Horrorfilm „Lamb“

Das Unheimliche, das uns umgibt

Von Bert Rebhandl
06.01.2022
, 14:52
Hilmir Snær Guðnason (links) als Ingvar mit Noomi Rapace als Maria
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Ein Mischwesen aus Mensch und Tier, zu dem ein Paar ein besondere Beziehung entwickelt: Der Horrorfilm „Lamb“ von Valdimir Jóhannson kommt ohne starke Schocks aus und gruselt trotzdem.
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Irgendetwas stimmt nicht mit Maria und Ingvar, einem Paar in einer einsamen Gegend von Island. Sie haben einen Bauernhof mit einer riesigen Schafherde. Das Tagwerk nimmt sie fast vollständig in Beschlag. Beim Essen sitzen sie einander ruhig gegenüber, ein Gespräch kommt nur mühsam in Gange, sie wirken aber auch nicht feindselig. Eher so, als würden sie ein Geheimnis teilen, dessen Auswirkungen sie zugleich vorein­ander zu verbergen trachten. Einmal liest Ingvar in einer Zeitung etwas von Zeitreisen. Theoretisch weiß man inzwischen, wie das gehen könnte, praktisch bleibt es weiterhin schwer vorstellbar. Aber Ingvar hat auch gar keine Lust auf einen Sprung in die Zukunft. Er sieht sich in der Gegenwart gut aufgehoben. Es wirkt ein wenig gepresst, wie er das sagt. Und Maria ist es, die dann auch das Naheliegende ergänzt: Man könnte ja auch in die Vergangenheit reisen. Da spürt man aber schon, dass das für die beiden eine Tabuzone ist. Das, was mit Maria und Ingvar nicht stimmt, kommt aus der Vergangenheit.

In dem Film „Lamb“ von Valdimar Jóhannsson scheint die Natur zuerst einmal ein Rückhalt für Maria und Ingvar zu sein. Die täglichen Verrichtungen mit den Tieren nehmen sie in Anspruch. Jedes neugeborene Lamm wird mit einer Nummer versehen, die Plakette wird ihnen in die Ohren gestanzt, eine schmerzhafte Prozedur, bei der Maria mit Koseworten ein wenig Trost spendet, als hätte sie ein Baby im Arm. Man ahnt zu diesem Zeitpunkt auch schon, woher die latente Melancholie bei ihr kommt. Es muss wohl einen Verlust gegeben haben, naheliegenderweise ein Kind. Maria und Ingvar sind womöglich die Überlebenden einer Tragödie. Dann aber geschieht etwas vollkommen Unerwartetes, das zugleich wie in einer Brechung das freilegt, was in „Lamb“ als Vorgeschichte mitzudenken ist. Eines der Schafe wirft ein Lämmchen, zu dem Maria und Ingvar eine besondere Beziehung entwickeln. Ein Mischwesen, eine hybride Kreatur, von der Valdimar Jóhannsson nur ganz allmählich, und auch dann niemals vollständig, die näheren Umstände deutlich werden lässt.

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© YouTube/KinoCheck

„Lamb“ weitet sich in diesem Moment von einem Familiendrama mit dem schwedischen Weltstar Noomi Rapace in der Hauptrolle in einen mythischen Horrorfilm, der dabei aber niemals mit starken Schocks arbeiten muss, sondern der das Unheimliche aus dem holt, was uns alle umgibt: Vorstellungen von Identität und Differenz, von natürlicher Ordnung und ihrer monströsen Durchbrechung. Dazu kommt eine jahrtausendealte Tradition von Lämmern als Opfertieren, die in der Geschichte von der Bindung Isaaks (die jüdische Akeda) eine zentrale Szene hat. Später wurden die Lämmchen im Osternest zu einem kitschigen Teil einer Entschärfung der Logik, dass dem Göttlichen immer etwas dargebracht werden muss, damit Ordnung ist in der Welt.

