Alte Synagoge in München

Bauhaus im Hinterhaus

Von Hannes Hintermeier
09.11.2021
, 18:20
Baujahr 1931: Die alte Synagoge im Gärtnerplatzviertel
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Wie München ein architektonisches Juwel zurück bekommt: Die alte Synagoge an der Reichenbachstraße wird saniert.
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Das Haus mit der Nummer 27 ist ein Fremdkörper. Die übrigen Häuser an der Münchner Reichenbachstraße wurden im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts errichtet, sind mithin das, was der Großstädter am meisten liebt – Altbau. Die Nummer 27 aber hat ein eigenes Schicksal, und wer sich das näher besieht, kann verstehen, dass es sich nicht um Harmonie schert. Im Gegenteil, seine bronzefarbenen Fenster sehen so aus, als würde ein in die Jahre gekommener Halbstarker mit Spiegelbrille die Muskeln spielen lassen.

Bis vor 15 Jahren beherbergte das Haus die Israelitische Kultusgemeinde mit Büros, Kindergarten und Wohnungen. Im Februar 1970 war es dort zu einem ter­roristischen Brandanschlag gekommen. Von den 26 Bewohnern starben sieben, darunter zwei Holocaust-Überlebende. Die Tat wurde wohl von der RAF verübt; Wolfgang Kraushaar hat über den Fall ein Buch geschrieben („,Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?‘ München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“).

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Nach der Schreckenstat wurden die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt. Das Haus wirkte fortan wie ein Hoch­sicherheitstrakt. Als vor 14 Jahren am Jakobsplatz die neue Synagoge und das Gemeindezentrum eröffneten, wurde das Vorderhaus an der Reichenbachstraße vermietet. Im Durchgang zum Hinterhaus befindet sich ein Fries, der an den Anschlag erinnert. Beim Hinterhaus handelt es sich um die alte Synagoge, die nicht mehr benötigt wurde. Auch heutiger Sicht ist es irritierend, wie schnell deren Existenz vergessen wurde. Das Gebäude verfiel rasch.

Momentan noch in keinem guten Zustand: Im November gibt es noch Führungen durch die Synagoge
Momentan noch in keinem guten Zustand: Im November gibt es noch Führungen durch die Synagoge Bild: Hannes Hintermeier

Als Rachel Salamander, unlängst mit dem Heine-Preis ausgezeichnete Buchhändlerin und Publizistin, vor acht Jahren an der alten Synagoge vorbeiging, um bei dem im letzten Winkel des Hofs gelegenen Begräbnisinstitut die Beisetzung für eine verstorbene Freundin zu regeln, traf sie nach eigener Schilderung „beinahe der Schlag“. Das Gebetshaus ihrer Kindheit war als Lagerraum zweckentfremdet. „Überall stand Gerümpel herum, und von der Decke tropfte das Wasser auf die Empore“, erinnert sich die alterslose Zweiundsiebzigjährige.

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Auf dem Heimweg sei ihr klar geworden, wenn sie sich nicht kümmern würde, würde es niemand tun: „Wenn ich das nicht per Zufall gesehen hätte und wenn ich nicht so ein Verantwortungsgefühl hätte – ich hätte mir einige schlaflose Nächte erspart.“ Sie habe gewusst, ihre Generation muss dieses letzte existierende sakrale Gebäude der Zwischenkriegszeit retten. Zusammen mit dem Anwalt Ron C. Jakubowicz gründete sie den Verein Synagoge Reichenbachstraße, der sich seither im Auftrag der Israelitischen Kultusgemeinde um die Sanierung des architektonischen Juwels bemüht.

Man muss hundert Jahre zurückgehen, um das heutige Szeneviertel rund um den Gärtnerplatz in einem völlig anderen Zustand zu sehen. Die in der Synagoge gezeigte Videoinstallation von Thomas Dashuber sowie die von Ulrike Heikaus gestaltete Audioinstallation leisten hier gute Dienste mit Archivmaterial in Bild und Ton: Rund um den Gärtnerplatz hatten sich viele Ostjuden angesiedelt, die sich, meist durch Pogrome aus ihrer Heimat vertrieben, an der Isar eine neue Existenz aufbauen wollten.

