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„The Dead Don’t Die“ im Kino

Rat mal, wer zum Fressen kommt?

Von Axel Weidemann
 - 11:20
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Filmkritik „The Dead Don’t Die“
Ein entspannter Zombiefilm

Film-Seminar bei Jim Jarmusch. Titel: „The Dead Don’t Die“. Erwünschtes Erkenntnisziel: Der Moment, in dem sowohl Welt als auch Mensch aus dem inneren Gleichgewicht geraten sind, was in zwei von drei Fällen zu apokalypse-artigen Zuständen führt, steht nicht etwa kurz bevor – wir sind mittendrin; und selbst höhere Mächte holen uns da nicht wieder raus. Der Film ist penetrant wie sein Gegenstand, der Zombie: Zunächst wirkt der schlurfende Antivegetarier putzig, aber dann lässt er nicht locker und hat bis zum Ende jeden Deutungsraum besetzt.

Der Regisseur ist berühmt dafür, in vielen seiner Filme Bedeutsamkeiten zu behaupten und aufzustellen wie Pappkameraden und -kulissen. Manchmal, wenn man diese Jarmusch-Konstrukte hinterfragt, wird es eindimensional. Da aber die Zeichen bei Jarmusch oft sehr dicht stehen – großflächige Wortplakate aus direkter Theatersprache und leere Gesten, die wie eine Mauer aus Luftballons jedwede Beschleunigung des Geschehens auffangen –, kann man nur schwer hindurch, dahinter oder darüber hinwegsehen. Würde man Jarmusch fragen, würde er vermutlich sagen: „It’s Zen, stupid“.

Hände, die aus der Erde wachsen, Schrotflinten und Verzweiflung

Immerhin wird es, wenn sich Jarmusch mit Untoten beschäftigt – so wie in der Vampir-Klamotte „Only Lovers left alive“ –, mitunter bissig, beschwingt und sogar entspannt. Doch lässt sich seine handgemachte Kunstanspruchserhebung an Vampiren besser durchbuchstabieren als an Zombies. Um den Kunstanspruch geht es diesmal allerdings gar nicht. Im Gegenteil, es geht um verrohte Reflexe. Um ihr Treibhaus am Laufen zu halten, haben die lebenden Menschen in „The Dead Don’t Die“ die Pol-Kappen per Fracking abgeschmolzen und die Erdrotation verändert. Das bringt nicht nur die Ökosysteme des Planeten durcheinander, sondern auch den Mond zum Leuchten. Seine lila Aura macht die Toten unruhig. Sie stehen auf, um den Lebenden die unumkehrbaren Folgen ihrer Bequemlichkeit vor Augen zu führen. Als Folie dient ein sinn- und seelenentleertes amerikanisches Nest namens Centerville mit 738 Einwohnern, davon drei Polizisten.

In seinem skurrilen Schulfernsehprojekt, das als Eröffnungsfilm in Cannes zuletzt gemischte Reaktionen hervorrief, ist Jarmusch sehr um Eindeutigkeit bemüht. Dafür setzt er das Zombie-Film-Genre auf Diät, bis am Ende nur noch ein Skelett übrig ist: Hände, die aus der Erde wachsen, Schrotflinten und Verzweiflung. Dafür: kein Tempo, kein Splatter, kein Blut und keine horrortypische Ahnungslosigkeit der Opfer. Man ist gut informiert, weiß Bescheid, mit welchem Gegner man es zu tun hat und wie man ihm beikommt: Rübe ab. Besiegen kann man ihn deshalb noch lange nicht.

Tilda Swinton als Bestatterin und Karate-Galadriel

Und weil es einen der stärksten Hundeblicke des Films braucht, um dem Unausweichlichen ins Auge zu sehen, ist es gut, dass Bill Murray als Sheriff Clifford „Cliff“ Robertson eine der tragenden Rollen spielt. Zur Seite stehen ihm Adam Driver als Kollege Ronald „Ronnie“ Peterson, formschön unterwegs im roten Smart-Cabriolet, Chloë Sevigny als Kollegin Minerva „Mindy“ Morrison und – in einer fast rührenden Wes-Anderson-trifft-Quentin-Tarantino-Rolle – Tilda Swinton als schwertbeschwingte Bestattungsunternehmerin und Karate-Galadriel. Als Kommentator fungiert Tom Waits in Gestalt des bärtigen Eremiten Bob. Zu den roten Pilzen spricht er: „Ihr solltet gar nicht hier sein.“ Und weil auch Film ein Kumpel-Business ist, dürfen Jarmuschs Musikerfreunde RZA und Iggy Pop nicht fehlen. Ersterer liefert „Wu-Tang-Wisdom“ beziehungsweise Jarmuschs Sehanleitung: „The world is perfect, appreciate the details.“

