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Documenta-Geschäftsführer

König von Kassel

Von Kolja Reichert
 - 11:09

Folgende Leistungen bietet Wolfgang Orthmayr laut Profil auf einer Karriereplattform an: Werbung, Marketing & Sales, strategische Beratung, Retail-Expertise, Vertrieb. Und das sucht Wolfgang Orthmayr aktuell: Anregung, gute Leute, neue Business-Kontakte, gerne auch Aufregung, spannende Netzwerke und neue Business-Inhalte.

Dass Orthmayr neue Business-Inhalte sucht, können wir verstehen, begleitete er doch als Geschäftsführer der World of Music-Kette und einem zweijährigen Intermezzo bei der Schweiz-Abteilung der Sony BMG den Niedergang der CD, bevor er kaufmännischer Geschäftsführer der Stage Entertainment wurde, wo er für das Management von Musicals wie „Rocky“, „König der Löwen“ oder „Das Wunder von Bern“ zuständig war, also auch nicht immer das neueste Ding. Jetzt hat Orthmayr gefunden, was er suchte, denn wie die Stadt Kassel am Montag bestätigte, wird der Manager aus der dritten Reihe der neue Geschäftsführer der Documenta. Und das ist kein nachgereichter Aprilscherz, wie er zuletzt dem Kunstmagazin „Monopol“ mit der Meldung gelungen war, der Volksbühnen-Intendant Chris Dercon werde künstlerischer Leiter der nächsten Documenta.

Nun ist ein Geschäftsführer kein künstlerischer Leiter, er ist nicht für die Inhalte verantwortlich, sondern für deren Finanzierung. Insofern kann natürlich theoretisch auch ein Gemüselogistiker zum Manager der bedeutendsten Kunstausstellung der Welt werden. Allerdings bekommt man in der Kunstwelt, wie in den meisten Branchen, in der Regel nicht deshalb eine leitende Stelle, weil man spannende Netzwerke sucht, sondern weil man welche mitbringt. Orthmayrs Vorgängerin Annette Kulenkampff leitete zum Beispiel sechzehn Jahre lang den renommierten Kunstbuchverlag Hatje Cantz, bevor sie für das Chaos von Adam Szymczyk durch das Feuer ging und dann vom Land Hessen und der Stadt Kassel für die Folgen einer Reihe von Unwägbarkeiten und Unvorsichtigkeiten fallengelassen wurde, in die alle Verantwortlichen sehenden Auges hineingesteuert waren: Ein wahrscheinliches Defizit von fünf Millionen Euro, das in der Documenta-Geschichte nichts Neues war und auf dessen Ausgleich sich Stadt und Land schon geeinigt hatten, bevor der Vorgang an die Regionalzeitung „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ gespielt und zum Skandal gemacht wurde, worauf übrigens der zuständige Chefredakteur gehen musste.

Nachdem die Documenta-Gesellschafter, der hessische Kunst- und Wissenschaftsminister Boris Rhein und der seit Juli amtierende neue Oberbürgermeister Christian Geselle, also zuerst die eigene Geschäftsführung geschäftsunfähig machten, indem sie ihr ein Schweigegebot auferlegten, um sich dann der vorhanden Expertise zu entledigen, haben sie nun offenbar Schwierigkeiten, eine geeignete Nachfolge zu finden. Wolfgang Orthmayr ist offenbar schmerzfrei genug, als vorläufiger Interims-Geschäftsführer die Lücke zu füllen. Er hat ja in der Kunstwelt nichts zu verlieren.

Bei seiner Vorstellung vor Politikern in Kassel soll Orthmayr erklärt haben, er sei „gut darin, Dinge zu verkaufen, die eigentlich keiner braucht“. Damit trifft er wohl in Kassel einen Nerv. Jetzt muss er nur noch einer Spitzenperson aus der Kunstwelt erklären, wofür diese drei schlecht bezahlte Jahre investieren sollte, um ihm und der Stadt zu erklären, wie deren erfolgreichstes Marketinginstrument funktioniert. Denn dessen Zukunft hängt nun an der Findung eines herausragenden künstlerischen Leiters.

Quelle: F.A.Z.
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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