Kultureinsparungen in Spanien

Tragödie mit halbem Chor

Von Paul Ingendaay, Madrid
08.08.2012
, 09:29
Spanien muss sparen, doch die Kürzungen im Kulturbereich gehorchen der Maxime: Wie richtet man größtmöglichen Schaden an, damit nichts mehr nachwächst?

Aus den vermischten Nachrichten dieser Tage: Die Regionalregierungen von Katalonien und Andalusien sträuben sich gegen die verordnete Budgetkürzung durch die Rajoy-Regierung. Andalusien, heißt es, erwägt juristische Mittel, um das Spardiktat aus Madrid zu unterlaufen. Wie es die Europäische Union von Spanien verlangt, wird in allen Bereichen die Schere angesetzt. Doch die Folgen der Austeritätspolitik zeigen sich in den spanischen Regionen auf jeweils andere Weise, denn nicht nur sind sie in unterschiedlichem Maße verschuldet, sie lassen sich auch andere Auswege einfallen, die am Ende Sackgassen sind. Die einen feuern Ärzte und Pflegepersonal, andere schließen ganze Krankenhäuser, wieder andere (oder dieselben) stellen die Gehaltszahlungen im öffentlichen Dienst ein.

Gemeinsam ist allen spanischen Regionen, dass sie in den Bereichen zuschlagen, die in ihrer Kompetenz liegen, und das sind vor allem Gesundheit und Bildung. Die Zeitung „El País“ berichtet über einen Fall aus dem Küstenort Mataró bei Barcelona. Weil die katalanische Regionalregierung vielen Sozialeinrichtungen im letzten Monat wegen eigener Überschuldung kein Geld mehr überwiesen hat, stehen Ärzte, Betreuer und Sozialarbeiter ohne Lohn da. Das Budget der Heime für Waisen und Behinderte wird zu siebzig bis achtzig Prozent aus öffentlichen Mitteln bestritten. Ein Betreuer dort verdient 1300 Euro im Monat. Der Sprecher einer Stiftung, die sieben Heime unterhält, kalkuliert, dass zwei weitere Monate Zahlungsausfall die Schließung von Einrichtungen nach sich zöge. Ein Arzt, der in Mataró seit siebzehn Jahren mit Behinderten arbeitet, gibt zu Protokoll, im Juli kein Gehalt bekommen zu haben. Die Arbeit niederzulegen kommt für ihn aber nicht in Frage. „Es ist ungerecht, dass die Schwächsten den größten Schaden erleiden“, sagt der Fünfundfünfzigjährige, „gerade jetzt brauchen sie uns.“

Ein Ringen um Qualität

Natürlich kann man nicht alle Einsparungen beklagen, denn irgendwo muss nun einmal Geld abgezogen werden, wenn das gigantische Haushaltsdefizit reduziert werden soll. Insofern geht die Rajoy-Regierung so drastisch vor, wie es sich Deutschland nur wünschen kann, und nimmt auf Jahre hinaus eine schrumpfende Wirtschaft in Kauf - mit dem Effekt, dass die Steuereinnahmen sinken, die Zahl der Arbeitslosen wächst und Spanien bei Risikoprämien auf Rekordniveau immer mehr Schulden aufnehmen muss, um die Rezession zu bekämpfen. Was außerdem heißt, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone wohl noch öfter um Hilfe bitten wird.

Einen genaueren Blick verdienen die Bereiche Kultur und Bildung. Die Opernhäuser von Barcelona und Madrid etwa haben mit Streiks zu kämpfen, fahren ihr Programm herunter und ringen um jedes bisschen Qualität, das sich retten lässt; bei der letzten Aufführung der „Aida“ vor der Sommerpause im Gran Teatre de Liceu etwa trat nur der halbe Chor an, die andere Hälfte demonstrierte auf der Straße. Auch auf die spanischen Museen warten harte Zeiten. Vergangene Woche kündigte der Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst von Kastilien und León seinen Rücktritt zum Ende des Jahres an, weil er sich durch die Leitung in Zeiten der Krise „ausgelaugt“ fühle. Schon Ende 2011 hatte der Direktor des Meeresmuseums in Vigo (Galicien) aus Protest gegen Mittelkürzungen die Brocken hingeworfen.

Höhere Steuern auf Eintrittskarten

Mitte Juli erlebte die Kulturszene ihren bisher größten Schock. Die Regierung verkündete, welche Produkte von der Erhöhung der Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent zum 1.September betroffen sind. Die gute Nachricht: Bücher behalten ihren Sonderstatus und bleiben mit dem Minimalsatz von vier Prozent besteuert. Entgegen ursprünglichen Befürchtungen konnten sich auch Schulbücher und Landkarten in diese Schutzzone retten. Der Begriff „Unterrichtsmaterial“ wurde in der Neuregelung jedoch gestrichen, so dass sämtliches Arbeitszeug der Kinder - Hefte, Stifte, Radiergummis, Lineale, Zirkel - künftig nicht mehr mit vier, sondern mit 21 Prozent Mehrwertsteuer belegt wird.