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Maria und Ingvar heben das neue Lebewesen auch dadurch hervor, dass sie ihm einen Namen geben. Ada ist mehr als nur eine Nummer. In einer markanten Szene sieht man dann auch, wie Maria sie mit einem Blumenkranz schmückt, zur Feier eines frühlingshaften Umschwungs in ihrem Leben: „Ada ist ein Geschenk, ein neuer Anfang.“ Da bleibt als Frage nur, von wem das Geschenk kam. Ein argwöhnisch in Richtung des Hauses witterndes Mutterschaf müsste da eigentlich für Beunruhigung sorgen. Das Bild ist ein erstes Indiz dafür, wie wenig es in „Lamb“ braucht, um an etwas potentiell Entsetzliches zu rühren. Jóhannsson wird dafür einige Tiere gecastet haben, es reicht dann aber im Grunde, eine Weile unverwandt in Großaufnahme einem Schaf in die leeren Augen zu schauen, um einen Grusel der Fremdheit, ja einer nicht beilegbaren Feindseligkeit zu verspüren. Maria und Ingvar sind naiv in ihrem Wunsch, diese Grenze zwischen den Gattungen ließe sich überwinden, zumal durch etwas, das sie vielleicht als Wunder nur missverstehen.

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Dramaturgisch geschickt bringt Jó­hansson dann nur noch eine weitere Fi­gur ins Spiel. Pétur, der Bruder von Ingvar, taucht auf der Farm auf, weil er sich in der Stadt wieder einmal unmöglich gemacht hat. Er wird in das Geheimnis eingeweiht, er lässt auch eine ganze Reihe von weiteren Aspekten der Vorgeschichte erkennbar werden. Er ist die kritische Instanz, mit der sich auch das Pu­blikum identifizieren kann.

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Das skandinavische Kino hat zuletzt mehrfach gerade an der Grenze zwischen Horror und Fantasy starke Ideen gehabt. „Border“ von Ali Abbas übertrug die Vorstellung von Trollwesen in eine moderne Außenseiterparabel mit enormer Resonanz. Und auch Ari Asters „Midsommar“ kann man in einem Kontext sehen, in dem die Länder des europäischen Nordens als ein Residuum „heidnischer“ Motive aufgewertet werden. An „Lamb“ überzeugt gerade auch dieser Übergang von jüdisch-christlichen Bildwelten zu (der ersten Assoziation nach) älteren Ideen einer noch nicht geklärten Rollenverteilung zwischen Menschen und Tieren – und den Wesen, die sich zwischen oder vor ihnen vielleicht entwickelt ha­ben könnten.

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„Lamb“ ist dabei in jeder Hinsicht ein Kippbild. Jóhannsson wartet mit allen notwendigen Konkretionen auf, um der Vorstellungskraft auch genügend Material zu geben, um das ganz andere einer unbegreiflichen Ordnung zumindest als Möglichkeit zuzulassen. Überwiegend aber muss das Projektion bleiben, vielleicht auch wahnhafte Trauerarbeit. Ein­mal träumt Maria von einer Schar gefährlich aussehender Schafböcke mit irren Hörnern und gleißenden Augen. Das Bild steht nur für ein paar Sekunden, aber es könnte einen in alle Ewigkeiten verfolgen.

Der Mensch ist das Wesen, das Höfe im Nirgendwo errichtet, das Straßen in Gegenden baut, in denen die Tiere vielleicht lieber mit sich allein wären oder mit Artverwandten, die sich an Orten verborgen halten, in die kein Weg mehr führt. Island ist ein idealer Schauplatz für eine Schauergeschichte, die an der Anthropozentrik rüttelt. Letztlich ist „Lamb“ dann auch tatsächlich eine Zeitreise, die allerdings an keinen konkreten Ort führt, sondern einfach ar­chetypischen Mustern eine neue, be­klemmende Gegenwart verschafft. Das Kosewort „Lämmchen“ wird niemand jemals wieder hören, geschweige denn verwenden wollen, der diesen Film gesehen hat.

Quelle: F.A.Z.
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