Künstler in der Pandemie

Eigeninitiative wird bestraft

Von Kai Spanke
12.04.2021
, 18:33
Viele Künstlerinnen und Künstler verlieren wegen der Pandemie ihre Krankenversicherung in der Künstlersozialkasse. Der Deutsche Kulturrat sieht den Bund in der Pflicht. Die Lösung des Problems liege auf der Hand.

Die Pandemie fordert im Kulturleben einen immer höheren Tribut. Seit einem Jahr sind Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Auftritte zum Teil nur noch eingeschränkt, in der Regel jedoch gar nicht mehr möglich. Daher haben viele Künstler eine zweite selbständige Tätigkeit aufgenommen, die häufig so breiten Raum beansprucht, dass sie dem Deutschen Kulturrat zufolge zum Verlust der Kranken- und Pflegeversicherung in der Künstlersozialkasse (KSK) führen kann. Deren Funktion ist es, selbständigen Künstlern und Publizisten die Teilhabe an der gesetzlichen Sozialversicherung zu ermöglichen. Fünfzig Prozent des Beitrags werden vom Versicherten entrichtet. Die andere Hälfte wird staatlich subventioniert oder von Auftraggebern gezahlt.

Am Montag forderte der Deutsche Kulturrat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie das Bundesministerium für Gesundheit auf, KSK-Mitglieder während der Corona-Krise vor dem Verlust der Versicherung zu schützen. „Kein Segment unserer Gesellschaft ist so lange und intensiv vom Lockdown betroffen wie der Kulturbereich“, sagt Geschäftsführer Olaf Zimmermann im Gespräch mit der F.A.Z. Viele Künstlerinnen und Künstler würden nicht aufgeben, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und auf öffentliche Unterstützung verzichten. „Es kann nicht sein“, so Zimmermann, „dass sie Eigeninitiative zeigen und dann dafür bestraft werden.“

Die Zahlen sind alarmierend genug

In der Ernst-&-Young-Studie „Rebuilding Europe“ kann man nachlesen, dass der Gesamtumsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft in der EU 2020 auf 444 Milliarden Euro gefallen ist, was einem Nettorückgang von 199 Milliarden Euro gegenüber 2019 entspricht. Im Einzelnen: 90 Prozent Verluste bei der darstellenden Kunst, 76 Prozent in der Musik, 38 Prozent in der bildenden Kunst, 25 Prozent in der Buchbranche. „Die Schockwellen von Covid-19“, heißt es in der Analyse, „sind in allen Teilmärkten der Kultur und Kreativwirtschaft zu spüren.“ In Mittel- und Osteuropa zeigten sich die Auswirkungen besonders dramatisch.

Die KSK zählt etwa zweihunderttausend Mitglieder; bei 2768 von ihnen ruhte im vergangenen Jahr die Versicherung, weil sie nicht bezahlt wurde. Warum das so war, ist im Einzelnen kaum zu überprüfen, aber die Pandemie dürfte zu den Hauptgründen zählen. Außerdem sind vom 1. März bis zum 31. Dezember 2020 laut Zimmermann 9125 Mitglieder in die Grundsicherung gegangen und haben fortan Arbeitslosengeld II bezogen.

Diese Zahlen sind nicht so alarmierend, wie Zimmermann befürchtet hatte, aber sie sind alarmierend genug: „Immer mehr Künstlerinnen und Künstler haben uns angerufen und darauf hingewiesen, dass sie aufgrund ihrer Zweittätigkeit aus der KSK herausgedrängt werden.“ Wie also könnte die geforderte Lösung aussehen? Zimmermann sieht nur einen Weg: Es müsse sofort eine politische Sonderregelung getroffen werden. Zahlreiche Künstler hätten sich dagegen gewehrt, zum Sozialfall zu werden. Nun wäre es daher ein richtiges Signal zu sagen: „Wer aktuell Mitglied der KSK ist, der wird nicht rausgeschmissen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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