Steinzeitschwein

Älteste Höhlenmalerei der Welt entdeckt

Von Stefan Trinks
15.01.2021
, 21:59
Steinalt: Das atmend lebensnahe Warzenschwein von Sulawesi, 43.500 vor Christus.
Hier hat die Kunst aber Schwein gehabt: In einer Höhle auf der indonesischen Insel Sulawesi wurde die bisher älteste Malerei der Menschheit entdeckt - sie ist auf Anhieb perfekt und formvollendet.

Picasso, Matisse, Klee und viele andere Moderne sahen in den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux den Ursprung der Kunst. Der vor knapp zwei Jahren verstorbene Kunsthistoriker Irving Lavin vom Institute for Advanced Study in Princeton hat der Höhlenmalerei in seinem Buch „Picassos Stiere oder die Kunstgeschichte von hinten“ die luzideste Analyse gewidmet. Nun ist in „Science Advances“ ein 2017 auf der indonesischen Insel Sulawesi in der Leang-Tedongnge-Höhle entdecktes Bild eines lebensgroßen Wildschweins mittels Uran-Isotopenanalyse auf 45.500 Jahre Alter datiert und zur ältesten Höhlenmalerei der Welt erklärt worden (doi: 10.1126/sciadv.abd4648).

Selbst die Warzen hat der Maler nicht vergessen

Die Malerei in der nur während der Trockenzeit zugänglichen Höhle ist naturräumlich gut geschützt: in einer abgelegenen Schlucht, etwa eine Stunde Fußmarsch zur nächsten Straße entfernt. In der Höhle überrascht die Lebensnähe des mit roten Erdfarbpigmenten gemalten Schweins: Es ist dynamisch in eine leichte Schräge nach rechts oben gebracht, als galoppiere es mit den nach vorn geführten Vorderläufen und dem kleinen spitzen Kopf auf der Flucht vor Jägern eine Anhöhe empor. Der gesamte Körper ist gefüllt mit roten Strichlagen, die am kugelrund mächtigen Bauch und am Rückenkamm verdichtet sind, um dem Tier durch diese Schattenmodellierung Plastizität zu geben. Auch der als verdichteter Strich abstehende kleine Schwanz wurde nicht vergessen. Jedes Detail zeugt von genauester Naturbeobachtung, da unterhalb der Schnauze selbst ein Paar der für Sulawesi-Warzenschweine (Sus celebensis) charakteristischen hornartigen Gesichtswarzen zu erkennen sind. Zusätzlich wurden Unebenheiten der Höhlenwand genutzt, die dreidimensional innerhalb der Fläche genau des Tierkörpers heraustreten, um es etwa an der Flanke noch plastischer erscheinen zu lassen.

Zweifelsohne große Kunst: Auch das aus dem Stoßzahnmaterial des Tieres geschnitzte Mammut aus der schwäbischen Vogelherdhöhle ist fast vierzigtausend Jahre alt.
Zweifelsohne große Kunst: Auch das aus dem Stoßzahnmaterial des Tieres geschnitzte Mammut aus der schwäbischen Vogelherdhöhle ist fast vierzigtausend Jahre alt. Bild: Picture-Alliance

Links über dem Borstentier ist der Negativabdruck zweier Hände auf die Wand gebracht, indem die Silhouette der Finger ebenfalls mit roten Erdpigmenten umpustet wurde. Somit handelt es sich hierbei neben dem Schwein als älteste bislang bekannte Tierdarstellung auch um das älteste „Selbstbildnis“ der Menschheit, denn deutlich zu erkennen ist, dass Mittelfinger und Ringfinger stark auseinanderstehen, ob bewusst zu einer Art Spock-Geste gespreizt oder von einer gichtartigen Krankheit herrührend ist nicht zu klären. Dieses individuelle Merkmal machte die das Schwein ausführende Hand dieses frühen Künstlers unverwechselbar; er erkannte sich darin und seine Stammesgefährten ihn.

Die Frage, ob bei Höhlenmalerei, die vielleicht dem Zweck eines Jagdzaubers oder der Geisterbesänftigung der erlegten Tiere diente, von Kunst zu sprechen sei, wurde aus Künstlersicht stets bejaht. Für reine Zweckerfüllung hätte eine simple Linienzeichnung gereicht. Oder wie ein Ko-Autor des Berichts zur Höhle schreibt: „Sie konnten jede Malerei schaffen, die sie wollten.“ Angesichts dieses perfekten Urbilds eines Schweins ist die Frage beantwortet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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