Den heftigsten Protest im Kulturbereich hat die Erhöhung der Mehrwertsteuer bei Eintrittskarten ausgelöst. Tickets für Theater, Konzerte, Kinos, private Museen und Musikfestivals springen vom Sondersteuersatz von acht auf 21 Prozent. Die Musik- und Filmbranche, die schon von der Produktpiraterie im Internet schwer getroffen ist, wird jetzt auch vom Staat in den Schwitzkasten genommen. Pedro Pérez, Vorsitzender des Produzentenverbands FAPAE, sprach laut „El País“ von einer „Beerdigung des Kinos in Spanien“. Auch Enrique González Macho, der Präsident der Spanischen Filmakademie, sagte, für viele Betreiber bedeute die Steuererhöhung das Aus.

Eine schreiende Unverhältnismäßigkeit

González selbst, bis vor kurzem Herr über hundert Säle der spanischen Kinokette „Renoir“, musste in den vergangenen Monaten schon dreißig Säle schließen. Die Renoir-Kinos gehören zu den wenigen, die ausländische Filme konsequent in der Originalfassung mit spanischen Untertiteln anbieten. Es gab mal eine Zeit, da haben kluge Beobachter in solchen Einrichtungen einen Beitrag zur Überwindung der eklatanten spanischen Fremdsprachenschwäche gesehen. Aber das ist passé. Kein Mensch scheint über die Folgen der kulturellen Verödung nachzudenken. „Wir Kinobetreiber können die Erhöhung der Mehrwertsteuer nicht wegstecken“, sagte González, nachdem die Schreckensnachricht bekanntgeworden war. „Doch ebenso wenig können wir sie auf die Zuschauer abwälzen.“

Warum das nicht geht, sagt Ramón Gómez Fabra, die Vorsitzende des Verbands der Kinobetreiber: „Wenn wir die Eintrittspreise erhöhen, machen siebzig Prozent der Säle am nächsten Tag dicht.“ So dramatisch diese Worte klingen, sie erfassen recht genau das Prinzip staatlicher Sparpolitik im Kulturbereich: mit unbedachten Maßnahmen den größtmöglichen Schaden anzurichten, nämlich so, dass die einmal zerschlagenen Strukturen nicht nachwachsen.

Einen ähnlichen Effekt hat Rodrigo Rato erzielt, der ehemalige spanische Wirtschaftsminister, ehemalige Direktor des Internationalen Weltwährungsfonds, ehemalige Vorstandsvorsitzende von Caja Madrid sowie ehemalige Chef des Nachfolgeinstituts Bankia, des größten Fusionsdesasters des spanischen Finanzsektors. Natürlich sind es Peanuts, über die jetzt gesprochen werden muss, aber genau darum geht es: um eine schreiende Unverhältnismäßigkeit. Denn so locker, wie die marode Bankia an einem Tag neun Milliarden, ein paar Tage später dann schon 23 Milliarden Euro staatliche Finanzhilfe anforderte, genauso bedenkenlos hat die neue Führung Ende vergangenen Jahres die phänomenale Arbeit der eigenen Kulturstiftung ausgelöscht.

Konzertreihen verschwinden

Fast zwanzig Jahre hat diese Fundación Caja Madrid das Madrider Musikleben mit seinen erstklassigen Konzertzyklen und Förderprogrammen bereichert. Da war der Zyklus „Los Siglos de Oro“, der seit den neunziger Jahren alte iberische Musik zu erschwinglichen Eintrittspreisen zugänglich gemacht und auch Ersteinspielungen vergessener Kleinodien finanziert hat. Oder eine wunderbare Konzertserie der Kammermusik. Da gab es außerdem den „Ciclo Lied“, der Sänger wie Bryn Terfel, Christian Gerhaher, Matthias Goerne oder Felicity Lott sowie ihre Klavierbegleiter ins Madrider Zarzuela-Theater geholt hat - Jahr um Jahr, zu humanen Eintrittspreisen. Oder auch die Literaturzeitschrift „Revista de Libros“, die einzige Annäherung an Rezensionsorgane wie die „New York Review of Books“ oder das „TLS“, die es in Spanien je gab.

All das hat die Caja Madrid unter Ratos Führung fallengelassen, als wäre es ein Luxusspielzeug gewesen. Der „Ciclo Lied“ wurde immerhin vom Nationalen Institut für Bühnenkunst und Musik aufgefangen und darf im Auditorio Nacional fortgesetzt werden. Dort, am Zentrum für Musikförderung, arbeitet inzwischen Antonio Moral, der den Zyklus seinerzeit gegründet und während aller Etappen seiner Karriere betreut hat. Die anderen Konzertreihen dagegen verschwinden, und die „Revista de Libros“ stellte schon mit der Dezembernummer ihr Erscheinen ein. Der Schriftsteller Antonio Muñoz Molina hat der Zeitschrift in seinem Blog einen Nachruf gewidmet und dem Finanzjongleur Rato die Frage gestellt: „Wie viel kostete die ‚Revista de Libros‘ im Jahr?“

Übrigens hat Bankia auch die von ihr getragenen öffentlichen Bibliotheken geschlossen. Etwa die in Alcalá de Henares, dem Geburtsort des Cervantes. Es gibt keine Bühnen mehr in Spanien, um all diese Trauerspiele aufzuführen, und gäbe es sie, träte die Hälfte des Chors wegen der Erhöhung der Mehrwertsteuer in Streik.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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