Video-Filmkritik zu „Cats“

Was hat die Katze da wieder reingeschleppt?

Von Julia Bähr
24.12.2019
, 15:30
Jetzt ist es bewiesen, wir leben alle im Pandämonium: Die Verfilmung von „Cats“ ist vielfach verstörend. Nur eine Zielgruppe holt das Musical vorbildlich ab.

Alle Katzen träumen vom sphärischen Raum. „Heaviside Layer“ heißt dieser magische Ort in der Vorlage von T.S. Eliot, benannt nach einer Schicht der Erdatmosphäre, die seinerzeit entdeckt wurde. Die Katze, die dafür auserwählt wird, bekommt ein neues Leben geschenkt und wird wiedergeboren. Zu diesem Musical-Plot existieren mehrere Theorien, von denen die grausamste besagt, dass die Katzen einfach nur diejenige auswählen, die sie am wenigsten mögen, um sie loszuwerden, quasi als rituelle Opferung. Eine andere mutmaßt, dass die Katzen bereits tot sind und sich in der Vorhölle befinden. Dafür gibt es einige Indikatoren, unter anderem die Tatsache, dass nie erwähnt wird, die Katze müsse sterben, um wiedergeboren zu werden.

Die Verfilmung des Musicals liefert noch einen weiteren, recht überzeugenden Beleg für diese These: Sie ist wirklich die Hölle. Höllisch langweilig und zugleich höllisch sonderbar. Schon als nur der Trailer veröffentlicht war, tauschten sich Zuschauer online darüber aus, wie unangenehm bis unfreiwillig komisch die technisch zusammengemorphten Katzenmenschen auf sie wirkten. An die Gesichter gewöhnt man sich nach zehn Minuten Spieldauer zwar – aber noch nie war die schiere Existenz des menschlichen Knies in einem Film so augenfällig. Die Schauspieler und Tänzer sollen sich bewegen wie Katzen und geben sich redlich Mühe, auch wenn nicht ganz klar ist, seit wann Katzen senkrechte Mauern hinablaufen können. Aber sie sehen trotzdem aus wie perfekte Katzen mit falschherum angebrachten Beinen. Und Menschenhänden. Teilweise auch mit menschlichen Kinnen. Manche tragen Schuhe, manche Pelzmäntel. Es ist alles sehr verstörend.

Dabei wollten die Macher sichtlich alles richtig machen. Regisseur Tom Hooper versammelte das Team von „Les Misérables“ wieder um sich, seinem Musicalfilm von 2012, der mit drei Oscars ausgezeichnet wurde und für acht nominiert war. Drehbuchautor Lee Hall schrieb zuvor „Billy Eliot“ und „Rocketman“. Andrew Lloyd Webber höchstpersönlich fungierte als Ko-Produzent. Der Choreograf Andy Blankenbuehler war für das Erfolgsmusical „Hamilton“ verantwortlich. Es spielen Judi Dench, Ian McKellen, Idris Elba, Jennifer Hudson, Jason Derulo und Taylor Swift mit. Sogar eine Expertin für Katzenbewegungen wurde engagiert. Wie konnte ein Film mit derartigem Staraufgebot derart in die Hose gehen?

Die computeranimierten Schnurrhaare sind jedenfalls nicht das einzige Problem von „Cats“, sondern nur das neueste und hausgemachte. Wie der „Hollywood Reporter“ berichtete, überraschte der Filmkonzern Universal am Freitag die amerikanischen Kinos mit der Ankündigung, eine neue Fassung des Films „mit verbesserten visuellen Effekten“ stünde in wenigen Tagen zur Verfügung und solle nach Download oder Lieferung die bisherige Fassung schnellstmöglich ersetzen – ein für einen bereits angelaufenen Film beispielloser Vorgang.

Ein paar andere Probleme hatte das Musical schon immer, sie treten im Film aber besonders deutlich zutage: Die Katzengedichte von T.S. Eliot, die Webber für sein Musical vertonte, sind charmant, aber nicht gerade facettenreich. Jedes Gedicht stellt eine Katze vor, die entweder frech oder gemütlich oder schüchtern oder fies oder weise ist. Da es über diese Lieder hinaus wenig Handlung gibt, behalten die Figuren ihre kargen Persönlichkeitsmerkmale den ganzen Film hinüber bei. „Cats“ vereint also große Schauspieler und einen Regisseur mit Vorliebe für Nahaufnahmen, um dann fast zwei Stunden lang bei jeder Figur dieselbe Regung zu perpetuieren. Deshalb fällt auch die Londoner Primaballerina Francesca Hayward nicht als Schauspielneuling auf – sie schaut die ganze Zeit großäugig und überwältigt umher, wie sich das für die neue Katze im Rudel gehört.

Am schlimmsten hat es allerdings Jennifer Hudson als traurige, abgerissene, einsame Katze Grizabella erwischt. Sie sehen wir ausschließlich weinen und singen, gleichzeitig natürlich, und zwar sehr ernsthaft. So ernsthaft, dass Rotz aus ihrer Nase läuft und in ihren Mund hinein, die Kamera zeigt es uns in Großaufnahme, es ist fürchterlich und Jennifer Hudson ist trotzdem wunderbar, wie auch immer sie das hinkriegt. Ihr Lied „Memory“ hat allerdings Konkurrenz bekommen: Taylor Swift schrieb gemeinsam mit Webber ein herausragendes neues Lied für die Verfilmung, „Beautiful Ghosts“, das skandalöserweise nicht für einen Oscar nominiert wurde. Darin werden auch die Katzen als beautiful ghosts bezeichnet, ein weiteres Indiz für die Pandämonium-These, sollte jetzt noch einer erforderlich sein. Unter dem Titel „Schatten der Nacht“ ist das Lied überdies besser ins Deutsche übersetzt als „Erinnerung“ mit seiner äußerst fragwürdigen Zeile „Sonne, die durch grünes Laub fällt, Gleichnis für die Wahrheit“.

Die unfreiwillige Komik solcher Textzeilen könnte wenigstens für ein paar Lacher sorgen, die der Film sonst nicht provoziert. Rebel Wilson und James Corden wurden zwar als Buffo-Paar engagiert, aber keiner ihrer Gags zündet. Wilsons Jenny Fleckenreich etwa kratzt sich genüsslich an Stellen, wo nur Tiere und Oktoberfestbesucher sich in der Öffentlichkeit kratzen. Das ist nicht lustig, das ist nur befremdlich, und die Sexualisierung dieser schrägen Chimären geht noch weiter: Wenn Idris Elba als Macavity seinen Mantel auszieht und nur noch aus Muskeln und Fell zu bestehen scheint, holt „Cats“ zumindest die Zielgruppe der Furries, also der Fellfetischisten, vorbildlich ab. Alle anderen müssen hektisch selbst herausfinden, wo sie in diesem Moment hingucken sollen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Audience Managerin bei FAZ.NET.
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