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Video-Filmkritik

Kleine Männer und Frauen mit Bart

Von Bert Rebhandl
 - 12:06
© 20th Century Fox, F.A.Z.

Wenn man für einen Mann von ziemlich kleinem Wuchs eine Bühnenrolle suchen müsste, dann kommt man um eine Figur von welthistorischer Geltung kaum herum: Napoleon, der große Korse, war bekanntlich in seiner leiblichen Erscheinung keine überragende Figur. Und so steht auch gleich fest, wen ein kleiner Mann namens Tom Thumb in der Show des ehrgeizigen Impresarios P.T. Barnum spielen soll: Er reitet als Westentaschen-Napoleon im Kreis und ballert aus Pistolen durch die Gegend.

Kein Wunder, dass der respektierteste Kritiker in New York, ein Sauertopf namens James Gordon Bennett, das nicht für große Kunst hält. Für ihn ist das eher ein „Zirkus“, was Phineas Taylor Barnum da in Szene setzt. Das ist nun wiederum genau das Wort, auf das Barnum – der wie die meisten großen Unternehmer den Begriffen vorauseilt – gewartet hat. Denn bisher lief es mit seinem „Museum“, in dem er auch einen Napoleon, aber nur einen wächsernen gezeigt hatte, noch eher schleppend. Ein Zirkus hingegen, das klingt doch fast schon nach Entertainment und damit nach einem erweiterten Kulturbegriff, an dessen Anfang im 19. Jahrhundert die eine oder andere Kuriosität stand.

Von dem historischen P.T. Barnum wird berichtet, dass er anfangs eine alte Afroamerikanerin zur Schau stellte, die George Washington die Brust gegeben haben wollte (oder sollte), und als sie schließlich im vorgeblichen Alter von mehr als 160 Jahren starb, habe Barnum auch noch an ihrer Obduktion verdient.

Diese „oddities“ sorgen in Amerika für Furore

Das wäre an sich schon eine herausragende Geschichte für einen Film, für ein Musical wie „The Greatest Showman“ aber dann doch zu kontrovers. Was der Regisseur Michael Gracey auf Grundlage eines Drehbuchs von Jenny Bicks erzählen möchte, enthält zwar implizit eine Menge heutiger Kulturpolitik. Keineswegs aber geht es darum, einem Säulenheiligen des amerikanischen Traums von Unterhaltung für alle Schichten am Mythos zu flicken. Im Gegenteil bleibt dieser Barnum, wie Hugh Jackman ihn spielt und singt und tanzt, eine recht allgemeine Figur – passend zu einem Genre, dem alles zu einem Lied und nach Möglichkeit zu einer Melodie werden soll, die man nicht mehr loswird.

„The Greatest Showman“ wird Barnum vor allem, weil er von dem Wunsch beseelt ist, es den Eltern seiner Braut zu zeigen. Das Band zu der blonden Charity entsteht schon im Kindesalter: Die höhere Tochter ist gerade dabei, etepetete einen Schluck Tee zu nehmen (mit mustergültig abgewinkeltem Finger), da bringt sie der Dienstbotenjunge zum Lachen, indem er sie nachmacht. Die kleine Etikettenkatastrophe kann mit einer Serviette beseitigt werden, sie steht aber bald sinnbildlich für einen Hang zum Eklat, der Barnum eignet – einen Höhepunkt gibt es diesbezüglich während einer Audienz bei der englischen Königin, die irgendwann auch von den „oddities“ Wind bekommt, die in Amerika für Furore sorgen. Sie lässt sich das Personal vorführen, das Barnum in der Zwischenzeit für seinen Zirkus angesammelt hat, und dabei kommt es zu dem hübschesten aller Skandale. Die Königin muss nämlich lachen, und zwar wegen einer frechen Bemerkung von Tom Thumb.

