„Mulan“-Remake von Disney

Emanzipationsboxen unter Magnolienblüten

Von Maria Wiesner
04.09.2020
, 14:36
Erst sollte Disneys Kriegerinnen-Epos „Mulan“ Kino-Blockbuster werden, dann verschob man den Start, jetzt wird die teure Produktion als Stream auf der firmeneigenen Plattform gezeigt. Was bietet das Wagnis?

Soll man das als Zeichen ernster Zeiten deuten, wenn Disney im Remake des Zeichentrickfilms „Mulan“ die für das Studio typischen Gesangseinlagen durch Kampfszenen ersetzt? Noch 1998 stimmte Mulan, die gerade von der Kupplerin als unvermittelbare Braut rausgeworfen wurde, unter rosafarbenen Magnolienblüten ein Lied darüber an, dass sie so akzeptiert werden will, wie sie ist. Kurz darauf wird sie nachts die Uniform ihres alten Vaters anlegen und an seiner Stelle in den Krieg ziehen. Der Stoff ist in China eine Legende. Auch im Remake ist Mulan (Yifei Liu, die sowohl Slapstick-Komik wie Kung-Fu beherrscht) unter Magnolienblütenpracht zu sehen, allerdings führt sie hier hochkonzentriert Tai-Chi-Übungen aus. Was die Produzenten des Live-Action-Films an Musicalaufwand ausließen, steckten sie in die Choreographie von Actionszenen. Da reitet etwa gleich zu Beginn Jason Scott Lee mit vernarbtem Nomadenkriegergesicht einen Angriff auf den durch hohe Mauern gesicherten chinesischen Handelsstützpunkt. Seine Reiter stellen sich auf den Rücken ihrer Pferde, setzen zum Sprung an und laufen die Mauer hinauf, als wär’s ein Spaziergang. Die Kamera kippt im Moment des Sprungs mit den Nomaden zur Seite, lässt die Senkrechte zur Waagerechten werden, macht aus der Mauer den Boden.

Ein Kameratrick, wie ihn sich Christopher Nolan vor einem Jahrzehnt für „Inception“ ausdachte, als in einer Traumsequenz ein Hotelflur rotierte und die Kämpfer an Wänden und Decken durcheinanderlaufen mussten. Damals folgte die Kamera dem Geschehen langsam. In „Mulan“ sind die Bewegungen schneller, die Schnitte auch. Für das Publikum ist es heute normal, Filme auf Smartphones und iPads vom Hoch- ins Breitformat zu kippen. „Mulan“-Kamerafrau Mandy Walker spielt genau damit. Sie hat Nolans Technik fürs Wuxia-Genre adaptiert.

Kampffliegen im Bambuswald

Diese Art des Actionfilms führt ins alte China und zeigt für gewöhnlich die Ausbildung eines Helden, der Ehre, Rache oder Ruhm sucht und auf dem Weg zu diesem Ziel etliche Schwertkämpferinnen und Kung-Fu-Mönche bezwingen muss; meistens leiden dabei vor allem die Gesetze der Physik.

So ließ Ang Lee seine Protagonisten in einem Bambuswald Kampffliegen („Crouching Tiger, Hidden Dragon“) und Zhang Yimou seine Helden übers Wasser laufen („Hero“) oder Dolche in Schlangenlinien werfen („House of Flying Daggers“). Die „Mulan“-Regisseurin Niki Caro winkt vielen dieser Vorlagen, lässt die Kung-Fu-Legende Jet Li in der Rolle des Kaisers durch die Luft wirbeln und hat überhaupt Disneys Kinderversion der chinesischen Legende in die Pubertät überführt. So fehlt im Gegensatz zum Trickfilm auch Mushu, der kleine Glücksdrache, der, von Eddie Murphy (und im Deutschen von Otto Waalkes) gesprochen, entsprechend ulkig daherkam. Statt des feuerpustenden Tollpatsches gibt es einen flammend-pinkfarben-prächtigen Phönix, der zum Glück nur fliegt und nicht redet. Das Drehbuchteam Rick Jaffa und Amanda Silver, das schon für die Remakes der „Planet der Affen“-Serie verantwortlich war, hat die Story ein bisschen gestrafft und eine erwachsenere und historisch korrektere Version daraus gemacht.

Die Legende der Kriegerin Mulan, die in Männerkleidern Chinas Kaiserreich rettet, datiert ins Jahr 500. Damals belagerten eben nicht, wie noch der Trickfilm der Einfachheit halber behauptet, die Hunnen das Land, sondern es waren die Stämme der Rouran, eines nomadischen Steppenvolks, die dem Kaiserreich zusetzten. Ein paar einzelne Figuren wurden auch umgeschrieben. So entfällt die Rolle Li Shangs, des Kommandanten und späteren Liebsten von Mulan, denn auch Ende der neunziger Jahre konnte ein Disneyfilm nicht ohne wenigstens angedeutetes Hochzeits-Happy-End auskommen. Trotzdem war Mulan damals Disneys fortschrittlichste weibliche Hauptfigur, eine Frau, deren Antrieb nicht die Hochzeit mit einem Prinzen oder Helden ist, die stattdessen ihren eigenen Weg gehen will, die Anerkennung für ihre Talente einfordert. Vor ihr gab es Figuren wie Arielle, die für den Prinzen ihre Stimme aufgibt, Belle, die lernen muss, ein Biest zu lieben, und auch die selbstbewusste Jasmin ließ sich am Ende von Aladdin retten. Wer seiner Tochter hingegen Mulan zeigte, musste sie unter Umständen am nächsten Tag im Selbstverteidigungskurs anmelden.

Das Remake rückt die Schwierigkeit, sich als Frau in einer Männerwelt zurechtfinden zu müssen, noch stärker in den Mittelpunkt. Zudem bekommt Mulan eine weibliche Gegenspielerin, denn aus dem listigen Falken des Trickfilms wird eine nomadische Kriegerhexe, die wie Mulan um ihre Anerkennung in einer Gesellschaft kämpft, die Frauen eine klar untergeordnete Rolle zuschreibt.

In China wurde der Stoff bereits 2009 als Realverfilmung erzählt. Der Film zeigt ein ganz anderes Gesellschafts- und Frauenbild: Mulan ist da keine Einzelkämpferin, sie hat zwar die Kung-Fu-Begabung, würde es jedoch ohne die Unterstützung und Hilfe ihrer Kameraden niemals bis auf den Generalposten der Armee schaffen. Wo die Disney-Version hauptsächlich die Schwierigkeiten herausarbeitet, sich als Frau gegenüber Männern behaupten zu müssen, betrachtet die chinesische Version das Geschlecht als zweitrangig und nimmt die Figur ernst, fragt nach ihren Schwächen und wie sie diese überwinden kann, verhandelt die Grausamkeit des Krieges und die Entscheidungen, die man dabei treffen muss. Die Liebesbeziehung wird der Heldin nicht versagt, jedoch ohne Kitsch erzählt, dafür mit poetischer Tragik. Wo in den westlichen Versionen die Sehnsucht nach einem Happy End bedient werden muss, hält die chinesische Verfilmung den Widerspruch aus, dass man etwas gewinnen kann und trotzdem nicht alles bekommt, wofür man gekämpft hat.

Disneys „Mulan“, nach mehreren verschobenen Kino-Startterminen nun als Stream beim studioeigenen Dienst „Disney+“ zu sehen, ist hingegen ein farbenprächtiges Märchen, das mehr über die (insbesondere: amerikanische) Gesellschaft von heute als über das alte China erzählt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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