den Protagonisten eines neuen Zeitalters erkannten, das nicht mehr von Tradition und Blutsbanden, sondern von Ingenieurswissen und ökonomischer Rationalität bestimmt wurde. In der Eröffnungsszene von „Intrige“ drückt sich dieses Hassverhältnis in der Choreographie von Dreyfus’ öffentlicher Entehrung aus. Die Drahtzieher der Verurteilung schauen aus großer Distanz zu, wie der Uniformschmuck des Verurteilten abgerissen und sein Degen zerbrochen wird. Einer von ihnen, Oberst Picquart (Jean Dujardin), benutzt sogar ein Fernglas. Der Film erzählt davon, wie Picquart dieses optische Instrument ablegt und mit eigenen Augen die Wahrheit über Dreyfus und seine Richter entdeckt.

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Émile Zola wird in dem Film zur Randfigur

Ein französischer Historiker hat Polanski und seinem Drehbuchautor Harris vorgeworfen, sie überhöhten die Rolle Picquarts und vernachlässigten den Anteil von Dreyfus’ Familie bei der Aufdeckung des Skandals. Wäre „Intrige“ ein Dokumentarfilm, wäre das ein triftiger Einwand; so ist es eine Nörgelei. Der Roman von Harris ist eine Ich-Erzählung aus der Sicht Picquarts; der Film von Polanski ist ein Zeitgemälde mit Picquart im Zentrum. Für den Zuschauer bedeutet das, dass nicht das Leiden des Opfers im Mittelpunkt steht – auch wenn die fünf Jahre, die Dreyfus (Louis Garrel) auf der Teufelsinsel verbringt, in ein paar fiebrigen Einstellungen beschworen werden –, sondern die Recherche seines Verbündeten im Militärapparat. Ein Detektivfilm also, zurückprojiziert in jene Zeit, in der die Detektivfilme gerade erst entstanden. Auch Georges Méliès, der Urvater des Erzählkinos, hat 1899 einen Dreyfus-Film gedreht, elf jeweils einminütige Szenen, die man sich in restaurierter Form auf Youtube ansehen kann.

Wenn man Polanski eine Vernachlässigung vorwerfen kann, dann betrifft sie die Rolle des Schriftstellers Émile Zola, dessen berühmter offener Brief in der Zeitung „L’Aurore“ dem Film den französischen Titel gab. Aber auch hier ist das Kalkül der Regie so simpel wie effektiv: Zola (André Marcon) ist eben dramaturgisch betrachtet ein Langweiler mit Feder und Tinte, während Picquart, der mit seiner Geliebten (Emmanuelle Seigner) im Bois de Boulogne picknickt, seinen fiesen Untergebenen Henry im Duell besiegt und seinen Widersacher Esterházy auf der Straße mit einem Kinnhaken niederstreckt, immer wieder für Unterhaltung sorgt.

Eine der schönsten Szenen des Films spielt in einer Kirche. Sie zeigt die Übergabe der Papierschnipsel aus dem Mülleimer des deutschen Militärattachés, die dessen Putzfrau für Picquart aufbewahrt hat. Für eine Rekonstruktion der Dreyfus-Affäre ist die Szene ohne Belang, aber Polanski und sein Kameramann Paweł Edelman machen daraus ein Kabinettstück des klassischen Kinos. Die Lichtregie, die Perspektiven, der Wechsel von Totalen und Großaufnahmen, das alles ist so leichthändig hingezaubert, dass man gar nicht merkt, wie einen der Film mit seinen Bildern einseift. Dieselbe abgebrühte Virtuosität spricht aus fast allen Filmen Polanskis, und sie markiert auch hier die Grenze seines Könnens. Eine Geschichte, die uns wirklich ergreift wie die des „Pianisten“, wird er wohl nicht mehr erzählen. Stattdessen setzt er die Tradition des französischen Qualitätskinos fort, das alle Angriffe der Nouvelle Vague überlebt hat. Inzwischen haben zwei weitere Frauen Polanski der Vergewaltigung bezichtigt. Die Fälle sind noch anhängig. Die Dreyfus-Affäre dagegen hat Roman Polanski für das Kino zu den Akten gelegt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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