Architekturschau in Stockholm

Ehret mir eure großen Baumeister

Von Ulf Meyer
12.11.2021
, 17:20
Sigurd Lewerentz vor seiner St. Markus-Kirche in  Björkhagen
Ein Brite führt den Schweden vor Augen, wie bedeutend Sigurd Lewerentz als Architekt von Gebäuden des Todes und des Lebens war. Und er vermittelt, warum der bedeutende Baumeister einer undogmatischen Moderne lange Zeit nicht angemessen gefeiert wurde.
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Als der britische Architekturkritiker Kieran Long im Jahr 2017 Direktor von ArkDes, Stockholms Zentrum für Architektur und Design, wurde, beschloss er, Sigurd Lewerentz in ein neues Licht zu rücken. Auch wenn dieser zu den bedeutendsten Architekten der Moderne in Schweden gehört, sind wichtige Teile seines Werks wenig bekannt. Long gab deshalb neue Fotoserien der besten Bauten von Lewerentz in Auftrag und wählte 800 zum Teil unveröffentlichte Zeichnungen und Objekte aus der riesigen Sammlung aus, die in den Archiven des Hauses schlummert. Die Ausstellung mit dem Titel „Architekt von Tod und Leben“ zeigt Lewerentz’ Vielfalt und Brillanz eindrücklich, sie ist die größte monographische Ausstellung, die jemals im ArkDes zu sehen war, und trägt dazu bei, die Geschichte der Moderne in Skandinavien neu zu schreiben. Dass ausgerechnet ein Brite der schwedischen Öffentlichkeit die Augen für einen örtlichen Heroen öffnet, erklärt sich Long mit der weitverbreiteten Abneigung der schwedischen Gesellschaft für Heldenverehrung.

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Meisterwerke wie die St.-Markus-Kirche in Björkhagen und St. Peter in Klippan sind für ihre unverwechselbare Architektur weltweit bekannt. Ihr grobes Mauerwerk, ihre formale Freiheit, kombiniert mit Strenge im Entwurf, wirken radikal und erfinderisch angesichts der vorherrschenden neoklassischen Traditionen in Nordeuropa. In das Narrativ der gefälligen schwedischen Kultur passt Lewerentz’ Œuvre nicht, dem Mainstream der Nachkriegsarchitektur hat er sich verweigert. Gegen den rationalen Aufbau des modernen Schwedens als Wohlfahrtsstaat leistete er kreativen Widerstand. Seine Bauten sind stattdessen vielfältig und erfinderisch in ihrer Position zwischen Geschichte und Moderne, Ewig- und Vergänglichkeit, Gemeinschaft und Einsamkeit, Wärme und Entfremdung. Seine teils grüblerisch-ernsten Werke sind unkonventionell in Konstruktion und Materialität, inspiriert von Mitgliedern des Deutschen Werkbunds wie Richard Riemerschmid, für den er in München tätig war, und vom national-romantischen Stil in Skandinavien.

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Lewerentz gilt als rätselhafter Architekt, dessen Werk poetisch und symbolisch stark aufgeladen ist. Es hat Generationen von Architekten in seinen Bann gezogen. Seit Lewerentz’ Tod im Jahr 1975 gab es dennoch kein umfassendes Porträt von Schwedens interessantestem, eigensinnigstem und profiliertestem Architekten des 20. Jahrhunderts. Seine bahnbrechenden Kirchen und Friedhöfe wurden zwar mehrfach analysiert, aber Long stellt erstmals Lewerentz’ Beitrag für das urbane Leben vor. Der 1885 geborene Architekt hat auch dazu beigetragen, Stockholm als moderne Metropole neu zu denken. Für schwedische Verhältnisse ungewöhnlich ist, dass er sich dem Sozialstaat als Bauherr verweigerte. Er entwarf keine einzige Wohnung für das staatliche Bauprogramm.

Subtile Übergänge

Das 1932 von Lewerentz errichtete Bürogebäude der Riksförsäkringsanstalten, also der Nationalen Versicherungsanstalt, in Stockholm wurde unlängst umfassend restauriert. Einige Interieurs wurden en détail nachgebaut, Möbel und Uhren aufwendig wiederhergestellt – auch das ein beeindruckender Ausdruck der neuen Wertschätzung für ein Werk, das sich einer Einordnung in stilistische Kategorien verweigert und weitgehend ohne Vorläufer auskam. Das Opus magnum, der Skogskyrkogården (Waldfriedhof) in Stockholm (entworfen zusammen mit Gunnar Asplund), an dem Lewerentz jahrzehntelang arbeitete, ist heute eine UNESCO-Weltkulturerbestätte.

Die gestalterische Herangehensweise des Architekten steht für eine „symbolische Verbindung zwischen Leben und Tod“. Seine besten Gebäude beziehen ihre Kraft aus den verwendeten Materialien und der bisweilen düsteren Stimmung, die sie vermitteln. Als Mann, der Handwerker und Denker zugleich war, kämpfte Lewerentz mit einer Bauindustrie, die wenig Wert auf Details legte und vor allem an Effizienz interessiert war. Er hingegen suchte subtile Übergänge zwischen Landschaft und Gebäude, Außen und Innen sowie Wand und Dach zu schaffen. Seine Architektur ist still, nie polemisch oder politisch. Die sensorische und räumliche Wirkung steht im Vordergrund.

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Konzentration auf nicht rationale Bedürfnisse der Menschen

Lewerentz war von seiner Arbeit besessen. Seine Ideen konnten sich radikal ändern, und er arbeitete stets parallel an mehreren Lösungen, sie waren Ergebnis seines langen und einsamen Kampfes am Zeichentisch, die ständigen Revisionen machten Kollegen nervös. Doch nur so gelang es ihm, seine Liebe zum Detail zu pflegen und Typen und Topoi zu überwinden. Die reduzierte Materialpalette seiner Kirchen erzeugt Effekte, die an die Ur-Idee von Gotteshäusern erinnern, anstatt typische Sakralräume zu zitieren. Die symbolische Ordnung, die er Begräbnisstätten gab, vermischte geschickt Formen des Christentums mit älteren nordischen Traditionen. Trotz seiner Ausbildung zum Ingenieur waren ihm Technik und Symbolik keine Gegensätze. Er hat tiefsten, existenziellen Momenten Raum gegeben – für Tod und Gedenken, Religion und Bestattung.

Die Ausstellung versteht sich auch als Wendepunkt in der musealen Vermittlung von Baukunst, als „material turn“ und Rückkehr zur Archivforschung. Sie will Gebäude als Orte von künstlerischer Bedeutung vorstellen, weniger als „Symptom politischer Strömungen“, wie Long im umfangreichen Katalog schreibt. Lewerentz repräsentiert eine andere Moderne in Schweden. Er konzentrierte sich auf menschliche Bedürfnisse, die nicht vollends rational zu begreifen sind.

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Architect of Death and Life. Im ArkDes in Stockholm bis 28. August 2022. Die Begleitpublikation kostet 120 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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