Nachruf auf Michael Gwisdek

Überwinder aller Ossi-Wessi-Klischees

Von Bert Rebhandl
23.09.2020
, 16:03
Am Anfang stand ein Fernstudium: Er verlieh seinen Rollen den Glanz der Altersweisheit und konnte selbst kitschigen Figuren Leben einhauchen. Nun ist der Schauspieler und Regisseur Michael Gwisdek mit 78 Jahren gestorben.

Es war eine Wiedervereinigung der besonderen Art, zu der sich 2016 in der Komödie „Kundschafter des Friedens“ ein paar alte DDR-Agenten für den Bundesnachrichtendienst reaktivieren ließen, um dem Kalten Krieg ein turbulentes Nachspiel zu bescheren.

Inmitten einer illustren Kollegenrunde (Henry Hübchen, Winfried Glatzeder, von westlicher Seite der Paradeschurke Jürgen Prochnow) durfte damals Michael Gwisdek selbstverständlich nicht fehlen: Er spielte den Bastler Jaecki, der sich neben den teilweise schon sehr schusseligen Kollegen nicht so schnell blamierte. Michael Gwisdek, gebürtiger Ost-Berliner des Jahrgangs 1942, wurde nach der Wende zu einem der beliebtesten Schauspieler, mit seiner eleganten Präsenz überwand er alle Ossi-Wessi-Klischees, und mit seinem Air von Altersweisheit hielt er auch kitschige Figuren wie den Weizenfelder durchwandernden Großvater zuletzt in „Traumfabrik“ am Leben.

Vorbote der Flüchtlingskrise

Zu seinem Beruf kam er in der DDR über ein Fernstudium, mit dem er sich die Qualifikation als „Leiter des künstlerischen Volksschaffens“ erarbeitete, also die Erlaubnis zu offizieller Theaterarbeit, anfangs in Karl-Marx-Stadt, dann ab 1973 an der Berliner Volksbühne unter Benno Besson. Zu diesem Zeitpunkt war Gwisdek auch schon als Filmschauspieler populär. Seinen Einstand hatte er 1968 mit der Anna-Seghers-Verfilmung „Die Toten bleiben jung“ von Joachim Kunert in der Rolle eines SS-Offiziers, im selben Jahr sah man ihn auch in dem Defa-Western „Spur des Falken“.

In den Achtzigern spielte er schon in beiden deutschen Staaten, zum Beispiel für Hark Bohm in „Yasemin“ und 1989 in einem der wichtigsten Filme der späten DDR, in Heiner Carows „Coming Out“. Zu seinen bedeutendsten Rollen nach 1990 gehören der alte Geschichtszeuge Friedrich in Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ oder der Ex-Spartakist Karl Wegner in Matti Geschonnecks Ost-68er-Drama „Boxhagener Platz“, vor allem aber der Peschke in „Nachtgestalten“ von Andreas Dresen, ein unfreiwilliger Vorbote der Flüchtlingskrise. In Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ konnte man ihn zuletzt noch einmal mit einem gewichtigen Gastauftritt sehen, er spielte den schwulen Intellektuellen Edgar, eine heimliche Identifikationsfigur für eine Gruppe von DDR-Schülern des Jahres 1956, also der Generation seiner eigenen Jugend.

2003 zählte Michael Gwisdek zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie. Dreimal hat er selbst auch Regie geführt. Hervorzuheben ist dabei „Treffen in Travers“, der mit einer Geschichte aus der Französischen Revolution im Wendejahr 1989 Premiere hatte und auch in Cannes lief. Die weibliche Hauptrolle spielte damals Corinna Harfouch, mit der Gwisdek seit 1984 verheiratet war; aus der Verbindung stammen zwei Söhne, Johannes und Robert, die beide auch künstlerisch tätig sind. Zuletzt lebte er mit der Schriftstellerin Gabriela Gwisdek im brandenburgischen Schorfheide. Am Dienstag ist Michael Gwisdek im Alter von 78 Jahren in Berlin gestorben.

Quelle: F.A.Z.
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