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Video-Filmkritik zu „Star Wars“

Mit Rettern reden

Von Dietmar Dath
 - 16:53
© The Walt Disney Company, FAZ.NET

Viele verlangen viel von diesem Film. Er gibt sein Bestes: Blasterschüsse, Abschiedstränen, Tiefschläge und Hochgefühle. Die Äuglein der niedlichen Porgs (lies: Hamsterpinguine) rühren das härteste Herz. Der böse Doppelgänger BB-9E des putzigen Kugel-und-Kuppel-Roboters BB-8 aus „Das Erwachen der Macht“ (2015) rollt wie mit schwarzer Niedertracht geschmiert durchs Bild. Die geschmacklose Spielhölle von Canto Bight (lies: Las Vegas hinterm Mond) ist der Produktionsdesignspielplatz des Jahres. Die modischen Accessoires (Koppelschloss, Chromhelm, Podopsellon, Amulett) gibt’s bald bei H&M. Und die Salzebene des Planeten Crait, wo am Filmende der Showdown stattfindet, blutet, wenn rostige Heckflossen von Schrottschiffen daran kratzen, in malerischen Kielwolken den krapproten Alizarinstaub des Todes.

So sehr aber „Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi“ spendabel austeilt, was man von einem Film dieser Reihe erhoffen darf, so listenreich unterläuft er gewisse grundsätzlichere Erwartungen an den Markenkern; und zwar genau vier Stück.

Erstens ging es bei „Star Wars“ stets und nicht eben beiläufig um eine ausgedachte New-Age-Quatschreligion, in der bewaffnete Bademantelträger die Balance zwischen Licht und Dunkel, also den zum Pleroma verallgemeinerten Gefühlshaushalt pubertierender Videospielopfer verwalten – einen Unfug, zu dem sich anlässlich einer Volkszählung aus dem Jahr 2001 in England und Wales immerhin 0,8 Prozent der dortigen Bevölkerung bekannten (es gab da vor dem Brexit also mehr Jediritter als Sikhs oder Buddhisten). Der „Star Wars“-Erfinder George Lucas hat in seinen drei teils schwer verhauenen Prequel-Filmen zwischen 1999 und 2005 unseligerweise versucht, den Jedi-Blödsinn aus der parsifalhaft reinen Torheit ins Pseudowissenschaftliche zu übersetzen, nämlich ausgerechnet in der Biologie zu verankern: Bestimmte Leute sind genetisch zu Erkenntnis und Gebrauch der alldurchdringenden „Macht“ prädisponiert, ach du lieber Rassismus. Man bedient sich nicht ohne Folgen fürs Erzählen bei Leni Riefenstahl, japanischen Jidaigeki-Filmen und Richard Wagners Dramenverständnis.

Von alledem ist zwar schon seit Episode VII zum Glück keine Rede mehr; erst das neueste Abenteuer indes lässt die Jedi-Dogmatik fast komplett in Flammen aufgehen. Eine wichtige Figur, die ihre einschlägigen Predigten früher mit krummer Grammatik zu beglaubigen pflegte, stellt diesmal sogar ausdrücklich fest, dass man den Hokuspokus für Heldentaten eigentlich nicht braucht. Man darf in diesem Abfall der Handlung von der eigenen Hippiekonfession ein Epiphänomen der Tatsache sehen, dass die wichtigsten Figuren des kanonischen „Expanded Universe“ der „Star Wars“-Mythologie (inklusive Unmengen von Comics, Romanen und Spielen) vom Disney-Konzern 2012 nach Erwerb der Rechte daran beherzt aus ihren verworrenen Kontexten gerissen wurden, was vielen Fans bis heute seelische Leiden verursacht. (Ist die Liebesgeschichte zwischen Luke Skywalker und Mara Jade also nie passiert? Dann hat das Leben wohl keinen Sinn mehr). In Wahrheit war dieser Ausverkauf eine Entrümpelung und ein Segen: Disney hat das Hauptpersonal der Saga dem Erfinder weniger weggenommen als vielmehr aus dessen wegen intellektueller Baufälligkeit einsturzgefährdetem Konzeptgefängnis evakuiert.

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Zweitens ging es bei „Star Wars“ bislang sehr wesentlich um einen Familienroman: um die Sünden des Großvaters, die Sühneleistungen des Enkels, die wechselseitige Schicksalsdurchdringung von Brüderchen und Schwesterchen et cetera. Der aktuelle Film ersetzt dieses Blutlinien-und-Filiations-Theater durch einen abwechslungsreichen Bilder- und Spiegelbogen, der die Idee illustriert, Brutpflege und Verwandtenhilfe seien in einer komplizierten Welt vielleicht weniger wichtig als die erlernbare Solidarität zwischen Geschöpfen verschiedener Herkunft. Alle sind Bastarde des Glücks oder Unheils, niemand ist reinrassig.

Drittens waren „Star Wars“-Filme allzeit auch Kriegsfilme vor dem Horizont einer ziemlich sandkastenhaften Vorstellung davon, was ein Krieg ist, nämlich so ungefähr ein Schauplatz der Bewährung des Guten im gerechten Wüten gegen das Böse. Spätestens in dem Moment, da Kelly Marie Tran, die ansprechendste schauspielerische Entdeckung im neuen Film, als lebenskluge Ingenieurin Rose Tico sagt, der Sieg könne nicht daher kommen, dass wir bekämpfen, was wir hassen, sondern nur daher, dass wir retten, was wir lieben, ist das ledernackenspeckige Soldatenpathos der „Star Wars“-Klassik tödlich getroffen.

