Video-Filmkritik zu „Limbo“

Das ist echte Knöchelarbeit

Von Maria Wiesner
19.02.2020
, 11:40
Ein Film ohne erkennbaren Schnitt: Das gibt es jetzt öfter. Der deutsche Krimi „Limbo“ gewinnt dem riskanten Verfahren immerhin ein paar neue Pointen ab.

Wenn Filmemacher sich entscheiden, ihre Geschichte in einer durchgängigen Einstellung zu erzählen, also ohne Schnitt, dann haben sie dafür meist einen guten Grund. Mal wollen sie das unaufhaltsame Fließen der Handlung unterstreichen, wie bei „Victoria“ (2015), mal der Hauptfigur unmittelbar in ihre psychischen Abgründe folgen, wie bei „Birdman“ (2014), und mal möglichst authentisch die Greuel des Krieges aufzeigen, wie in „1917“ (2019). Die Kamera bleibt in jedem dieser Filme nah an den Protagonisten, rennt mit ihnen, wenn sie rennen, und zieht die Zuschauer ins Geschehen.

Die Suche nach Authentizität hat in Zeiten von Fake News und Instagram-Influencern Konjunktur. Sie mag ein Grund dafür sein, dass sich Filme mit einer einzigen Kameraeinstellung häufen. Jetzt kommt „Limbo“ in die deutschen Kinos, nur ist das Filmmaterial im Gegensatz zu „1917“ oder „Birdman“ nicht in der Nachbearbeitung nahtlos zusammengesetzt worden. Hier wurde 89 Minuten am Stück gedreht, inklusive Orts- und Figurenwechsel. An diese technische Kür haben sich der Filmstudent Tim Dünschede (Regie), Kameramann Holger Jungnickel und Drehbuchschreiber Anil Kizilbuga gewagt. Dünschede hat das Projekt als Diplomarbeit an der Filmhochschule München eingereicht. Skriptautor Kizilbuga ist ebenfalls Anfänger im Filmfach und auch für Kameramann Jungnickel ist es der erste Langspielfilm.

Man befürchtet am Anfang, die drei hätten sich zu viel vorgenommen, mutet ihre Story doch auf den ersten Blick wie die Spielfilmversion einer „Bad Banks“-Folge an: Ana (Elisa Schlott) arbeitet als Compliance-Managerin bei einer großen Bank, ihr Job ist es, so wird sie es gleich am Anfang ihrem Vorgesetzten erklären, darauf zu achten, dass sich das Finanzwesen weg vom ungezügelten Kapitalismus hin zur nachhaltigen Wirtschaft entwickelt. Der Vorgesetzte (Mathias Herrmann) wedelt diesen Idealismus mit unwirscher Hand fort und will auch von den „Ungereimtheiten“, die Ana entdeckt hat, erst einmal nichts wissen. Stattdessen wird die Angestellte zum Ausgehen überredet. Nachdem die Kamera ihr vom Büro in den Fahrstuhl gefolgt ist, hinaus auf die Straße und hinein ins Großraumtaxi zum Chef, verlässt sie Ana an einer Tankstelle und folgt der Tankstellenkassiererin in ein Zimmer, in dem der zweite Protagonist Carsten (Tilman Strauß) das Briefing für seinen Nachteinsatz als verdeckter Ermittler erhält. Carsten soll dabei helfen, einen Unterweltboss hochgehen zu lassen. Eigentlich will er aus der Abteilung aussteigen, das hier soll sein letzter Job sein – Krimifans wissen, das kann ja nur schiefgehen. Gemeinsam mit seinem nichtsahnenden Kontaktmann Ozzy (Martin Semmelrogge mit Lederjacke aus den 70ern und knarrendem Ganoven-slang) fährt Carsten in die Höhle des Löwen, einen illegalen Club für Bare-Knuckle-Boxkämpfe, wo sich die Schicksale der beiden mit denen von Ana und den Bankern kreuzen sollen.

Keine Möglichkeit der Wiederholung

Die Figurenetablierung beginnt etwas schleppend, die Übergänge von Protagonistin zu Protagonist sind anfangs willkürlich, man hat das Gefühl, die Schauspieler müssen sich erst warmlaufen; als Einziger wirft sich Semmelrogge sofort in die überzeichnete Ganovenfigur und schafft es, selbst so abgedroschene Formulierungen wie „Gib Gummi“ oder „Was läuft? Na, alles was zwei Beine hat“ mit chandlerhafter Gelassenheit von sich zu geben.

Der etwas hölzerne Beginn liegt am Drehprinzip; es gibt hier keine Möglichkeit der Wiederholung – das Problem kannte schon Alfred Hitchcock, der 1948 als einer der ersten Regisseure versuchte, mit einer einzigen Kameraeinstellung einen kompletten Film zu drehen: Für „Cocktail für eine Leiche“ nahm er sich ein Theaterstück als Vorlage, dessen Handlung genau der abgefilmten Zeit entsprach. Wochenlang übte Hitchcock mit seinen Schauspielern Bewegungsabläufe ein, bestimmte die Kamerafahrt, notierte minutiös, was wie zu drehen sei. Für ihn kam erschwerend hinzu, dass damals eine Filmrolle nur knapp zehn Minuten aufnehmen konnte. Mit schwarzen Blenden auf den Rücken eines Protagonisten oder ins Aufklappen eines Truhendeckels hinein mussten Schnitte vertuscht werden. Im Interview mit François Truffaut bezeichnete Hitchcock den Film Jahre später als misslungen, weil er sich allein an diese eine Idee klammere. Hitchcocks Suspense funktioniert trotzdem. Gespannt wartet man auf die Entdeckung des Mörders, der unter einer Abendgesellschaft weilt. Ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler, unter ihnen James Stewart, übernehmen, was die Schnitte sonst leisten müssten.

In „Limbo“ versucht man kleinere Mängel in der Postproduktion durch Musik auszugleichen. So wird die Autofahrt von Ermittler Carsten und Kleinganove Ozzy zum illegalen Boxclub mit Geigen übergossen, Trommeln künden von Unheil am Zielort. Hätte man schneiden können, wäre die Autofahrt wohl deutlich kürzer ausgefallen. Spätestens aber, wenn sich alles im illegalen Boxclub trifft, beginnt der Film ganz ohne musikalisches Drängen Fahrt aufzunehmen. In dem labyrinthischen Bau, der sich vom Rotlichtmilieu im Keller über verwinkelte Treppenhäuser und mit lilafarbenen Satinstoffen bespannten Gängen über mehrere Etagen erstreckt, treffen die Figuren aufeinander, die Kamerabewegung wird eleganter, die Übergänge werden sinnvoller, die Spannung zieht an. „Limbo“ ist kein versponnenes Filmhochschul-Stück. Den Filmemachern ist ein solider Gangsterfilm gelungen, der mit etwas weniger Verliebtheit in die technische Idee vielleicht noch ein paar Schwachstellen im Drehbuch (etwa die Handlungsmotivation der korrupten Banker) hätte ausgleichen können. Aber wer sich schon für sein Abschlussprojekt an die Kür wagt, statt eine Pflichtarbeit abzuliefern, dem gebührt grundsätzlich erst einmal Respekt. Und „Limbo“ ist weitaus spannender als mancher Durchschnittstatort, der mit mehr Geld und einem größeren Team produziert wurde.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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