Filmkritik „David Copperfield“

Wenn Tilda Swinton Esel vertreibt

Von Maria Wiesner
25.09.2020
, 12:30
Charles Dickens’ Welt wird gern in düsteren Farben verfilmt. Nicht so im neuen „David Copperfield“. Der holt den Humor der Romanvorlage hervor und setzt auf große Namen selbst in der kleinsten Rolle.

Wie rafft man tausend Seiten von Charles Dickens, einem der besten Techniker des Romanhandwerks, die es je gegeben hat, für die zehnte oder hundertste Verfilmung zusammen, wie integriert man die verschiedenen Erzählebenen ins Visuelle? Der britische Regisseur Armando Iannucci hat sich für seine „David Copperfield“-Version einiges einfallen lassen, um diese Probleme zu lösen. Das beginnt bereits mit dem Erzähler. Im Buch führt Copperfield selbst das Wort des Bildungsromans. Der Film stellt Dev Patel in der Titelrolle auf eine Theaterbühne und eröffnet dem Publikum, worum es geht, dann schreitet er nach hinten in den Bühnenraum, durchschreitet eine Leinwand und steht plötzlich auf der Wiese seines Geburtshauses. Das Publikum sitzt im Gras. Drastischer kann man nicht verdeutlichen, wie eine Rückblende im Film die Zuschauer, nicht nur die Figuren im Raum, bewegen muss, um sie in die Zeit zu versetzen.

Um in den vielen Nebenfiguren und -geschichten der Romanvorlage hin- und herspringen zu können, bricht Regisseur Iannucci mehrmals mit erzählerischer Konvention und lässt etwa eine weitere Rückblende direkt als Film im Film auf eine weiße Wand vor der Gruppe projizieren, die diese Rückblende gerade erzählt bekommt. Ein andermal wird der junge Copperfield von der übergroßen Hand des Stiefvaters, die sich durchs Dach eines Strandhauses bricht, zurück ins elterliche Geburtshaus geholt.

Humor, der bei Dickens in jeder Seite steckt

Solche Stilmittel sind nichts Avantgardistisches mehr, weil das Kinopublikum heute durch Serienerzählexperimente der Handlung aufmerksamer und beweglicher, auch misstrauischer folgt. Das ist der eine Grund, warum der Film funktioniert. Der andere ist die herausragende Besetzung, die aus dem oft sehr düster interpretierten Stoff den Humor holt, der bei Dickens in jeder Seite steckt. Ob das Tilda Swinton als exzentrische Lady Betsey Trotwood ist, die unter ganzem Körpereinsatz Leute mit Eseln von ihrem Grundstück verscheucht, oder Peter Capaldi, der als notorischer Hochstapler Micawber einen kleinen Tanz in schönster Slapstickmanier mit einer Uhr aufführt, die er vor den Händen der Gerichtsvollzieher zu retten versucht.

Und da es in einem Film, der davon handelt, dass Herkunft und Klasse nicht darüber entscheiden sollten, ob man seine Träume verwirklichen kann, nur konsequent ist, dieses Prinzip auch auf die Besetzung anzuwenden, hat Iannucci sich seine Darstellerriege unabhängig von der unter anderem ethnischen Herkunft zusammengesucht – so spielt beispielsweise Benedict Wong den trunksüchtigen Anwalt Wickfield, Fisayo Akinade ist Copperfields Kumpel Markham und Nikki Amuka-Bird gibt die eiskalte und zur Liebe unfähige Mrs. Steerforth. Sie alle machen „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ zu einer Komödie, die elegant mit Zeit- und Erzählperspektiven spielt, ohne dass leere formale Brillanz daraus würde, weil das Spiel den Figuren äußerst zeitgemäß als Herausforderung zugemutet wird: Sie lassen sich von widrigsten Umständen nicht unterkriegen, da darf das Publikum sich mit ermutigt fühlen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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