Dario Argento zum Achtzigsten

Die Scheibe klirrt, die Seele splittert

Von Dietmar Dath
07.09.2020
, 14:14
Dieser Mann kann den Ekel kitzeln, bis er vor Schönheit böse lacht. Zum Achtzigsten des Horrorfilmregisseurs Dario Argento.

Würde Blut anders fließen, wenn es grün wäre? Ändert sich Licht, wo Atemluft zerreißt? So etwas erforscht Dario Argento filmisch, weil es anders nicht zu klären ist. Dabei trifft mediengeschichtliche Objektivität auf stürmisch subjektive Kunstekstasen wie im Hauptwerk „Suspiria“ (1977), für das der Italiener das seinerzeit in Hollywood bereits abgemeldete Technicolor-Verfahren als Fächer aus blendenden Klingen nutzte, um dem Zeit-, Raum- und Körperempfinden des Publikums damit tiefe Wunden zu schlagen.

Die Kühnheit hat sich gut gehalten, „Suspiria“ gewinnt bei jedem Wiedersehen; zuletzt hat sich die amerikanische Kulturkritikerin Sianne Ngai in ihrer „Theory of the Gimmick“ davor verneigt. Aus feinen Kontrastfasern der Wahrnehmung setzt Argento seine Fallen zusammen: Eine Ballettschule im Schwarzwald, ein Museum in Florenz, ein Mädcheninternat im „Transsylvanien der Schweiz“, wie Donald Pleasance in „Phenomena“ (1985) albert, als wäre er immer schon Gruselkomiker gewesen (statt, was er wirklich war, James Bonds gefährlichster Gegner).

Warum sind Argentos Filme vor allem schön, selbst wenn er sich minutenlang mit einem abgehackten Schädel befasst, den er erst durch eine Glasscheibe krachen lässt, dann unter Wasser versteckt und schließlich den Würmern zum Zernagen schenkt? Weil sich in diesen Filmen, die italienischer nicht sein könnten, Ekel, Tiefsinn, Quatsch, Mystik und sprezzatura wie bei einer statisch perfekten Balkenbrücke gegenseitig abstützen. Dem in diesem Sinne tragfähigen Plan des Architekten Argento opfert dieser alles, was in den Künsten sonst „Harmonie“ oder „Ausgewogenheit der Elemente gegeneinander“ heißt; aber im Sterben dieser Tugenden auf dem Altar des Schreckens erkennt sich die Sehnsucht des Publikums nach dem Bruch mit allem Gewohnten wieder.

Seine Heldinnen bestechen mit Grazie

Selbst wo Argento patzt, behält er die Macht zum Zaubern: Den völlig verfehlten Einsatz der Heavy-Metal-Hoppelnummer „Flash of the Blade“ von Iron Maiden in „Phenomena“, der die betreffende Szene eigentlich zerstören müsste, weil sie nicht ruckeln und rocken, sondern schleichen will (ein Kind wird in den Tod gelockt), fängt Argentos Regie so tollkühn gelassen auf, dass man ihn verdächtigen muss, er habe die ganze Geschmacklosigkeit nur angetäuscht, um ihr seitwärts zu entschlüpfen wie ein Schattenakrobat.

Mit Grazie bestechen auch Argentos Heldinnen, etwa die Tochter Asia im grandios konfusen Krimi „La sindrome di Stendhal“ (1996) oder die zugleich schwebend-geisterhafte wie stolz diesseitige Jennifer Connely in „Phenomena“. Über allen aber thront eine Schauspielerin, die er aus Amerika holte, um sie in Europa zum Star zu machen: Jessica Harper in „Suspiria“ (1977). Ihre trügerisch scheue, knisternd elektrische Gegenwart wirkt noch vier Jahrzehnte später, in Luca Guadagninos respektvollem Remake aus dem Jahr 2018, so unwiderstehlich, dass die Diva den späteren Film mit ihrem winzigen Gastauftritt gleichsam in den älteren heimholt, bis beide allein von ihr handeln, von ihrem Blick, ihrer Wehmut.

Der Mann, der die Aufmerksamkeit kommerziell einträglichen Gruselhungers auf solche Schönheit hingelenkt hat, pflegt in seinem Schaffen fraglos Gemütszustände, die man in der wirklichen Welt nicht verbreitet wissen will, und taugt kaum als Vorbild progressiver Menschenführung beim Inszenieren erbaulicher Geschichten. Im Fahrstuhl steckenbleiben mag mit ihm niemand. Aber von den besten Jüngeren im Horror-Genre, ob sie ihn nun studiert haben oder nicht, von Jordan Peele („Get Out“, 2017) bis Veronika Franz und Severin Fiala („Ich seh ich seh“, 2014), erwartet die Menschheit nur deshalb avancierteste Ästhetik inmitten schauriger Kruditäten, weil Argento ihr gezeigt hat, dass in solchen Welteingeweiden hohe Kunst gedeihen kann. Heute wird er achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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