Film „Irresistible“

Knapp am strategischen Moment vorbei

Von Bert Rebhandl
05.08.2020
, 10:19
Auf die Idee, dass Wahlkampf in den Vereinigten Staaten in der Ära Trump lustig sein könnte, muss man erst mal kommen. Warum sieht „Irresistible“ in diesen Wochen trotzdem so alt aus?

In den Vereinigten Staaten von Amerika herrscht ein ständiger Wettbewerb darum, wo dieses vielfältige Land am amerikanischsten ist. Eigentlich sind nationale Eigenschaften ja nicht steigerbar, der Superlativ zielt hier eher auf einen Identitätskern. In Jon Stewarts Film „Irresistible“ gibt es zu dem ewigen Thema wieder einmal einen aktuellen Vorschlag: Deerlaken, Wisconsin, Rural America, Heartland USA. Dass in dieser Etikettierung eine gewisse Überladung zu erkennen ist, kündet von der Dringlichkeit der Frage.

Denn in wenigen Wochen wählen die Vereinigten Staaten ihren nächsten Präsidenten, und da sie dabei einem altertümlichen Wahlsystem folgen, kommt es vor allem auf ein paar Staaten, und dort wieder möglicherweise auf ein paar Landstriche besonders an.

Den Flecken Deerlaken gibt es in Wirklichkeit nicht, aber er steht für ein Ideal: ein Amerika, wie es angeblich früher einmal war, und wie es künftig wieder sein sollte. Und für ein paar tausend Wählerinnen und Wähler, auf die keiner der beiden Kandidaten verzichten könnte.

Beitrag zur Besinnung

Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass „Irresistible“ eine Komödie ist, die zweite Regiearbeit von dem Mann, der es wie kein anderer geschafft hat, mit Comedy-Formaten die Politik ernst zu nehmen. Jon Stewart hat mit der „Daily Show“ vielleicht mehr zum öffentlichen Gebrauch der Vernunft in Amerika beigetragen als so manche ehrwürdige Fakultät oder Zeitung. „Irresistible“ wurde nun genau für diesen strategischen Moment wenige Tage vor den (abgesagten) großen Parteiversammlungen geplant, als ein Beitrag zur Besinnung. Doch was gibt sich in Deerlaken tatsächlich zu erkennen?

Die Geschichte beginnt damit, dass jemand in Washington auf einer Videoplattform einen Clip sieht. Gary Zimmer ist politischer Stratege. Er organisiert Mehrheiten für die Demokratische Partei. In dem Video ist ein Mann zu sehen, Jack Hastings, Colonel im Ruhestand, Bürger von Deerlaken. Er hält ein Plädoyer, das gut und gern auch von Barack Obama hätte stammen können: ein Aufruf zur Menschlichkeit, auch den Minderheiten gegenüber, die oft die dreckigen Arbeiten machen und dabei nicht einmal die staatsbürgerlichen Rechte haben. Allerdings ist Jack Hastings ein älterer, weißer Mann – und damit Teil just jener Zielgruppe, von der es heißt, sie hätte 2016 maßgeblich dazu beigetragen, dass der Bundesstaat Wisconsin überraschend in knapper Mehrheit für Donald Trump entschieden hat.

Gary Zimmer hat eine Idee. Colonel Jack Hastings könnte doch Bürgermeister von Deerlaken werden. Dazu müsste er nur als Demokrat gegen den Republikaner antreten, der bisher dieses Amt versieht. Es wäre ein „Rennen“, wie Wahlkämpfe in Amerika gern genannt werden, auf das die ganze Nation schauen würde. Doch dazu muss Zimmer erst einmal nach Deerlaken, um sich ein Bild von den Verhältnissen zu machen, und um Hastings kennenzulernen.