Jarmusch macht sich hier zum ersten Mal ernsthaft Sorgen. Setzte er der Entseelung seines Landes – auch dieses Mal routiniert dargestellt durch vorbeiziehende Straßenzüge wie Stillleben, ohne einen einzigen Menschen – meist stur-optimistische Sisyphos-Don-Quijote-Figuren entgegen, brechen nun alle unter dem Druck der Ereignisse zusammen.

Die, die fliehen können, fliehen. Ronnies ewigem „Das wird nicht gut enden“, weiß Cliff irgendwann nur noch ein wiederholtes „halt verdammt noch mal die Fresse“ entgegenzuschleudern. Das „Besser“ aus „früher war alles besser“ darf in „The Dead don’t die“ somit zeigen, wie aktuell es in diesen Tagen ist: gar nicht.

Jarmusch zeigt zum ersten Mal, wie blutleer Zombies sind

Die Idee, Zombies, Konsumgesellschaft und ökologische Krise miteinander kurzzuschließen, ist schon länger nicht totzukriegen. Die Frage „What makes zombie-sammy run“ wird hier jedoch nicht mit „Braaaain“, sondern sehr deutlich mit „Candy“ (Kinder-Zombies), „WiFi“ (jugendliche Zombies), „Fashion“ (nicht mehr ganz so, aber doch noch jugendliche Zombies), „Chardonnay“ (ältere Zombies) und „Kaffee“ (Iggy Pop) beantwortet.

Dafür zeigt uns Jarmusch zum ersten Mal, wie blutleer (und eben innerlich dann doch sehr tot) die Sklaven des Konsums wirklich sind: Ist das Kopf gewordene Verfallsdatum erst einmal erfolgreich vom Körper getrennt, rinnt schwarze Asche aus dem Schädel. George A. Romero – selbstredend in Bild, Wort und Auto mehrfach zitiert – würde sich im Grab umdrehen. Bei ihm wirkten die Zombies oft lebendiger als die Lebenden.

Für Menschen, die von Haus aus keine Zombie-Filme mögen, aber doch ganz gerne mal einen sehen möchten, ist „The Dead Don’t Die“ der richtige Film – sein Äquivalent ist ein mundgerechter Hamburger, der nicht kleckert und mit Halloumi belegt ist. Zumindest, wenn man von der letzten Viertelstunde absieht. Nicht etwa, weil es da so grausig zuginge (der Showdown ist brutal, auch weil die Menschheit hier ob der Übermacht an Hirnlosen aufgibt, ohne aber die Waffen zu strecken), sondern weil Jarmusch Angst hat, man könne als Zuschauer glauben, er zeige tatsächlich nur eine schrullige Gruselgeschichte.

Wenn die Zombieschlacht mit Bildern von Menschen und ihren liebevollen Beziehungen zu den neuen, glänzenden Göttern gegengeschnitten wird, dann möchte man (gesetzt den Fall, man hat nicht schon wieder ein Meta-Hintertürchen übersehen) aufstöhnen und sagen: Nun haben wir es aber wirklich verstanden, Jim. Was sollen wir tun? Mehr Schrotflinten kaufen?

Denn dass der Film und sein Geschehen auch das Publikum etwas angeht, macht Jarmusch bereits vorher klar, wenn das Polizisten-Duo wiederholt die vierte Wand durchbricht und sich über das Skript und den titelgebenden Song von Sturgill Simpson auslässt. Stark ist der Film in seinen sehr ergötzlichen Untertreibungen: „Die Welt ist in letzter Zeit etwas seltsam geworden.“ Was den als Fingerzeig verkleideten Holzpfahl angeht, der am Ende heransaust: Vielleicht ist die bequeme Zeit der Ironie und der Uneindeutigkeit in einem Zeitalter der Überforderung durch Kommunikation und deren Echtzeitbewertung nun zu Ende. Vielleicht muss, wer etwas zum Guten bewegen will, wieder klar Position beziehen. Mit einem Wort sagen, was er will. Wie ein Zombie. Solange die Welt dadurch besser wird, herzlich gern – die Kunst wird es nicht.

Quelle: F.A.Z.
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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