Ausstellung zu Marvel Comics

Naturgesetze der Seifenoper

Von Victor Sattler
10.06.2021
, 21:19
War Stan Lee ein Vorreiter für Inklusion, da er Daredevil die Sehkraft nahm? Seit sechzig Jahren erzählen die Marvel Comics private und politische Dramen: Nun stellt München sie aus.

Laut dem Comiczeichner Steve Ditko sind die klassischen Techniken des Comics in Vergessenheit geraten und werden heute im Herstellungsprozess verdeckt. Erst hinter der Klarsichthülle der teuren Sammlerstücke, unter Glanz und Farbe, finden sich die Striche der Künstler wieder. Eine Ausstellung im Amerikahaus München zeigt jetzt zum sechzigjährigen Bestehen des Marvel-Verlags 180 Bleistift- und Tuschezeichnungen – sowohl Originale als auch Reproduktionen –, die allesamt nicht koloriert sind. Das erklärte Ziel: Diese Exponate sollen ihre Zeichner aus dem übermächtigen Schatten des Starautors Stan Lee (1922 bis 2018) hervorholen. Aus einer Seite Plot, die Lee verfasste und vorlegte, entwickelten die Zeichner eine fast fertige Geschichte in einer überbordenden Bildsprache, die kaum Platz und wenig Bedarf für Sprechblasen ließ. Sogar das Casting der späteren Marvel-Blockbuster nahmen sie vorweg, indem sie die Figuren an ihre Wunschbesetzungen aus dem realen Leben anlehnten.

Ihr Rollenverständnis ähnelte damit dem eines Filmemachers, und tatsächlich gibt es viele Parallelen zwischen diesen beiden uramerikanischen Branchen. Als angebliche „Verführer der Unschuldigen“ waren Comics in den Vereinigten Staaten mindestens so gefürchtet wie Filme. Vor dem amerikanischen Kriegseintritt machten sich beide Medien allerdings nützlich und durften sich an Hitler-Deutschland abarbeiten, nach 1945 mussten sie wieder an die Kette gelegt werden. Ihre jeweiligen Sittenregeln haben sich beide Branchen selbst gegeben: Einerseits wollte man einer staatlichen Zensur zuvorkommen, andererseits konnte man den Kodex so langsam aufweichen und Grenzen austesten.

Ditko verdankte es seinem Händchen für feine Linien, dass er 1963 mit der neuen Figur des Spider-Man betraut wurde, die gleichzeitig einen neuen Typ Held darstellte. Wie schon beim ersten erfolgreichen Marvel-Titel des sogenannten „Silbernen Zeitalters“, den „Fantastischen Vier“ (1961), die zwar ins Weltall aufbrechen und dort kosmisch verstrahlt werden, im Grunde aber als liebevolle Familie funktionieren, sollte Spider-Man von seiner menschlichen Seite gezeigt werden. Im Comic-Universum traten schon bald die Naturgesetze einer ewig laufenden Seifenoper in Kraft: Auf Heiraten folgen Scheidungen, auf Allianzen Zerwürfnisse, Tode sind oft nur vermeintlich, Vaterschaften verheimlicht. Und da die Kontinuität über die Jahrzehnte immer mal wieder ausgehebelt wurde, stehen bei vielen Figuren mehrere unverbundene, teils gar unvereinbare Erzählungen nebeneinander.

Zeichenkunst mit politischem Unterton

Die Serien mussten sich ständig neu erfinden, weil der Verlag bei einbrechenden Verkaufszahlen nicht lange untätig zusah. Von Beginn an wusste sich die Redaktion mit tagesaktuellen politischen Themen zu helfen. Als legendär gilt ein Cover von 1974, mit dem Marvel auf die Watergate-Affäre reagierte. Weil Captain America in dem Heft seinerseits eine Verschwörung der fiktiven Regierung aufdeckt, wirft er auf dem Titel sein mit Streifen und Sternen beflaggtes Kostüm zu Boden und wird lieber ein staatenloser Nomade.

Ähnlich große Gesten beherrschte Black Panther, der als erster schwarzer Superheld Geschichte schrieb. 1966 zeigte ihn ein Cover, wie er kraftvoll seine Fesseln sprengt und von einem Holzkreuz herab in die erhobenen Fackeln des Ku-Klux-Klans springt. Auf den Trümmern der Anschläge vom 11. September führte das Kondolenzheft 2001 sogar mörderische Schurken wie Magneto und Juggernaut zusammen, die sich ihrer Tränen angesichts der Tragödie nicht erwehren können; und das, obwohl Juggernaut das World Trade Center wenige Jahre zuvor selbst in die Luft gesprengt hatte.

Wem die Leser ihre Sympathie und Treue schenken sollen, haben ihnen die Comics nie vorgeschrieben. Bei den auflagenstarken „Crossovers“ zogen oft Helden gegen Helden ins Feld, etwa im Zyklus „Civil War“ von 2007. Die Streitfrage zwischen den gegnerischen Lagern um Iron Man und Captain America war, inwieweit man sich mit der Regierung gemeinmachen solle. Tatsächlich ist dieses heikle Verhältnis bis heute nicht geklärt. Während die amerikanische Generalkonsulin in München betont, dass sich viele amerikanische Soldaten stolz in den Helden wiedererkennen, spricht der Kurator der Ausstellung lieber darüber, wie die Marvel-Comics fiktive Polizeigewalt kritisieren, die sich gegen die Helden richtet.

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Derweil wird Stan Lee auf den Infotafeln im Amerikahaus als Vorreiter der Inklusion gerühmt, da er bereits in den Sechzigerjahren Daredevil seiner Sehkraft beraubte und dem gefallenen Donnergott Thor eine Gehbehinderung auf den Leib schrieb. Diese Deutung ist unfreiwillig komisch – sie klingt ein wenig, als müsste auch Siegfried als Drachentöter rückblickend Integrationsbedarf anmelden.

Die Handicaps der Figuren, von denen manche erst nachträglich ergänzt wurden (wie etwa der Alkoholismus von Iron Man), dienten den Plots eher als Auslöser für oder als Ausgleich zu den gewaltigen Superkräften. Und unter der eigenen unbändigen Stärke lässt es sich in der Welt von Marvel sowieso am schönsten leiden: sei es in romantischen Beziehungen oder im Dialog mit der Restbevölkerung. Die ganz normalen Leute gibt es in den Heften ja ebenso. In den ironisch-reflektierteren unter den Geschichten stehen diese gewöhnlichen Menschen dann ratlos daneben, blicken melancholisch auf all die Verwüstung und beginnen dann mit den Aufräumarbeiten.

60 Jahre Marvel Comics Universe. Im Amerikahaus München; bis zum 30. September. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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