Kulturgeschichte St. Blasiens

Kleine Dinge waren seine Sache nicht

Von Stefan Trinks
11.01.2021
, 20:30
Wie Phönix aus der Asche und ein Ufo aus dem Schwarzwald: Der gewaltige, in nur wenigen Jahren nach dem verheerenden Brand von 1768 errichtete Klosterneubau von St. Blasien des Baumeisters Pierre Michel d´Ixnard.
So viel mehr als Tannenzäpfle: Freiburg ehrt Martin Gerbert, einst Abt des Schwarzwaldklosters St. Blasien, als Intellektuellen und Überführer der „kayserlich-königlichen höchsten Leichen“.
ANZEIGE

Führe man unbedarft durch den südlichen Schwarzwald, wäre man wohl auch heute noch überrascht vom Anblick des urplötzlich vor einem aufragenden Klosters St. Blasien. Wie ein Ufo erhebt sich inmitten tiefer Wälder eine barocke Riesenklosteranlage, und innerhalb dieses Escorials des Schwarzwaldes steigt wiederum die zweitgrößte Kuppel nördlich der Alpen über der schlossartigen Anlage empor. Der sicher bedeutendste Abt dieses „Schwarzwald-Vatikans auf der grünen Wiese“ war Martin Gerbert, der es nach einem verheerenden Brand ab 1768 größer und schöner als zuvor wieder aufbauen ließ, sowie in den gut dreißig Jahren seiner Ägide den ebenfalls verbrannten beträchtlichen Buchbestand ersetzte und zu einer der wichtigsten Forschungsbibliotheken des achtzehnten Jahrhunderts ausbaute. Gerbert, der 1720 geboren wurde, ist heutzutage – wenn überhaupt – nur noch als Begründer der Brauerei Rothaus mit dem Bier „Tannenzäpfle“ bekannt, die wie nahezu aller Besitz des Klosters 1806 verstaatlicht wurde.

Pfundig: Das im ausgehenden elften Jahrhundert entstandene und mehrfach umgestaltete Adelheid-Kreuz aus dem Schatz von St. Blasien ist mit seinen insgesamt 176 Edelsteinen das größte Gemmenkreuz des Mittelalters.
Pfundig: Das im ausgehenden elften Jahrhundert entstandene und mehrfach umgestaltete Adelheid-Kreuz aus dem Schatz von St. Blasien ist mit seinen insgesamt 176 Edelsteinen das größte Gemmenkreuz des Mittelalters. Bild: Gerfried Sitar

Bildungsschatz im tiefen Wald

Spricht man von Klöstern als Schatzkammern des Geistes und Bewahrern wie Vermittlern von Wissen, sind fast immer die mittelalterlichen Klosterbibliotheken mit ihren teils noch antiken Buchschätzen gemeint. Im späten achtzehnten Jahrhundert denkt kaum jemand an Äbte als Mitträger der Aufklärung. Dass aber Gerbert bewusst war, dass die Kirche ohne Reform und vor allem die absolute Priorisierung guter Bildung nicht weiter würde bestehen können und dass er die 26 000 beim Brand von 1768 verlorenen Bücher durch annähernd 30 000 mittels eines ausgedehnten Korrespondenznetzes quer durch Europa zu ersetzen vermochte, ist nahezu unbekannt. Dieser immense „Schatz der Mönche“ von St. Blasien, dem sich eine bereits aufgebaute Ausstellung im Freiburger Augustinermuseum und ein überdurchschnittlich informatives Katalogbuch widmen („Der Schatz der Mönche. Leben und Forschen im Kloster St. Blasien,“ 29,80 Euro; die hoffentlich bald eröffnende Schau ist bis zum 19. September zu sehen), befindet sich seit der Säkularisierung nicht mehr vor Ort, vielmehr in Sankt Paul im Kärntner Lavanttal.

ANZEIGE

Dennoch sind Freiburgs Städtische Museen der logische Ort für die Ausstellung, blieben doch etliche Teile des Schatzes beim erzwungenen Umzug 1806 im Umfeld der Stadt hängen und ist das Historische Museum im ehemaligen Augustinerkloster der größte kulturhistorische Sammelpunkt für den Schwarzwald.

