Architekturwettbewerb der Nasa

Der Mars macht mobil

Von Niklas Maak, New York
12.10.2015
, 11:35
Wir wissen nicht, wie wir die Flüchtlinge unterbringen sollen, und die Amerikaner wollen jetzt schon auf dem Mars Häuser bauen. Geplant wird mit 80.000 Menschen, aber gemütlich wird es nicht werden.
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Der britische Architekt Sir Norman Foster hat in seinem Leben die Architekturwelt immer wieder mit spektakulären Flughäfen und Hochhäusern verblüfft. Aber das, was sein Büro jetzt vorstellte, sah auf den ersten Blick aus wie ein futuristischer Witz: Der Achtzigjährige präsentierte eine Wohnsiedlung aus erdhaufenartig aussehenden Häusern, die mit Hilfe von 3D-Druckern durch halbautonome Roboter auf dem Mars errichtet werden sollen. Die jeweils 93 Quadratmeter großen Behausungen, so Foster, sollen aus gepresstem Regolith, dem lockeren Gestein, das sich auf der Oberfläche des Planeten findet, in die Gegend gedruckt werden. Dafür will er drei verschiedene Roboter per Fallschirm auf dem Mars abwerfen lassen: einen, der Krater graben kann, einen, der Regolith in Schichten aufeinanderpresst, und einen, der mit Mikrowellen Baumaterialien verschweißt.

Nun ist es nicht selten, dass Architekten im Alter bizarre Dinge vorschlagen: Der greise, fast neunzigjährige Frank Lloyd Wright zum Beispiel hatte 1956 ein 1,7 Kilometer hohes Hochhaus mit 76 atomgetriebenen Aufzügen und mehr als fünfhundert Etagen entworfen. Noch heute rätselt die Fachwelt, ob er all das ernst meinte oder als beißende Kritik des herrschenden Fortschrittsmantras verstanden wissen wollte. Fosters Marssiedlung dagegen ist ein durchaus ernstgemeinter Beitrag zu einem Wettbewerb für Marsbehausungen, den immerhin die Nasa selbst ausgeschrieben hat und dessen Ergebnisse jetzt bei der „Printed Habitat Challenge Design Competition“ in New York vorgestellt wurden.

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Vor allem ging es der Weltraumbehörde darum, herauszufinden, was man mit dem auf dem Planeten vorzufindenden Material bauen kann, da es schlecht möglich ist, Strahlträger und Dämmstoffe in großen Mengen auf den Mars zu fliegen. Gewonnen hat den Wettbewerb, an dem 165 Teams teilnahmen, aber nicht Foster, sondern eine Gruppe mit dem Namen „Space Exploration Architecture and Clouds Architecture Office“, die für ihr Mars Ice House den ersten Preis bekam.

Der Lebensabend am Lavakrater

Weil es auf dem Mars genug Wasser gibt und es außerdem sehr kalt ist, entwickelte das Team einen Drucker, der futuristische Iglus baut, in denen sich sogar Gärten befinden können und die deutlich besser aussehen als die retrofuturistischen Wohnröhren in Ridley Scotts neuem Film „The Martian“, in dem sich Matt Damon mit den Widernissen des Wohnens auf einem unfreundlichen Staubplaneten herumschlagen muss.

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Architekturwettbewerb der Nasa
Bewerbungsvideo des Siegers "Mars Ice House"

Bisher gehörten die Probleme der Marsarchitektur da nämlich auch hin: ins Science-Fiction-Kino. Aber seit einiger Zeit beschäftigen sich auch Menschen, die man nicht von vornherein als intergalaktische Spinner abtun kann, mit der Frage, ob man nicht doch auf dem Mars leben könnte. Der 1971 in Südafrika geborene Unternehmer Elon Musk zum Beispiel: Als er 1995 das Internetunternehmen Zip2 gründete, war die Branche skeptisch, vier Jahre später kaufte der Computerhersteller Compaq seine Firma für 307 Millionen Dollar. Paypal, das er mitgegründet hatte, wurde das erfolgreichste Online-Bezahlsystem der Welt. Als es 2002 an Ebay verkauft wurde, war es 1,5 Milliarden Dollar wert; Musk war 31 Jahre alt und beschloss, die großen Probleme der Gegenwart zu lösen.

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Er gründete das Solarunternehmen Solar-City und den Elektroautohersteller Tesla, der in Amerika die deutschen Premiumhersteller abgehängt hat; das Unternehmen war auf den Aktienmärkten zwischenzeitlich mehr wert als Chrysler, der drittgrößte amerikanische Autokonzern. Wenn nun jemand wie Musk erklärt, er werde eine Rakete bauen, mit der man zum Mars fliegen könne, und dort wolle er auch sterben, allerdings nicht beim Aufprall des Raumfahrzeugs, sondern an seinem Alterssitz in einem Lavakrater, dann ist das keine Science-Fiction mehr, sondern eine der eigenartigen Realitäten, die das Elektropioniertal so hervorbringt. Etwa 80 000 Menschen, so Musk, sollten auf dem Mars leben können und eine Ersatzwelt aufbauen, einen Fluchtort, falls die Erde von Meteoriten oder einem Atomkrieg zerstört wird. Musks Dragon-Raumkapsel wird mit Flüssigsauerstoff und Methan angetrieben und soll eine Gruppe von Pionieren für 500 000 Dollar pro Person auf den Mars bringen. Die Reisezeit soll etwa ein halbes Jahr betragen - ein echter Langstreckenflug. Musks Firma SpaceX bringt schon heute mit privat finanzierten Raketen Nachschub zur Internationalen Raumstation ISS und plaziert für Vietnam Satelliten im Orbit. Aber das Herzstück des Unternehmens an der Rocket Road in Hawthorne, Kalifornien, ist die Arbeit an der Marsexpedition.

