Isabella Rossellini wird 70

Hypnotische Signale von innen

Von Dietmar Dath
18.06.2022
, 13:18
Schweigt hochmusikalisch: Isabella Rossellini in „Blue Velvet“
Sie macht unverständliche Filme unvergesslich und rätselhafte biologische Vorgänge zwanglos begreiflich: Zum Siebzigsten des Filmstars Isabella Rossellini
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Schon zwanzig Minuten lang wurstelt und munkelt der Film „Blue Velvet“ (1986) von David Lynch schön sinnlos vor sich hin, als er sich erstmals besinnen muss (nur: auf was eigentlich?). Das ist der Moment, als der von Kyle MacLachlan gespielte ahnungslose Trottelheld des Ganzen an der Tür der Sängerin Dorothy Vallens eintrifft und folglich der Augenblick des ersten Auftritts der Schauspielerin Isabella Rossellini, die diese Figur mit einer Ernsthaftigkeit spielt, der man selbst die schiefe Perücke leichter glaubt als anderen Figuren bei Lynch ihre echten Haare.

Frau Vallens will indes den Film gar nicht erst in ihre Wohnung lassen – wirklich: „den Film“, nicht bloß: „die Kamera“, wie Leute immer fälschlich sagen, wenn sie eigentlich die Regie meinen, nämlich das, was die Bilder gewollt hat, die man da sieht. Was Isabella Rossellini in der fraglichen Szene abwehrt, ist mehr als ein Blick, der sich ein Bild machen will, es ist die Gesamtheit des in „Blue Velvet“ Erzählten, samt Dekor, Geräusch, Musik. Schon weitere zehn Minuten später jedoch, als sie auf der Bühne steht und weniger singt als vielmehr sowohl spöttisch wie hilflos „singen spielt“, muss das Publikum begreifen, dass diese Frau den Film, den sie zuvor nicht an sich heranlassen wollte, fortan nie mehr loslassen wird. Ist diese Dorothy Vallens damit eine Hauptrolle?

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Die schlaue Geisterfahrerin

Und falls ja, wie passt das dazu, dass sie in „Blue Velvet“ kaum je autonom aktiv wird, sondern höchstens fahrig mit einem Messer droht (und darüber sofort erschrockener ist als der Bedrohte), ansonsten aber nur Irren beim Irresein zuguckt oder sich, nachdem man ihr etwas angetan hat, das niemand zu sehen kriegt, auf einmal in einem Vorgarten wiederfindet? Gibt es gelähmte Hauptrollen? Gibt es Nebenrollen, die ein ganzes Ensemble auffressen?

„I just wanted to see you“, sagt MacLachlan, von Rossellini verhört, also: Er wollte gar nichts anderes als sie sehen – alle, die sich den Film mehr als einmal anschauen, werden das irgendwann unterschreiben müssen. Die Inversion des Haupt- und Nebenrollenspiels funktioniert dabei wohl wie das Witzschema der „in Soviet Russia“-Scherze, die der Komiker Yakov Smirnoff bekannt gemacht hat: „Hier fährst du Panzer, in Sowjetrussland fährt der Panzer dich.“ Das ist ein Muster, das Isabella Rossellini einmal sogar direkt im von Smirnoff gesetzten Kontext ausspielen durfte: Während im klassischen James-Bond-Film der Spion gewohnheitsmäßig sein Bett mit einer schönen Frau dekorieren darf, die seine Tochter sein könnte, dekoriert umgekehrt in der Serie „Alias“ von J.J. Abrams Frau Rossellini als schöne Russin Yekaterina Derevko ihr Bett einfach mit dem Vater der Spionin, also der Heldin der Show.

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Wenn man von Spitzenkräften der Schauspielerei sagt, sie könnten alles spielen, auch Gras, Viechzeug oder Ex­portüberschüsse, ist das inzwischen ein ab­gegriffenes Lob. Und wenn so eine Spi­tzenkraft die Tochter des Filmstars Ingrid Bergman und des Starregisseurs Ro­berto Rossellini ist, liegt die banale Erklärung „Erbgut setzt sich eben durch“ selbst auf der stumpfsten Zungenspitze. Biologisch verankert scheint das, was Isabella Rossellini kann, allerdings wirklich zu sein, freilich tiefer als nur bei Ma­ma und Papa – es hat etwas Urtümliches damit auf sich, wie sie etwa als Spinne oder Wurm in der Miniserie „Green Porno“ (2008), unterstützt von Kostümen aus Pappe, im genetischen Gedächtnis der irdischen Biosphäre blättert, am Schönsten schließlich in Tintenfischgestalt, mit kleinen, farbigen Taschenlampen in beiden Händen, die durch die Haut des Tieres hindurch hypnotisch tanzende Signale senden.

Die Richtung der Evolution vom Einfachen zum Komplexen wird von der schlauen Geisterfahrerin einfach missachtet. Und man denkt: Stimmt, hypnotische Signale von innen, so macht das diese tolle Frau eh immer, die heute siebzig Jahre alt wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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