Der Moment …

… in dem die Haare grau werden

Von Julia Bähr
28.07.2021
, 06:02
Grau-blaue Farbharmonie: Andie MacDowell zeigt ihre neue Haarfarbe in Cannes.
Auf einmal sind graue Haare überall: auf dem roten Teppich, auf Instagram und auf dem Kopf unserer Autorin. Aber wie macht man seinen Frieden mit dem Farbwechsel? Und was muss man bei grauen Haaren beachten?
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Als ich meine ersten weißen Haare entdeckte, dachte ich an Birgit Schrowange. Es war 2017, und die Moderatorin hatte sich gerade zum ersten Mal öffentlich mit ihrem grauen Schopf gezeigt, den sie jahrzehntelang überfärbt hatte. Schrowange hatte sogar monatelang eine Perücke getragen, um dem Fernsehpublikum nicht den Anblick ihrer herauswachsenden Haare zuzumuten. Das Medienecho war einhellig: Da traut sich jemand was! Wie mutig von ihr!

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Aber ich wollte keine mutige Frisur. Die ersten paar weißen Haare zupfte ich aus – ein Kampf, den ich nur verlieren konnte. Dann entwickelte ich eine gewisse Zuneigung zu ihnen. Weiße Haare glitzern im Licht. Damit kann man Blondinen vielleicht nicht beeindrucken, aber für eine Brünette wie mich war das ein völlig neuer Anblick. Und schließlich kam Corona. Der Lockdown änderte alles für viele Frauen und für einige Friseure. Denn plötzlich stand es nicht mehr zur Debatte, sich die weißen Haare professionell überfärben zu lassen. Wer nicht im eigenen Bad selbst experimentieren wollte, ließ sie eben rauswachsen. Daraus hat sich ein überraschender Trend entwickelt, der zuletzt bei den Filmfestspielen in Cannes deutlich zu sehen war, wo sich unter anderem die Schauspielerin Andie MacDowell ergraut zeigte.

So sieht die Haar-Evolution bei vielen Frauen aus: Iris Berben mit dunklen Haaren, Andie MacDowell in der Verwandlungsphase und Helen Mirren mit schneeweißem Schopf.
So sieht die Haar-Evolution bei vielen Frauen aus: Iris Berben mit dunklen Haaren, Andie MacDowell in der Verwandlungsphase und Helen Mirren mit schneeweißem Schopf. Bild: Reuters

Aber der Trend kommt von unten: von den Frauen, die keinen eigenen Stylisten haben, der ihnen im Lockdown das Haar hätte färben können. Im Juni veröffentlichte das Magazin New Yorker eine Fotostrecke von Frauen, die im Lockdown zu ihren grauen Haaren gefunden hatten. Die meisten hatten jahrelang gefärbt, nun wurden die grauen Ansätze immer raumgreifender, bei manchen war die künstliche Farbe nur noch in den Spitzen zu sehen. Das Grau wirkte elegant und modern. Andere amerikanische Medien zogen nach und brachten Vorher-Nachher-Fotos mit Bildunterschriften, in denen die Frauen sich erleichtert zeigten, den Stress mit dem regelmäßigen Nachfärben hinter sich gelassen zu haben.

Das sind an sich keine guten Nachrichten für Friseure. Es sei denn, sie spezialisieren sich auf die vergrößerte Zielgruppe der Grauhaarigen. Andreas Kohlhoff hat das mit seinem Salon in Düsseldorf getan und kann berichten, wie Corona viele seiner Kundinnen zum Umdenken bewogen hat: „Wenn man so bei sechs bis zehn Zentimetern Ansatz ist, dann sagt man schon: Na ja, das ist gar nicht mal so schlecht. Und wenn man über zehn Zentimeter kommt, dann denkt man: Das ist eigentlich wirklich gut.“