„Irresistible“ bringt mit diesem Plot nicht zuletzt zwei markante Schauspieler zusammen: Steve Carell, bekannt geworden mit der Serie „The Office“, ist längst zu einem der prägnanten Gesichter des liberalen Hollywood geworden; erst kürzlich hat er in „Vice“ auf denkwürdige Weise den Politiker Donald Rumsfeld gespielt, einen der Urheber des Irakkriegs von 2003. Carell trifft auf Chris Cooper, einen der vielleicht besten ewigen Nebendarsteller, der mit Rollen in den politischen Dramen von John Sayles bekannt wurde („Matewan“, „Lone Star“). Cooper spielt den knorrigen Herzländer, während Carell in die Nuancen seiner notwendigerweise komplexeren Figur geht.

Denn es ist Gary Zimmer und sein Metier, die in „Irresistible“ aufs Korn genommen werden. „It’s not politics, it’s math“, sagt Zimmer an einer Stelle. Er macht damit deutlich, dass er vor allem einen technokratischen Zugang zur Politik hat. Er ist ein feinst justierter Großstädter, der lieber Mozzarellabällchen als Burger isst, der dann aber mit einem hausgemachten Kuchen in dem letzten noch offenen Café in der Hauptstraße von Deerlaken einen großartig komischen Fressanfall erlebt. Auch so kann man das Gefühl des Heimkommens erfahrbar machen.

„Your words spoke to values, not identity“, sagt Gary zu Jack. Damit bezieht Jon Stewart auch Position in der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Strömungen im progressiven Amerika. Man sucht einen Weg zurück zu der Vertretung von Menschen, die einfach eine gute Schule in ihrer Gemeinde, vermietete Ladenlokale in der Innenstadt und erreichbare Arbeitsplätze wollen. Fragen von „identity“ kommen dann eventuell danach. Für jemand wie Gary oder seine Rivalin Faith von der Gegenpartei (Rose Byrne) läuft das alles auf „demographics“ hinaus, was in „Irresistible“ mit einer schönen Pointe ins Leere läuft: Eine potentiell wahlentscheidende Gruppe von alleinstehenden Frauen entpuppt sich als Nonnenkonvent.

Man muss wohl sagen, dass „Irresistible“ mit seinem Populismus nach den Ereignissen in Amerika in den letzten Wochen ein wenig alt aussieht. Jon Stewart ließ sich bei seinem Drehbuch wohl noch von einem Bestseller wie „The Fall of Wisconsin“ von Dan Kaufman inspirieren, während im Grunde schon vor dem Tod von George Floyd klar war, dass die Alternative zwischen Werten und Identität nur eine scheinbare ist.

Allerdings sind in Deerlaken, das sich mit seinem „Hofbrauhaus“ und anderen Vergnügungen einen deutlich bajuwarischen Migrationshintergrund bewahrt hat, die Nuancen heutiger Identitätsdefinitionen unbekannt. Sie werden importiert, durch eine Elite, der nichts mehr selbstverständlich ist, sondern die alles auf komplexe Kürzel herunterbricht und die das größere Ganze nicht mehr in den Blick bekommt.

„Irresistible“ wird so zu einem spannenden Symptombild aus einer Unterhaltungsindustrie, die nach einer gemeinsamen Basis mit einem Publikum sucht, das sie auch auf ihrem eigenen Feld längst verloren hat. Jon Stewart zielt auf eine Geschichte, die sowohl das Publikum von Fox News erreichen könnte, wie dabei auch die urbanen Schichten nicht verliert, die an die radikale Intelligenz gewöhnt sind, mit der gerade die Komödienformate in Amerika von Politik sprechen.

Er sucht im Grunde nach einer Formel, die schon vor fünfzig Jahren zerbrach, in den Konflikten der sechziger Jahre, als Figuren unmöglich wurden, wie James Stewart sie früher gespielt hat: Männer, die in die Hauptstadt gingen („Mr. Smith geht nach Washington“), oder in den Wilden Westen („Der Mann, der Liberty Valance erschoss“), um eine Brücke zu schlagen zwischen der Moderne und ihren Träumen von einem Urzustand.

Gary Zimmer ist ein datenbeschleunigter Nachfahre dieser Pioniere einer nationalen Ökumene, aber bloß mit einem guten Kuchen lässt sich nicht viel reparieren.

Quelle: F.A.Z.
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