Video-Filmkritik zu „Tenet“

Der Sommerblockbuster kommt mit Verspätung

Von Verena Lueken
26.08.2020
, 10:59
Zerschossene Wirklichkeiten, durchkreuztes Tempo, Filmklassik und sehr schöne Männer: Christopher Nolans neuer Film „Tenet“ läuft im Kino an.

Wer hätte gedacht, dass Christopher Nolan, dieser Kinotraditionalist mit den phantastischen Zeitversetzungsobsessionen, einmal ein Ballett choreographieren würde? Hier also ist es. Der Anfang von „Tenet“. Zuerst stimmen die Musiker im Orchester ihre Instrumente. Ein A von den Streichern, und dann wird es laut. Ungewöhnlich laut für ein Ballett. Die Tänzer stürmen von allen Seiten in den Zuschauerraum. Trotzdem fällt das Publikum sofort in tiefen Schlaf. Es ist ein Überfall mit Gift und schweren Waffen, die Tänzer sind Kämpfer und tanzen nicht, sondern schärfen Bomben oder schießen. Im Lauf über die Treppen hinweg, im Fallen, im Sprung. Jede Bewegung der behelmten Krieger in schwarzer Ganzkörpermaskierung scheint einen musikalischen Einsatz zu haben (Musik von Ludwig Göransson.) Das geht eine ganze Weile so und lenkt von der Frage ab, warum hier das Kiewer Opernhaus überfallen wird und dabei ganz offensichtlich nicht nur internationale Geheimdienste am Werk sind, sondern auch Effekte einer Technologie, die dafür sorgt, dass Kugeln, gerade abgeschossen, manchmal wieder in den Pistolenlauf zurückfinden. Inversion, wie kurz darauf eine Wissenschaftlerin erklärt. Auch ohne Erklärung faszinierend. Reines Kino als Tanz von Gewalt und ihrer Rücknahme, was darauf verweist, dass Zerstörung auf der Leinwand in der Welt keine Folgen hat.

Dieser Überfall allein lohnt den Besuch von „Tenet“. Vermutlich gibt es niemanden, der noch nicht von diesem Film gehört hat, denn er sollte längst weltweit die Kinosäle gefüllt haben, ein Sommerblockbuster, eine 200 Millionen Dollar teure Hoffnung auf traumhaften Gewinn. Jetzt also ist er da, und wer Glück hat und ihn in 70mm in einem Imax-Kino sehen kann, wird sich nach den aus den Zimmerlautsprechern zu Hause begleiteten Monaten vermutlich wundern, wie laut eine Dolby-Anlage wummert. Zum Auftakt einer neuen Kinosaison erinnert also dieser Anfang daran, dass das Kino vom Rummelplatz herkommt, von den zuvor nie gesehenen Sensationen und Tricks, und ursprünglich nicht aus dem Computer. Dass das Kino eine physische Seite hat, eine technische Materialität. In Christopher Nolans Filmen, lange bevor er seine physikalisch-philosophischen Gimmicks auspackt, geht es immer auch darum, weil er auf Film dreht und auf dem Kino in seinem spektakulärsten Format besteht.

Eine mächtige Drahtzieherin

Der Anfang von „Tenet“ zeigt, was das wert ist und wo seine Grenzen liegen. Obwohl von Thema oder Plot noch nicht die Rede sein kann. Obwohl noch kein Schauspieler sich zu erkennen gegeben hat. Und obwohl die Figuren, deren Gesichter wir kaum ahnen, keinem Lager und noch nicht einmal einer Zeit zuzuordnen sind, scheint hier schon alles angelegt, worum es gehen könnte. Nicht um die Rettung der Welt, wie uns später weisgemacht werden soll. Nicht um die Rettung der Gegenwart vor der Zukunft beziehungsweise der Zukunft vor sich selbst, was sowieso nicht zu begreifen ist, sondern um pure Bewegung, in jeder Einstellung der Kamera von Hoyt Van Hoytema, die nur ganz selten einmal stillsteht, um Adrenalinausschüttung, um Überwältigung und, ja, auch um Schönheit.