Peitschenschwinger und Rülpsrüpel

Viertens schließlich war und bleibt George Lucas zwar ein Genie der Instant-Mythendichtung, aber auch ein politisch unterbelichteter Schwarzweißdenker, der nie begriffen hat, dass ein System wie dasjenige, gegen das seine Heldinnen und Helden sich so gern auflehnen, also eine der einfachsten Zweckrationalität verschlossene Sekurikratie mit psychotischem Uniformfetisch, in einer hochtechnisierten, also auch hocharbeitsteiligen (nämlich unter anderem sternenfahrenden) Zivilisation keine zehn Minuten lang lebensfähig wäre, weil einfach niemand außer dem Teufel („Imperator“) irgendetwas von der systematischen Dauergrausamkeit hätte. „Episode VIII“ schafft es hingegen, auch mal ein paar Profiteure des Unrechts vorzuführen, es sind allerdings bloß diverse cartoonschematische Waffenhändler, Peitschenschwinger und andere reiche Rülpsrüpel – gut, bei Brecht und George Grosz ist „Star Wars“ jetzt also auch angekommen, mal sehen, ob da noch mehr drin ist.

Die vier großen Umwertungen, die der Regisseur Rian Johnson in „Episode VIII“ somit inszenieren darf, geht er als erprobter Neudeuter von Genreregeln (wie im Verwirrkrimi „Brick“ von 2005) sowie Geschicklichkeitsspieler der Verknüpfung von konvergierenden Handlungsspiralen zu Rasselkettenkaskaden (wie im Zeitreisedrama „Looper“ 2012) an und lässt auch für (manchmal den Klamauk streifende) Witze Platz. Sein Ensemble hält Schritt: Benicio del Toro und Laura Dern legen ihre Gastauftritte mit Schmiss hin, der großen, vor dem Filmstart verstorbenen Carrie Fisher wird ein würdig-hintergründiger Abschied gegönnt, und der bis heute von böser Kritik zu Unrecht als Schmalspektrumschauspieler geschmähte Mark Hamill darf die für ihn berufslebensprägende Geschichte des gebeutelten Luke Skywalker ehrenhaft abschließen (in Interviews hat Hamill natürlich trotzdem noch dies und das zu meckern, jedenfalls andeutungsweise, aber man sehe es ihm nach, ambivalente Liebe zur unüberwindlichen Rolle spricht da unüberhörbar mit).

Die Stammtruppe der laufenden (und letzten) „Star Wars“-Hauptfilmkomplextrilogie bleibt auf der schon in „Episode VII“ erreichten Gestaltungshöhe; Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Adam Driver und John Boyega bilden damit die feste Fassung für den Edelstein in ihrer Mitte, Daisy Ridley als Rey, die sich von Internet-Kellerstubenhockern leider immer noch die Beschuldigung bieten lassen muss, sie verkörperte da eine „Mary Sue“. Dieser Ausdruck aus der Film-, Fernsehserien- und Comcisüchtigenszene soll weibliche Identifikationsangebote madig machen, die angeblich allzu unrealistisch mit überlebensgroßen Herausforderungen und Gefahren fertig werden – im Gegensatz wohl zu Nasen wie James Bond, Batman oder Harry Potter, derengleichen ja jedermann aus persönlicher Anschauung kennt.

Wo wir gerade bei der Wirklichkeit sind: Nein, ein verwackelter Kino-süß-sauer-Kitsch über alleinerziehende, HIV-infizierte Arbeitslose ist keineswegs welthaltiger als „Star Wars“, denn Gegenwartswirklichkeit ist in der Massen- nicht minder als in der Connaisseurskunst keine Frage der Stoffe. Die soziale Raum-Zeit-Erfahrung, die in Science-Fantasy-Bombast wie „Episode VIII“ lustvoll von ihrer Alltagszweckgebundenheit befreit wird, ist einfach die der Satelliten-, Röntgen- und MRI-Aufnahmen, der Navi-Computer-Grafik im Auto auch, und wenn bei „Star Wars“ Telepathie Leute miteinander verbindet, die durch Lichtjahrdistanzen getrennt sind, dann sind das Nachbilder und Echos der potentiellen Erreichbarkeit aller durch alle in der Handy-und-Internet-Epoche.

Nähe, sagt so ein Hyperdrama, ist eine Intensitätsfrage, kein messbarer Luftlinienabstand – messianisch an den Heldinnen und Helden dieses Spektakels ist, dass sie nicht irgendwo im Bistro, sondern vor einem immer mitgezeigten, kosmisch-größtmöglichen Hintergrund einander in die Gesichter sehen und einander berühren können. Die Rettung ist ansprechbar: „Star Wars“ dramatisiert den mediengeschichtlich hochaktuellen Denkfehler, der glaubt, man könnte Kommunikation allseitig unendlich erweitern. In schlechter Science-Fiction heißt es manchmal, irgendwelche Außerirdischen kämen zum Beispiel „aus dem Sternbild Schütze“. Eine solche Behauptung vergisst, dass dieses Sternbild gar kein Ort ist, sondern eine Zufallsansammlung nahezu beliebiger Himmelskörper, die nur von uns aus gesehen ein Muster bilden. Exakt so ein Muster trägt jede Erwartung, die von bloßen Menschen heroische Güte, Bereitschaft zum Widerstand gegen das Übel und Verbundenheit mit dem Weltganzen verlangt, eben die „New Hope“ des Untertitels zum ersten „Star Wars“-Film 1977. Die Konstellation der Ideale ist ewig unerreichbar. Aber sehen können wir sie, am Nachthimmel.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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