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Allerdings beginnt die Depigmentierung nicht bei allen gleich. Als ich die Veränderung lieben gelernt hatte, träumte ich davon, nach dem Lockdown mit einer weißen Strähne im sonst dunklen Haar ins Büro zurückzukehren. Wie eine Superheldin, die vom Leben gestreift wurde. Das hat leider nicht geklappt – sie wachsen vereinzelt, vor allem an den Schläfen. Das Ganze geht also eher in Richtung Salz und Pfeffer als in Richtung Superheldin. Das hängt auch mit der alten Haarfarbe zusammen, wie Andreas Kohlhoff erklärt: „Dunkelbraune bis schwarze Haare werden eher weiß. Hellere Haare werden eher mittelgrau, manchmal auch etwas scheckig. Das kann sehr gut aussehen, weil dadurch bei längeren Haaren helle Strähnen entstehen. Bei sehr kurzen Haaren ist das Bild eher gescheckt – wie ein Leopard.“

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Mittlerweile gibt es viel Inspiration für Frauen, die sich für ihr natürliches Grau entscheiden. Der kalifornische Friseur Jack Martin teilt auf Instagram Vorher-Nachher-Fotos mit seinen 616.000 Abonnenten. Er bittet die Kundinnen, mit ein paar Zentimetern grauem Ansatz zu ihm zu kommen, damit er das Muster nachfärben kann: Sind vorne hellere Strähnen? Wie breit sind sie? Ist das Haar einheitlich grau oder weiß? Es soll kein Übergang sichtbar sein, wenn das Haar natürlich nachwächst. Die Fotos sind spektakulär.

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Andreas Kohlhoff, der seit 2004 aufs Färben spezialisiert ist, warnt jedoch vor dieser Methode: „Man kann die Haare an einem einzigen Tag grau überfärben, aber das wäscht sich sehr schnell raus, dann sieht man den Ansatz wieder.“ Deshalb sei es besser, wenn der Friseur beim ersten Mal mit Strähnchen oder einer leichten Tönung arbeitet, bis die Haare weiter rausgewachsen sind. „Bei zweiten oder dritten Mal kann man dann schon weiter gehen.“

Das lässt immerhin genug Zeit, die Garderobe der neuen Haarfarbe anzupassen. Für blasse Brünette wie mich wird das irgendwann richtig teuer, stelle ich im Gespräch mit dem Friseur fest. „Rot und Kupfer beißen sich mit grauen Haaren“, sagt er. Da geht sie hin, meine Lieblingsfarbe, in der ich etliche Kleider besitze. Kohlhoff empfiehlt dafür bläuliche Töne, Schwarz, Weiß und Silber.

Und das ist nicht der einzige Nachteil der Verwandlung, es wird noch schlimmer: Graue Haare stehen nicht jedem. „Wenn man eine sehr helle Gesichtsfarbe hat, können sie sehr blass machen. Blonde Haare werden manchmal gelblich-grau, das kann etwas schmutzig aussehen“, sagt Andreas Kohlhoff. „Nicht jedes Grau ist von Natur aus richtig schön.“ Außerdem sind die grauen Haare oft dicker und widerspenstiger. „Wenn Sie den Scheitel immer links getragen haben, kann es sein, dass das mit den grauen Haaren nicht mehr geht. Die haben ihren eigenen Willen.“ Und schließlich empfiehlt der Friseur noch „einen kürzeren bis kurzen Schnitt. Der wirkt mit grauen Haaren oft jugendlicher und leichter“. Das mag wahr sein, aber man kann sich dieser Erkenntnis als langhaarige Frau äußerst hartnäckig verschließen. Meine persönliche Versuchsreihe läuft da ganz erfolgreich.

Der aktuelle Trend ist nicht die erste Hochphase des grauen Haars. Ab 2011 ließen sich junge Frauen grau färben, ein von ein paar modebegeisterten Stars ausgelöster Trend. „Granny Hair“ nannte sich das, und schon der Name zeigt: Die Frauen waren selbst noch keine Großmütter, nur ihre Haare sollten so aussehen. Die Furcht, alt auszusehen, kannten die meisten von ihnen nicht. Graue Haare zu glatten Gesichtern, das war eher ein hübscher Verfremdungseffekt. Wer natürlich grau wird, ist sich im Klaren darüber, dass das kein Verfremdungseffekt ist, sondern die schiere Realität des Alterns. Es gehört nicht unbedingt Mut dazu, das hinzunehmen, aber ein bisschen Gelassenheit braucht man schon. Zum Glück gehen innere Entwicklung und äußere Verwandlung hier endlich mal Hand in Hand: Ab einem gewissen Alter hat man sowieso keine Energie mehr, sich von jeder Kleinigkeit stressen zu lassen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
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