FAZ plus ArtikelArchäologie-Ausstellung

Fragmente einer Sprache der Dinge

Von Andreas Kilb
24.09.2018
, 14:52
Jungsteinzeitliche Jadeitbeile als Teil einer Geschichte, die Begriffen folgt
Die Berliner Ausstellung „Bewegte Zeiten“ zeigt das neue Geschichtsbild der Archäologie. Migration wird dabei zum zentralen Thema, Konflikte aber werden zuweilen unterschätzt.

Einen Klappstuhl wie diesen hat man noch nicht gesehen. Silberne Ketten halten eine filigrane Konstruktion, die wie ein Ikea-Möbel aus vierzehn einzelnen, verschieden langen Silberstangen zusammengesetzt ist. Die Rückenlehne wird von zwei Büsten gekrönt, die Handknäufe von ganzfigurigen Heiligen. Löwenfüße stützen das Gebilde vom Boden ab. Es ist der Sitz einer Fürstin oder Prinzessin, die ihr Reisemöbel zusammen mit ihren persönlichen Reichtümern in Rülzheim an der Straße von Mainz nach Straßburg begraben ließ. Aber obwohl der Schatz an einer Römerstraße lag, gehörte er keiner Römerin. Schild, Schale und Gewandschmuck deuten auf eine Adlige im Umkreis des Hunnenherrschers Attila. Unweit von hier, in Worms, wurde im Jahr 436 ein burgundisches Teilreich von hunnischen Hilfstruppen des römischen Feldherrn Aëtius vernichtet. Die Geschichte bildet den Kern der Nibelungensage. Die Besitzerin des Stuhls könnte deren Helden gekannt haben. Doch ihre Schätze nennen keine Namen. Sie sprechen nur zum Auge des Betrachters – und zu seiner Phantasie.

Der spätantike Hort von Rülzheim wurde im Sommer 2013 von einem Sondengänger entdeckt. Der Finder versteckte die Objekte bei Bekannten. Anfang 2015 wurde er wegen Unterschlagung zu fünfzehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Später milderte das Landgericht Frankenthal das Urteil zu einer Geldstrafe ab. In der Verhandlung waren sich die berufenen Gutachter über den Wert des Hortfunds uneinig: Einer schätzte ihn auf unter fünfzigtausend, ein anderer auf knapp sechshunderttausend Euro. In der Ausstellung „Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland“ im Berliner Gropius-Bau wird jetzt deutlich, dass der Rülzheimer Fund so nicht zu taxieren ist. Sein Wert ist unermesslich, denn er setzt einen Mosaikstein in das kulturelle Panorama der Spätantike, der vorher nicht da war. Nein, keinen Stein: einen Stuhl.

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Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Martin-Gropius-Bau, Berlin; bis zum 6. Januar 2019. Der Katalog kostet 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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