Kommentar

Deutschland im Potter-Fieber

07.11.2003
, 06:52
Auch die Post ist im Potter-Fieber
Fast scheint das Erscheinen des neuesten Harry-Potter-Bandes wichtiger als das ganze Weihnachtsgeschäft, das er auch diesmal wieder retten dürfte.

Heute abend ist es mal wieder so weit. Kann sich eigentlich noch irgendein Leser, ob Kind oder Erwachsener, dem wilden Treiben der Buchhandlungen um den jeweils neuesten Band von "Harry Potter" entziehen? Fast scheint sein Erscheinen wichtiger als das ganze Weihnachtsgeschäft, das er auch diesmal wieder retten dürfte.

Entsprechend macht jede Buchhandlung, die auf sich hält, zu nachtschlafener Zeit ein Riesenaufhebens um die schlichte Tatsache, daß nun der fünfte Band einer ziemlich spannenden und unterhaltsamen Kinderbuchreihe auch auf deutsch erhältlich ist. Von denen, die es wirklich druckfrisch lesen wollen, kommt noch mit dem geringsten Aufwand derjenige an sein Buch, der sich bei Weltbild die "Lieferung zur Geisterstunde" gesichert hat. Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens wird ein eigens angeheuerter Nachtpostbote bei ihm klingeln und den neuen Stoff abgeben. Alle anderen müssen vor die Tür, und die als Hexe verkleidete Buchhändlerin wird sich gewiß nicht damit zufriedengeben, daß der Kunde das Geld hinlegt, sein Buch nimmt und nach Hause geht, um dann gemütlich im Bett darüber einzuschlafen (doch, doch, das kann passieren).

Nein, heute nacht ist Aktionismus angesagt: Eulenbacken müssen die Leute in einer thüringischen Buchhandlung, in einer anderen in Sachsen gar aus Teig geformte Spinnenbeine essen. Überall Zauberwasser, Butterbier und Hexenpizza. Eine Nachtwanderung inklusive zauberndem Revierförster wird im Saarland veranstaltet, und an der Weinstraße soll man in einen Bummelzug steigen und darf erst Stunden später mit dem Buch wieder hinaus. Und überall Zauberer - echte, die in dieser Nacht auch gut verdienen werden, und verkleidete. Nach den langen "Lesenächten" kann man weiterziehen zu den Potter-Frühstücken: Ab 5.30 Uhr werden in Elmshorn "Grusel-Muffins"aufgetischt. Gibt es eigentlich noch ganz normale Kinder, die dieses Buch einfach nur in Ruhe lesen wollen, ohne dafür vor einer Hogwarts-Wand fotografiert zu werden und an einem Gewinnspiel teilzunehmen? Das Buch hätte sie verdient.

Quelle: os., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2003, Nr. 259 / Seite 35
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