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Kultursponsoring

Das Böse hat einen Namen: Vattenfall

Von Michael Jürgs
 - 19:13
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Ohne finanzstarke Mäzene müssten viele Autoren, unter denen sich zu viele Dichter nennen, obwohl sie andere Berufe schwänzen, unaufgefordert ihre Werke in Fußgängerzonen oder Seniorenheimen vorlesen. Also da, wo es kaum Möglichkeiten gibt, sich rechtzeitig nach dem ersten Satz zu retten. Ohne Kultursponsoring wäre lebendige Kultur - Ausstellungen, Lesetage, Filmfestivals - vielerorts längst von politischen Totengräbern beerdigt. Die Kulturbanausen schaufeln in allen Parteien.

Seit dreizehn Jahren lesen am großen Strom in der nicht als kulturaffin verschrienen Stadt Hamburg Dichter, unter ihnen Maxim Biller, Arno Geiger, Edgar Hilsenrath, Bodo Kirchhoff, Sten Nadolny, Ilija Trojanow, Tim Parks, Hanif Kureshi, sowie Autoren, unter ihnen Wolfgang Büscher, Jürgen Leinemann, Hans Leyendecker, Harald Martenstein, Roger Willemsen, Moritz von Uslar, Petra Reski, Ulrich Wickert, Wiglaf Droste, aus ihren Büchern. Geprägt, beflügelt, getragen sind sie entweder durch eigenartige Musenküsse oder von eigenen Recherchen.

Schlachtross Günter Grass, Zugpferd Harry Rowohlt

Hauptsponsor war nach dem Verkauf der stadteigenen HEW-Werke der schwedische Energiekonzern Vattenfall. Nicht von ungefähr, aber auch nicht gerade überraschend unter den real existierenden Bedingungen des Marketings hieß das allseits gefeierte Vorlesevergnügen seitdem „Vattenfall Lesetage“. Niemand regte sich auf, obwohl das Geschäft mit der Atomkraft schon immer zum Gewinn der Schweden Milliarden beitrug. Wer was für die Kultur tut, ohne etwa Mitsprache bei Themen und Autoren zu verlangen, war wohlgelitten.

Doch nach dem Supergau von Fukushima ging es nicht mehr um Bücher und Autoren, sondern nur noch um Gut und Böse. Das Böse an sich hatte einen Namen: Vattenfall, bekannt aus Funk und Fernsehen als Konzern, der wegen zahlreicher Störfälle und Brände in seinen Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel zu Recht politisch attackiert wurde. Die Bösen als solche wiederum sind jetzt ebenfalls namentlich bekannt. Sie stehen mit ihren Auftritten im Programm der Lesetage.

Die Guten wiederum sind alle, die sich dagegen aufstellen: Bei „Lesen ohne Atomstrom“ mit dem ehrenwerten Schlachtross Günter Grass, bei „Lesetage selber machen - Vattenfall Tschüss sagen“ mit dem unzähmbaren Zugpferd Harry Rowohlt, der im Schein von Funzeln bei seiner Performance sinngemäß darauf hinwies, dass aus der Stadt gejagt gehöre, wer Tschüss mit zwei statt, wie es hanseatischer Anstand gebiete, mit einem s schreibe.

Fernseh-Sprachmüll à la Klum, Bohlen, Barth

Bevor es Bücher gab, hat Literatur mit Wortwanderern begonnen, die über Land zogen und den atemlos mit offenem Mund lauschenden Irdischen überirdisch anmutende Geschichten von der Welt jenseits ihrer Dörfer erzählten. Sie betrieben Mund-zu-Ohr-Beatmung, brauchten weder Mikrofon noch Leselampe, nicht mal Kerzen, weil es noch nichts Gedrucktes gab, das sie vorlesen konnten. Gutenberg tüftelte ja noch. Sie sicherten das Überleben der kollektiven und der subjektiven Erinnerungen. Dichter wie die wort- und sprachgewaltigen Grass und Rowohlt hätten wohl damals schon vor vollen Marktplätzen das Lied der Freiheit gesungen.

Die ist bekanntlich immer die Freiheit der Andersdenkenden. Rosa Luxemburg hätte aber bei den Gegnern der „Vattenfall Lesetage“ wohl Auftrittsverbot. Denn in Hamburg witterten zu viele weder aus Funk noch aus Fernsehen, noch gar aus Druckwerken bekannte Wortsucher, die bislang nur im engsten Familienkreis mit ihren Texten unliebsam aufgefallen waren, eine einmalige Chance, endlich Gehör zu finden. Da sie schreiben, wie sie sprechen, laut und hölzern, hatten sie Erfolg. Verleumdet werden von ihnen neben vielen anderen die Gärtner, die seit Jahren unbeirrt gegen Fernseh-Sprachmüll à la Klum, Bohlen, Barth et cetera verkrustete Felder düngen und in Hamburger Schulen, wo das Wort keine Bleibe hat, Autoren von Kinder- und Jugendbüchern vorstellen. Ohne das „beispiellose Engagement“ (Verein Hamburger Lesenacht e.V. ) von Vattenfall und seiner Mitarbeiter für das gebeutelte Kulturgut Buch sei das nicht möglich.

Ohne eine Spur von schlechtem Gewissen

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun. Deshalb schlug nach dem Gau in Japan die Stunde der Ignoranten. Wer sich mit Vattenfall lesend ins Bett legt, ist so etwas wie ein kultureller Bettnässer, hat einen Igitt-Faktor, wie man bei der FDP unter Parteifreunden dazu sagen würde. Dass die Lesetage enttarnt wurden als „Greenwashing“, um für den Atomkonzern Imagepflege zu betreiben, ist eine großartige Rechercheleistung. Sach bloß, würde man dazu in Fachkreisen sagen. Dass wir darauf noch nie gekommen sind! „Lesetage selber machen - Vattenfall Tschüss sagen“: Welch ein sprachgewaltiges Motto, welch ein Einfall, welch ein Klang!

„Werden Sie Teil der Kampagne“ fordern sprachlose Aktivisten und vermuten, sich vorstellen zu können, „dass Sie nicht sehr glücklich darüber sind, bei Vattenfall in der Pflicht zu stehen“. Dumm sein und Arbeit haben, so Gottfried Benn, sei Glück. Dumm sein und anderen ihre Arbeiten vorzuwerfen muss ein ganz besonderes Glück sein. Die Regionalgruppe der BücherFrauen e. V. schließt sich, mit herzlichen Grüßen, vollinhaltlich an. Ein Mensch, der Adventskalender zum Selbstdrucken verlegt, also ein Verleger ist, beschimpft den Kolumnisten Harald Martenstein, weil der nicht „freiwillig mitwirkt an den Lesetagen, sondern gezwungen vom Honorar, das dieser Dreckskonzern ihm bezahlt“. Das Wörtchen „Dreck“ strich er so durch, dass Juristen ihm nichts anhaben können und dennoch lesbar bleibt, was er meinte.

Ja, ich mache mit bei den „Vattenfall Lesetagen“. Ja, ich bin für den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomenergie und die Stilllegung alter Meiler. Ja, ich lese ohne eine Spur von schlechtem Gewissen gegen den Strom derer, die anderen ihre Meinung aufzwingen wollen.

Quelle: F.A.Z.
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