Kolumne „Stallgeruch“

Von der Hintereuterbreite geblendet

Von Wiebke Hüster
17.05.2022
, 07:44
Ein Bild von einem Stier: ein Charolais-Rind, eine von derzeit etwa dreitausend Rinderrassen weltweit
Warum die trojanische Kuh heute der reinste Goldesel ist: Das Geschäft mit dem betrogenen Zuchtbullen soll das Rind in ökonomischer Hinsicht optimieren. Das Tierwohl spielt dabei keine große Rolle.
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Seit vierhundert Jahren gibt es keine wilden Auerochsen mehr, eine Art, die Analysen von Fossilfunden zufolge zwei Millionen Jahre auf der Erde existiert hat. Die europäische Unterart überlebte am längsten, die beiden anderen, Bos namadicus, die indische, und Bos africanus, starben früher aus. Die Paarhufer, Wiederkäuer und Stirnwaffenträger, wie die phylogenetisch alten Säugetiere und Pflanzenfresser nach ihrer wissenschaftlichen Ordnung, Unterordnung und Infraordnung heißen, wurden bis ins erste Viertel des siebzehnten Jahrhunderts gejagt. Zu spät erkannte man, dass sie gefährlich selten geworden waren. Das Töten wilder Auerochsen wurde eilends zum Privileg der Adligen und Herrscherhäuser erklärt. Wilderer, die sich an den Tieren vergingen, mussten mit der Todesstrafe rechnen.

Doch selbst dieses Unterschutzstellen der Wildtiere rettete sie nicht mehr. Die Kulturlandschaften hatten sich ausgebreitet und den Auerochsen immer mehr Gebiete, in denen sie ungestört grasen konnten, genommen. Diese beiden Faktoren, Bejagung und Lebensraumschwund, waren es jedoch nicht allein, die zum Aussterben führten. Außerdem vermutet man, dass ihre domestizierten Artgenossen die Wildtiere mit Krankheiten ansteckten, mit denen das Immunsystem der Auerochsen nicht fertig wurde.

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Am Beispiel des Rindes kann man lernen, Begriffe wie Biodiversität und Verlust der Artenvielfalt nicht nur auf Wildtiere und Wildpflanzen zu beziehen. Etwa eine Milliarde Rinder leben auf der Welt, dreitausend verschiedene Rinderrassen sind gegenwärtig dokumentiert. 196 von ihnen sind aber bereits ausgestorben, und viele gelten derzeit als gefährdet. Die sehr große Ausdifferenzierung der Rinder und ihre überraschend spezifische Anpassung an klimatische Verhältnisse zwischen Pakistan und Grönland gereicht manchen Rassen inzwischen zum Nachteil.

Bild: F.A.Z.

Wenn sie nach den Kriterien moderner Landwirtschaft zu langsam wachsen, zu anspruchsvoll und zu teuer in der Haltung sind, weniger fruchtbar oder weniger stark, dann ersetzen die Bauern sie – und darin ähneln sie sich wohl weltweit – durch Rassen, die ihnen vorteilhafter erscheinen. Immer ausgeklügeltere Zuchtmaßnahmen zur genetischen Steuerung der Rinderpopulationen tragen auch zu einer Konzentration auf die leistungsfähigsten Rassen und die Kreuzung unter ihnen bei. Dabei zählt: Wie viel Fleisch ist an einem Kalb oder ausgewachsenen Ochsen dran, wie leicht gebärt eine Kuh, wie anfällig ist das Tier für Krankheiten etwa der Klauen, wie viel Milch gibt eine Kuh pro Jahr, und wie robust sind ihre strapazierten Euter, wie steht es um ihre wahrscheinliche Nutzungsdauer?

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Bei den Hörnern gepackt

Die deutsche „Rinderallianz“ etwa wirbt in ihrem Bullenkatalog für die „handverlesene Auswahl der töchtergeprüften Bullen“ und kann „mit drei Bullen auf der deutschen Top-20-Liste auftrumpfen“. Die Firma hält Zuchtbullen und verkauft deren genanalysiertes Sperma und schickt bei Bedarf die Besamungstechniker gleich mit. Fast eine Million vermarktete Spermaportionen weist die Bilanz 2021 aus und 110 Millionen Euro Umsatz. Man führt aber auch Fleischrindbullenauktionen durch und Shows, bei denen der Bauernnachwuchs seine Lieblingskälbchen präsentiert. Die Phoenixgroup, zu der das Unternehmen zählt, sorgt mit Onlineseminaren für die Fortbildung ihrer erwachsenen Kunden: „Schätzt Du noch oder misst Du schon? Gewichtsmanagement bei Kälbern“, heißt eines davon.

