FAZ plus ArtikelKonflikt mit Russland

Ist deutsche Geschichte für Ukrainer tödlich?

Von Gerhard Gnauck, Kiew
21.01.2022
, 13:48
Der Krieg ist in der Ukraine immer da.
Panik lähmt, sie raubt jeden schöpferischen Gedanken. Ukrainische Intellektuelle wollen sich von Putin nicht krank machen lassen – und fordern mehr Unterstützung von Deutschland.
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In der Ukraine ist der Krieg immer da. Seit 2014 beginnen viele Nachrichtensendungen mit der Meldung, im Osten des Landes sei wieder ein Soldat gefallen, etwa von Scharfschützen getroffen, oder ein Zi­vilist sei verletzt worden. Russland hält den Stellungskrieg in der Donbass-Region am Köcheln. Mehr als ein Soldat pro Tag stirbt fast nie, doch das reicht, um in die Nachrichten zu kommen. So allgegenwärtig ist der Spannungszustand, dass der jetzige un­gewöhnliche Truppenaufmarsch in Russlands grenznahen Gebieten, über den sich die halbe Welt seit Wochen den Kopf zerbricht, auf viele Ukrainer kaum noch Eindruck macht.

„Ich bin etwas müde, meine Freunde im Westen zu beruhigen“, schrieb am Mittwoch die Kiewer Schriftstellerin Oksana Sabuschko auf Facebook. „Sie haben alle ,panic disorder‘ oder sind kurz davor.“ Deswegen hat die vielfach ins Deutsche übersetzte Sabuschko, in ihrer Heimat eine wichtige öffentliche Intellektuelle, die Panik zum eigentlichen Feind erklärt. Die induzierte Psychose sei die wichtigste Waffe des Kremls, erklärt sie. „Anstatt unser Leben zu leben, schöpferisch tätig zu sein, zu bauen, zu denken, uns zu entwickeln, kippen wir unsere Energie und unsere unersetzliche Lebenszeit in die schwarze Latrine namens ,Putins Pläne‘. Er diktiert uns seine Tagesordnung.“ Er brauche niemanden zu überfallen, weil es ihm gelinge, mit einer einzigen exzentrischen Nachricht viele Menschen über Tage hinweg zu lähmen. Das erinnere sie an die Generation ihrer Eltern, die in der Zeit der sowjetischen Diktatur über Jahre „gegen den KGB Schach spielen“ mussten. Gegenüber der F.A.Z. zieht Sabuschko eine Linie vom einstigen Geheimdienstler Putin zu Jurij Andropow, der lange KGB-Chef war, ehe er 1982 sowjetischer Staats- und Parteichef wurde, und zurück zu Lenin. Da gebe es Kontinuitäten, sagt die Autorin, die mit dem KGB noch selbst Erfahrung machen musste. Sie meine nicht den Kommunismus, sondern die Herrschafts- und Manipulationstechniken der völlig amoralischen Führer. Viele westliche Intellektuelle, so Sa­buschko, wollten das nicht verstehen oder sich dem nicht stellen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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