Und das war nur der Kasten um ein Buch herum: Wohl um 1260/70 in Straßburg ziselierte der mittelalterliche Goldschmied ein prächtiges Kirchengebäude en miniature für eine Heilige Schrift.
Und das war nur der Kasten um ein Buch herum: Wohl um 1260/70 in Straßburg ziselierte der mittelalterliche Goldschmied ein prächtiges Kirchengebäude en miniature für eine Heilige Schrift. Bild: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg

Die drei dort gezeigten kunsthistorischen Hauptschätze allein lohnen jede Anfahrt: Mit dem wohl 1083 dem Kloster gestifteten Adelheid-Kreuz ist das größte mittelalterliche Gemmenkreuz überhaupt mit den zugleich größten Holzpartikeln des Kreuzes Christi zu sehen. Der gotische Buchkasten aus Gold, etwa 1260 in Straßburg entstanden, spiegelt en miniature eine komplette Kirchenfassade der Zeit mit all ihrem Skulpturenschmuck wider – dies „nur“ als äußere Schutzhülle eines Buches. So ziert auch das besonders prächtige Himmelfahrtsrelief aus Elfenbein von 870 der karolingischen Hofschule von Reims nur den Deckel des ebenso kostbar illuminierten Reichenauer Sakramentars darunter. Nie aber würde man erwarten, vor einer Vitrine mit gleich drei fast 1600 Jahre alten Büchern zu stehen: Von Abt Gerbert angekauft liegen dort zwei Abschriften des Alten Testaments aus dem fünften Jahrhundert, die zu den ältesten weltweit gehören. Daneben findet sich aufgeschlagen ein unscheinbares Büchlein mit blau eingefärbten Pergamentseiten. Es handelt sich um die am vollständigsten erhaltene Fassung von Plinius’ antiker Naturgeschichte, ebenfalls aus dem fünften Jahrhundert. Die römische Handschrift liegt unter einem Hieronymus-Kommentar zum Buch Kohelet, ein Palimpsest, der Kostbarkeit des Pergaments wegen im Mittelalter erneut überschrieben, konnte aber im Jahr 1853 durch Einfärbung mit einer Chemikalie wieder sichtbar gemacht werden, wobei sich die Seiten allerdings irreparabel blau verfärbten.

1600 Jahre alte, blaue Antike: Unter einem Hieronymus-Kommentar zum Buch Kohelet liegt die am vollständigsten erhaltene Naturgeschichte des Plinius aus dem Italien des fünften Jahrhunderts.
1600 Jahre alte, blaue Antike: Unter einem Hieronymus-Kommentar zum Buch Kohelet liegt die am vollständigsten erhaltene Naturgeschichte des Plinius aus dem Italien des fünften Jahrhunderts. Bild: Gerfried Sitar

Bis in die fünfziger Jahre galt Gerberts St. Blasien sogar noch als Hort des ältesten gedruckten Buches der Welt, das aufgrund seines etwas kantig unbeholfenen Stils lange Zeit vor die zweiundvierzigzeilige Gutenberg-Bibel datiert wurde. Noch heute werden angehende Germanisten mit den „St. Pauler Lukasglossen“ traktiert, auf Althochdeutsch verfasste Kommentare, die zu den ältesten Zeugnissen der deutschen Sprache zählen. Auch wurde St. Blasien ein Zentrum der Geschichtswissenschaft, was sich vor allem auf die Erforschung der Genealogie der frühen, aus der Schweiz stammenden Habsburger konzentrierte, deren sterbliche Überreste als Resultat der Studien gut barock als „kayserlich-königliche höchste Leichen“ in die Krypta von St. Blasien umgebettet wurden. Die bis heute bestehende Reihe der Germania sacra wurde ebenfalls von Abt Gerbert initiiert. St. Blasien sollte eine Volluniversität sein, wozu integral Musikforschung gehört – bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde Gerberts Werk zu den Neumen konsultiert, erst dann durch ein aktuelleres abgelöst.