Denn einmal aus ihren Kampfanzügen befreit, erweisen sich zumindest jene Männer, die etwas länger zu sehen sein werden oder immer wieder auftauchen, als sehr schön. Wie die Schauplätze rund um den Globus zwischen Oslo, Sibirien und der Amalfiküste und das Licht, in das sie getaucht werden. Wie die Klamotten. Wie die beiden einzigen Frauen, die mit Namen dabei sind, die mächtige Drahtzieherin Priya, gespielt von Dimple Kapadia, deren Absichten nicht völlig klar werden, und Kat, für die Elizabeth Debicki als geniale Besetzungsentscheidung gelten kann, denn sie überragt den Helden um fast zwei Kopf. Sie kann auch in großem Durcheinander und bei einem erstaunlichen Katamaranrennen mithalten und ihren verfluchten Ehemann, den Oligarchen Andrei Sator, täuschen. Kenneth Branagh gibt ihm den denkbar bösesten russischen Akzent und die blutunterlaufenen Augen eines kleinen Jungen aus einer nuklear verseuchten, geschlossenen Stadt. Der Held wird von John David Washington gespielt. Leider hat er keinen Namen, nur eine Funktion: „Der Protagonist“. Wenn „Tenet“ Christopher Nolans Ersatz für den James-Bond-Film ist, den er bisher nicht drehen konnte, sollte im parallelen Bond-Universum John David Washington beim nächsten Mal Daniel Craig beerben.

Ein gutes Marketinginstrument

Worum es in „Tenet“ jenseits purer Bewegung geht, wird immer wieder einmal im Ansatz erklärt, und zwar von Neill, einem Agenten mit Physikdiplom, dem Robert Pattinson eine Ausstrahlung verleiht, als sei er bereits durch verschiedene Vergangenheiten und vielleicht auch die eine oder andere Zukunft gewandert. Woher er kommt? Wer wollte das sagen. Aber er schenkt uns ein wunderbares Wort: bungee-jumpable. Dem Protagonisten gefällt die Idee. Und so überraschen sie in einem hochsicherheitsgeschützten privaten Hochhaus Priya beim Tee, obwohl sie es eigentlich auf deren Mann abgesehen haben. Der Rückweg ist, ein Glück!, auch bungee-jumpable. Diese Szene übrigens spielt in Mumbai.

Die Frage, die sich seit Nolans Debüt „Following“ stellt, in dem er seine Geschichte rückwärts erzählte, ist nur bei „Dunkirk“ nicht zum Zug gekommen: Verstehen wir, was er will? Wie viel klüger will er sein als sein Publikum, und ist das gut? Es ist jedenfalls ein gutes Marketinginstrument, denn die Vermutung, seine Filme meinten mehr, als beim ersten Sehen zu begreifen sei, erfordert einen zweiten oder auch dritten Kinobesuch.

In einigen Fangruppen und auch unter Kritikern geht die These um, Christopher Nolans Filme handelten vom Filmemachen. Das ist eine lahme Ausrede für brüchige Geschichten. So ist es auch hier. Und das hat damit zu tun, dass die Figuren, allen voran „Der Protagonist“, kein Motiv haben, nur einen Auftrag, und kaum ein Gefühl. Wen kümmert eine Bombe, die nicht hochgeht? Ein Angriff aus der Zukunft, der fehlschlägt?

Da der Filmtitel ein Palindrom ist, können wir, der Logik Nolans folgend, damit rechnen, Szenen vorwärts und rückwärts zu sehen. Ist das so spektakulär? Unbedingt, wenn es sich um eine Autoverfolgungsjagd handelt, in der auf einer Spur die Zeit nach vorn, auf der anderen zurückläuft. Es kommt zu Kollisionen und zu ihrem Gegenteil. Aber ist Zurückspulen, eines der ältesten Mittel der Filmtechnik, ein tragfähiges philosophisches Konzept? Und wohin führt es eine Geschichte, in der nicht klar ist, auf welcher Zeitachse Figuren unterwegs sind und letztlich selbst das Sterben nicht unbedingt zum Tod führt? Ist nicht der Treibstoff von Geschichten die Erkenntnis, dass Handeln oder Nichthandeln Konsequenzen hat? Die Dialoge helfen nicht unbedingt weiter. „Es gibt Menschen in der Zukunft, die die Vergangenheit zerstören wollen.“ Das ist die Ausgangslage. War das nicht schon im „Terminator“ so? „Was hier passiert ist, ist noch nicht geschehen.“ Warum soll es uns dann kümmern? Aber auch ein guter Rat ist dabei: „Wenn du in die Vergangenheit zurückgehst, pass auf, dass du dir nicht selbst begegnest“ – was sich als schwieriger herausstellt, als man glauben könnte.

Am Ende aber gibt es dann doch noch eine interessante Frage. Wie schwer wiegt ein Algorithmus? In Zentnern? Ein neunteiliger zumal? Und warum sieht er so aus wie eine aus Militärschrott zusammengebastelte Panzerfaust, mit runden Teilen und eckigen, designlos, aber in der Lage, die Welt zu vernichten, jetzt und in der Zukunft? Es könnte sein, dass Christopher Nolan darauf zurückkommen will. Wenn er eine Fortsetzung dreht. Oder ein Prequel, was angesichts von „Tenet“ auf dasselbe hinausliefe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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