Man könnte sagen, die Rinderhaltung hat sich selbst zu einem Tanz um das sprichwörtliche Goldene Kalb entwickelt. Stierverehrung ist ein sehr alter Kult. In der minoischen Tradition packten junge Männer den Stier nicht nur im übertragenen Sinn bei den Hörnern, es handelte sich um einen sehr real gefährlichen Wettkampf gegen ein Lebendgewicht von etwa siebenhundert Kilogramm. Die zweite Disziplin bestand im Überspringen der Bullen, als wären diese ein Turngerät. Der Mensch verehrt die Kraft und die Kampfeslust des Stiers und überwindet Todesängste, indem er ihn als Matador rituell herausfordert, reizt, quält, ermüdet, und schließlich mit einem Degenstich tötet – oder mit der Lanze vom Pferd herab, wie Goyas Gemälde zeigen. Ob die Corrida ein Sport ist? Oder gar, wie Ernest Hemingway meinte, vielleicht die einzige Kunstfertigkeit, die neben dem Fahren von Autorennen und dem Klettern als echter Sport gelten kann, während alle anderen vermeintlichen Sportarten nur als Spiele zu definieren seien? Wenn die Todesgefahr des ausübenden Sportlers das Kriterium der Unterscheidung ist, stimmt seine Definition noch heute. In Spanien gilt der Stierkampf als schützenswertes nationales Kulturgut, und die Toreros werden gefeiert.

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Poseidons Stier

Es verwundert nicht, dass der mythische Minotaurus, jenes Mischwesen aus Menschengestalt und Stierkopf, das durch die Paarung der verliebten Frau des König Minos mit dessen ihm von Poseidon geschenkten Stier das Leben erhielt, nur durch kluge List besiegt werden konnte. Theseus wird das angerechnet, aber ist es nicht wahrscheinlich, dass Ariadne mehr zur Lösung des Problems beitrug als die Materialität des berühmten Fadens? Zwar hatte Minos den Minotaurus in einem Labyrinth sicher einsperren lassen können, musste ihm aber alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge opfern. Das ganze Unglück entstand überhaupt nur, weil sich der König über das mit dem Geschenk verbundene Gebot, Poseidons Stier gleich zu opfern, hinweggesetzt hatte.

Herakles bezwingt den Stier: Motiv einer attischen Vase aus der Zeit von 520 bis 510 vor Christi Geburt
Herakles bezwingt den Stier: Motiv einer attischen Vase aus der Zeit von 520 bis 510 vor Christi Geburt Bild: picture alliance / Liszt Collection

Dieser wilde Stier, der Vater des Minotaurus, zertrampelte die Fluren Kretas, nachdem der rachsüchtige Poseidon ihn mit solcher Wut ausgestattet hatte. Auf vorchristlichen Mosaiken sieht man, wie Herakles diesen Stier bei den Hörnern packt, es ist die vierte seiner zwölf Aufgaben, die Eurystheus ihm gestellt hatte. Derart einfach und grob besiegt, senkt der Stier den Kopf vor dem griechischen Helden, lässt ihn aufsitzen und duldet den Reiter auf dem ganzen Ritt quer über das Meer auf seinem Rücken.

Zahlreiche Darstellungen zeigen Herakles und den Stier. Die Kuh-Attrappe hingegen, die sich Königin Pasiphae bauen ließ, um den Stier zur Liebe mit ihr zu animieren, ist nicht erhalten. Das Gebilde, eine Art trojanische Kuh, sah sicherlich phantasievoller aus als die zweckmäßigen Apparaturen, mit denen Zuchtbullen wie „Bacardi“ („hohe Robotereignung“, so der Katalog) oder „Chagall“ („Top-Zeugungswerte für Voreuterlänge und Hintereuterbreite“) ihren Job erledigen müssen.

Quelle: F.A.Z.
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