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Zellenhäuser, die aussehen wie Fritteusen

Was ist passiert zwischen dem Jahr 2000, als Brian De Palmas Neunzig-Millionen- Dollar-Film „Mission to Mars“ spektakulär floppte, schnell wieder aus den Kinos verschwand und seinem Regisseur nicht viel mehr als eine Nominierung für die Goldene Himbeere in der Kategorie „schlechteste Regie“ einbrachte, und dem Jahr 2015, in dem sich Hunderttausende für einen Flug zum Mars bewerben? „Wir denken“, sagte Emily Shanklin von SpaceX im vergangenen Jahr, „dass der wesentliche Punkt für ein multiplanetares Leben eine schnell wiederbenutzbare Rakete ist. Und wir arbeiten an Technologien, die das ermöglichen. Unser Grasshopper-Programm, das Technologien erprobt, ein Transportvehikel aus dem Orbit zurück zur Erde zu starten, ist so weit, dass wir glauben, Ende des Jahres einen Start im All berechnen zu können“ - was entscheidend ist, denn Musk will keine Einbahnstraße zum Mars, sondern seinen Pionieren ermöglichen, in ihre alte Welt zurückzukehren, was technisch nicht einfach ist.

Das andere große Marsbesiedlungsprojekt Mars One, das der Niederländer Bas Lansdorp betreibt, verspricht deswegen erst einmal nur, dass von 2025 an die ersten Astronauten auf dem Mars landen würden, wo sie dann auch bleiben müssten, denn ein Rückflug sei zu teuer und technisch zu kompliziert. Aber während Ethiker und Juristen das Projekt eher mit Entgeisterung diskutierten, meldeten sich für den 210 Tage langen Erstflug, den Lansdorp vorbereitet, laut Mars One mehr als 200 000 Interessenten und zehntausend Freiwillige, die für immer die Erde verlassen würden - was so energisch diskutiert wird, dass sich sogar das Rechtskomitee der staatlichen Islambehörde der Vereinigten Arabischen Emirate eingeschaltet und eine Fatwa ausgesprochen hat, die es Muslimen verbietet, mit einem One-Way-Ticket zum Mars zu reisen.

Tatsächlich sind viele juristische Fragen so offen und dunkel wie das All: Wo ist der Gerichtsstand, welche Gesetze gelten, wenn sich ein Amerikaner und ein Chinese auf dem Mars in die Haare bekommen? Und wer versichert die Häuser auf dem Mars? Laut Mars One, zu dessen Gründungsteam auch der niederländische Physik-Nobelpreisträger Gerard ’t Hooft und der aus Österreich stammende Weltraummediziner Norbert Kraft zählen, werden es durch Gänge verbundene Zellenhäuser sein; erste Entwürfe erinnern entfernt an Fritteusen, die auf acht unbemannten Flügen auf den Mars transportiert und dort mit Hilfe von Robotern errichtet werden sollen.

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Kaum Sauerstoff, aber Hauptsache Skype und Facebook

Und schon gibt es Kritik an diesen wie auch an den neuen Eishausentwürfen der Nasa: Auf dem Mars kommt es häufig zu kleineren Meteoritenschauern, sagt Artemis Westenberg, Präsidentin der bei Boston ansässigen Explore Mars Inc. Die Idee des Hauses an sich sei ein Ideenimport von der Erde, der für den Mars völlig ungeeignet sei, denn die Strahlung sei hoch, es gebe Sandstürme und Temperaturschwankungen von mehr als einhundert Grad; wer in seinen Vorgarten trete, brauche einen Raumanzug. Die Lösung, so Westenberg, liege ganz woanders: „In Lavahöhlen und Lavakratern. Man ist dort vor der Strahlung geschützt und kann ganze Gewächshäuser errichten - und wenn man die Höhlen abdichtet, kann man dort sogar ohne Raumanzug herumlaufen.“ Was nachvollziehbar klingt und auch ein wenig deprimierend: Der Marsmensch der Zukunft wird ein Höhlenmensch sein.

Alles geht wieder von vorne los, nur mit weniger Sauerstoff draußen. Dafür soll es laut Projekt Mars One in den Marsbehausungen Internet und Skype geben - die Übertragung zur Erde werde vierzehn bis zwanzig Minuten dauern. Wenn das stimmt, wäre das eine böse Pointe: Man fliegt monatelang durchs All, kämpft sich durch einen Meteoritenschauer in seine Marshöhle - und muss lesen, dass Soundso seinen Beziehungsstatus geändert hat und dieses 380 seiner Freunde gefällt.

Vielleicht ist auch das die zentrale geheime Botschaft der Marspioniere aus dem Silicon Valley: dass auch im All Amazon und Facebook überall und immer da sind. Und so dürfte es dann auch nicht lange dauern, bis die Ersten auch den Mars verlassen wollen, in andere Galaxien, in der endgültig nichts mehr geliked werden kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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