Die weißen Snobs und die Dame mit Bart

Die Szene bei Hof ist so etwas wie der neuralgische Punkt in „The Greatest Showman“. Denn sie motiviert ein Selbstmissverständnis, das dem ganzen Film erst eine in Ansätzen dramatische Bewegung verleiht. Barnum will nun tatsächlich höher hinaus, nämlich in die bessere und beste Gesellschaft von New York. Er engagiert dazu eine Sängerin namens Jenny Lind, die als „schwedische Nachtigall“ bezeichnet wird und die einen denkwürdigen Auftritt hinlegt: Sie singt, als wäre sie die Kassandra, die schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Celine Dion zu künden hätte. Das Publikum, bisher an Arien und Belcanto gewöhnt, applaudiert brav, dabei hat es sich gerade etwas unterjubeln lassen, nämlich eine andere Kategorie von Schmachtfetzen – eine, auf die das amerikanische Entertainment erst kam, als es Komponisten wie Irving Berlin allmählich zu vergessen begann. Das „Never Enough“, für das Loren Allred, eine Entdeckung aus der Casting-Show „The Voice“, der Schauspielerin Rebecca Ferguson die Stimme leiht, schlägt eine Brücke zwischen den Spektakeln, die „The Greatest Showman“ dem neunzehnten Jahrhundert unterstellt, und den Super-Bowl-Pausen-Ambitionen, an denen heute in Amerika das Liedgut gemessen wird.

Die Szene ist auch noch in einer anderen Hinsicht zentral für den ganzen Film, denn sie integriert die beiden politischen Bewegungen in „The Greatest Showman“. Ausgerechnet im Augenblick seines größten Triumphs, in dem er dem New Yorker Establishment seine Form von Pop nahebringt, sperrt Barnum nämlich seinen Zirkus aus. Die heterogene Truppe, die ihn reich gemacht hat, muss sich selbst Zutritt verschaffen, und so sehen sich die weißen Snobs zum ersten Mal mit einer Figur wie Lettie Lutz konfrontiert, einer korpulenten Dame mit Bart, die in vorderster Linie für all die Gruppen auftritt, die sich durch die „Merkwürdigkeiten“ (oddities) von Barnum vertreten sehen können.

Wenn schon Zirkus, dann Zirkus

Es sind just jene Minderheiten, die zu solchen erst durch die fluiden Kriterien von „race“ und „gender“ werden – wobei Tom the Thumb als Weißer mit „handicap“ zur Komplettierung einer Vorstellung von „humanity“ beiträgt, die in „The Greatest Showman“ ein wenig zu deutlich ausbuchstabiert wird, um der ohnehin schon überdeutlichen Botschaft dann doch fast wieder abträglich zu sein. Die nach der Wahl von Donald Trump in Amerika aufgeflammten Debatten über kulturellen und sozialen Fortschritt, die inzwischen selbst schon die Denkfabrik von Sigmar Gabriel erreicht haben, sind in „The Greatest Showman“ jedenfalls überdeutlich präsent.

Das mag aber wiederum damit zu tun haben, dass Michael Gracey der Bewegung seines Films nicht so richtig zu trauen scheint. Kaum einmal kommt es zu einer Szene, in der nicht die ausgestellte Botschaft den Mittelpunkt bildete, sondern in der Musik und Choreographie die Erzählung übernehmen – wie es in einem Musical ja sein soll. Zac Efron, der als junger Schönling eine ansonsten dramatisch unterbelichtete Hauptrolle spielt, turnt immerhin einmal sinnfällig mit der afroamerikanischen Trapezkünstlerin Anne Wheeler (Zendaya) herum und versucht, „die Sterne umzuschreiben“, also das Schicksal einzuwickeln.

Im Idealfall werden in einem Musical Geist und Gefühl in Melodie und Tanz überführt. In „The Greatest Showman“ ist aber schon der Titel von einer so tönernen Ironie, dass man das Gefühl nie ganz loswird, hier spiele ein ganzer Film gegen einen Hochstaplerverdacht an, der doch längst epochal fallengelassen wurde. Wenn schon Zirkus, dann Zirkus, und wenn Regenbogenparade, dann auch wirklich in allen Farben. „The Greatest Showman“ aber versucht, die politischen Kategorien des 21. mit den ästhetischen des neunzehnten Jahrhunderts zu umgarnen. Das endet in einer Selbstfesselung, an der wohl selbst ein Houdini gescheitert wäre. Aber das ist schon eine andere Show und ein anderer Typ Showman.

Quelle: F.A.Z.
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