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Ein Junggenie namens Meyerstein

Zwei Betvereine taten sich zusammen und erwarben 1921 das Anwesen an der Reichenbachstraße von der Schwabinger Brauerei AG, um im Hinterhof eine Synagoge zu errichten – und weiter die ostjüdische Variante des Judentums zu pflegen und also auch weiter Jiddisch zu sprechen. Der Gebetsraum wurde schnell zu klein, weswegen man 1929 den aus Halle an der Saale stammenden Architekten Gustav Meyerstein beauftragte, ein größeres Gebäude zu errichten. Auf 380 Quadratmetern fanden 550 Menschen Platz. Als am 5. September 1931 die neue Synagoge eingeweiht wurde, bestaunte die Gemeinde den modernsten Sakralbau Münchens, der mit einem Farbspektakel aus pompejanischem Rot, pastellgelbem Marmor und hellblauen Wänden beeindruckte. Elegante Oberlichter trugen zu einem sinnlichen Raumerlebnis bei.

In der Nacht auf den 10. November 1938 verwüsteten SA-Leute den Bau, und nur der Umstand, dass der Brand gelöscht wurde, um Schaden von den Nachbargebäuden abzuwenden, rettete die Bausubstanz. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nationalsozialisten die Hauptsynagoge im Zentrum an der Herzog-Max-Straße schon in einem Handstreich abreißen lassen. Ein Unternehmen, das am Bau beider Synagogen beteiligt war, verdiente auch am Abriss der Hauptsynagoge – die bis heute in München aktive Baufirma Leonhard Moll.

Der Architekt Meyerstein war so klug gewesen, gleich 1933 nach Palästina auszuwandern, wo er 1975 starb. Dort baute er vornehmlich Gewerkschaftshäuser, aber auch die Villa von Staatschef Ben Gurion. Heute sei Meyerstein auch in Israel vergessen, sagt Salamander. Sie selbst ist voller Erinnerungen, wenn sie auf der Empore, dem angestammten Platz der Frauen, in der baufälligen Synagoge steht. Sie führt zu ihrem ehemaligen Stammplatz, und ihre Augen weiten sich, wenn sie, bestimmt zum x-ten Mal, einen Filmausschnitt ansieht: Für den 1958 gedrehten Film „Ein Lied geht um die Welt“ über den jüdischen Tenor Joseph Schmidt waren Rachel Salamanders Vater und ihr Bruder als Statisten engagiert worden – „für fünfzig Mark am Tag, das war für uns ein Heidengeld“.

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An Rachel Salamanders altem Platz

Acht Jahre zäher Verhandlungen mit Denkmal- und Brandschutzbehörden, mit Nachbarn, die einen Fluchtweg nicht mehr zulassen wollen, liegen nun hinter Salamander und Jakubowicz. Bund, Freistaat und Stadt haben jeweils drei Millionen Euro bewilligt; eine weitere Million muss der Verein zur Rettung des Gebäudes selbst aufbringen.

„Wenn man es genau nimmt, haben wir es hier mit einem Restitutionsfall zu tun“, sagt Salamander und winkt zugleich ab. Leonhard Moll, angefragt, alte Pläne beizusteuern, hat mitgeteilt, man habe kein Archiv. Sachspenden oder finanzielle Unterstützung hat die Baufirma abgelehnt. Aber kleine Wunder gibt es doch: In der Hofglasmalerei Gustav van Treeck, die vor neunzig Jahren die Glasarbeiten durchführte, fanden sich im Archiv noch Originalgläser, wie sie damals verbaut wurden.

Vor zwei Wochen hat der Verein den Bauantrag eingereicht. Wenn alles klappt, könnte 2023 ein Baudenkmal wieder zugänglich gemacht werden, das weit über Münchens Erinnerungsgrenzen hinaus Beachtung finden wird – als eine der wenigen Bauhaus-Synagogen auf der Welt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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