ANZEIGE

Abt Martin Gerbert wollte mit seinen Bildungsoffensive auf breitester Ebene dem Pisa-Test seiner Zeit entgegnen, der die Klöster nurmehr als Hort verfetteter Prälaten sah. Er starb 1793 mit dreiundsiebzig Jahren. Die Auflösung des Klosters in der Säkularisation und damit seines Werks musste er nicht mehr erleben. Seine ähnlich strategisch denkenden und handelnden Nachfolger steuerten das Kloster St. Blasien in vergleichsweise sicheres Gewässer, nämlich als neuem Sitz nach einem Zwischenstopp ab 1809 in die Abtei Sankt Paul im Lavanttal und die beträchtlichen Vermögenswerte in die Steuer- und Schatzoase Schweiz.

ANZEIGE

Der Fiskus ging leer aus

Als badische Finanzbeamte 1806 vor St. Blasiens Toren standen, um das mobile Vermögen einzuziehen, fanden sie kaum mehr etwas vor – die klugen Äbte hatten über Jahre die oft etliche Kilogramm edelmetallschweren Preziosen wie liturgische Kelche, ein weinrotes Pluviale mit mehreren Kilo Silberfäden bestickt oder die 2150 Gramm schwere Medaille zur Geburt des so sehr erhofften österreichischen Thronfolgers Karls VI. Stück für Stück in die Schweizer Sicherheit des Zweigklosters Klingnau gebracht.

Der Übergang von Spätbarock zu Frühklassizismus in Silber und rotem Samt: Der Chormantel, ein sogenanntes Pluviale, des Künstlers Johann Georg Oestreich aus dem Jahr 1783, vielleicht nach einem Entwurf des Architekten von St. Blasien Pierre Michel d´Ixnard.
Der Übergang von Spätbarock zu Frühklassizismus in Silber und rotem Samt: Der Chormantel, ein sogenanntes Pluviale, des Künstlers Johann Georg Oestreich aus dem Jahr 1783, vielleicht nach einem Entwurf des Architekten von St. Blasien Pierre Michel d´Ixnard. Bild: Erzbischöfliches Diözesanmuseum Freiburg

Aber schon Gerbert hatte sich vermutlich gegen Ende seines Lebens keinen allzu großen Illusionen mehr über die Zukunft der Klöster hingegeben. 1777 eilte er zum Besuch des Habsburgerkaisers Joseph II. nach Freiburg, das damals wie der gesamte Breisgau österreichisch ist, weil durch den – Preußens Friedrich II. bewundernden und Kirche und Klöster hassenden – jungen Kaiser auch die Auflösung St. Blasiens drohte. Obschon Gerbert ihm eine geschichtswissenschaftliche Schrift über die „Denkmäler der alten Literatur“ widmete, erreichte er bei Joseph noch nicht einmal die Verlängerung alter Privilegien des Klosters – in einem Festgottesdienst in Freiburg nahm der junge Kaiser von den Umwerbungen des alten Abtes demonstrativ keinerlei Notiz. Ein aus Anlass des Gottesdienstes entstandenes Relief aber hält sehr Ungewöhnliches fest: Der Kaiser höchstselbst sinkt plötzlich statt auf dem vorgesehenen Samtkissen vor dem Altar auf die kalten harten Steinstufen auf die Knie nieder. Wären nicht Frisuren und Zeitkostüme auf dem Relief von 1777, könnte man es von der Darstellung her – ein offenkundig wichtiger Mensch erstaunt alle Umstehenden durch sein unvermitteltes Knien – für den Warschauer Kniefall Willy Brandts 1970 halten.

Diese singuläre Ikonographie wäre leicht als propagandistisches Manifestieren des – wenn auch nur kurzen – Damaskuserlebnisses eines kirchenkritischen Potentaten abzutun. Da es jedoch keinen einzigen Erfolg dieser Aufwartung gab, erscheint dies sinnlos. Der Auftraggeber des wertvollen Reliefs in Alabaster aber war Gerbert, was wohl nichts weniger besagt, als dass er als lauterer Geschichtsforscher die edle Einfalt und stille Größe hatte, auch einen potentiellen Gegner und vor allem seine eigene Verhandlungsniederlage in haltbarem und kostbarem Material zu verewigen. Wie so vieles an antiken und wissenschaftlichen Erkenntnissen wäre auch der kaiserliche Kniefall ohne diesen aus dem Bewusstsein entschwundenen Menschen Gerbert heute längst vergessen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE