Ausstellung Britisches Museum

So macht man Heilige

Von Gina Thomas, London
20.07.2021
, 13:29
Thomas Becket – Murder and the Making of a Saint zu sehen im Britischen Museum, London bis zum 22. August.
Er sehnte sich danach, zu Gott zu gehen: Das Britische Museum erinnert mit einer grandios inszenierten Ausstellung an die Ermordung des Erzbischofs Thomas Becket vor 850 Jahren.

Es lag auf der Hand, dass Thomas Morus in jenen Tagen, als er auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartete, das Schicksal des heiligen Thomas Becket vor Augen stand. Fast vier Jahrhunderte zuvor hatte der mit dem englischen König Heinrich II. entzweite Erzbischof von Canterbury seinen Widerstand gegen den monarchischen Willen mit dem Leben bezahlen müssen. Nun sollte Morus, der ehemalige Kanzler Heinrichs VIII., für seine Verteidigung der Freiheit der Kirche aufs Schafott. Seiner Tochter vertraute der Verurteilte am 5.Juli 1535 an, er hoffe, am nächsten Tag zu sterben, weil dies der Vorabend des Gedenktags des heiligen Thomas Becket sei. Er sehne sich, an diesem „für mich sehr treffenden und geeigneten“ Tag zu Gott zu gehen, schrieb er in seinem letzten Brief. Der Wunsch des Tudor-Staatsmanns ging in doppelter Hinsicht in Erfüllung. Nicht nur, dass er tatsächlich am nächsten Tag enthauptet wurde, sondern er lebt in der Geschichte – freilich nicht unumstritten – als ein weiterer Märtyrer fort, der die Rechte der Kirche gegen den Absolutismus der Krone verteidigt hat.

1220, fünfzig Jahre nach seiner Ermordung, waren Beckets Gebeine in einen prachtvollen Schrein überführt worden, und in der Folge war er zum meistgeehrten mittelalterlichen Heiligen geworden. Drei Jahre nach der Hinrichtung von Thomas Morus reiste Heinrich VIII. dann nach Canterbury, um der von ihm befohlenen Zerstörung von Beckets Schrein persönlich beizuwohnen und damit dem Kult um den Heiligen ein Ende zu setzen. Das geschah genauso öffentlich wie seinerzeit der von zahlreichen Augenzeugen dokumentierte, in ganz Europa Wellen schlagende Mord in der Kathedrale zur Vesperzeit des 29. Dezember 1170.

Eine historische Tragödie

Wie das Britische Museum in seiner wegen der Pandemie um einige Monate verschobenen Ausstellung „Thomas Becket – Mord und die Entstehung eines Heiligen“ anlässlich des 850. Jahrestags der Ermordung auf eindringliche Weise veranschaulicht, waren die Hintergründe des Streits zwischen König und Primas aber komplizierter, als es die Fürsprecher Beckets oft dargestellt haben. Gegenseitige persönliche Enttäuschungen und das Aufeinanderprallen zweier schwieriger und reizbarer Temperamente waren dabei ebenso im Spiel wie der religiöse und rechtsphilosophische Disput zwischen kirchlichem Selbstbestimmungsrecht und staatlicher Hoheitsgewalt. Der steile Aufstieg Beckets, eines normannischen Einwanderersohnes aus dem mittleren Kaufmannsstand der kosmopolitischen Metropole London, in die internationale Gesellschaft gekrönter Häupter, die er mit seiner Extravaganz ins Staunen versetzte; die scheinbar schlagartige Verwandlung des mondänen Höflings, der erst am Tag vor seiner Weihe zum Erzbischof in den Priesterstand aufgenommen worden war, in einen frommen, störrischen Geistlichen; sein dramatischer Sturz und die anschließende Heiligsprechung als Gewissensmärtyrer – dies alles bietet ideale Voraussetzungen für eine historische Tragödie, wie T.S. Eliot und Jean Anouilh mit ihren unter dem Eindruck des Totalitarismus entstandenen Dramatisierungen gezeigt haben. Dass Shakespeare den Stoff nie verarbeitet hat, dürfte auf die seinerzeitige Brisanz der Beziehungen der englischen Krone zur römisch-katholischen Kirche zurückzuführen sein, die in der Schau ein um 1600 datierter Stich mit der Darstellung Heinrichs VIII. samt seiner durch den Bruch mit dem Papst zerrütteten Nachkommen versinnbildlicht.

Im Britischen Museum zeichnen die jungen Kuratoren Lloyd de Beer und Naomi Speakman die verschiedenen Stationen von Beckets Leben und Nachleben bis zur damnatio memoriae von 1538 anhand rund hundert Objekten – von Schlittschuhen aus Knochen bis hin zu prachtvollen Bilderhandschriften – lebendig und mit vorbildlicher Klarheit nach. Sie beginnen mit dem kostbarsten der rund fünfzig überlieferten Becket-Reliquienkästen, die über ganz Europa verteilt wurden. Das aus Limoges stammende, heute im Victoria & Albert Museum aufbewahrte Exemplar, das innerhalb der ersten zwanzig Jahre nach Beckets Tod entstand, zeigt, wie rasch sich dessen Kult verbreitete. Mit der Mordszene, der Grablegung Christi und der Himmelfahrt des Heiligen bringt er die Bedeutung des Ereignisses von 1170 auf den Punkt. Wem der Besuch der Ausstellung nicht möglich ist, dem seien der vorzügliche Katalog und die aufschlussreichen Onlineinhalte des Museums empfohlen.

König Heinrich gab den Befehl für den Mord

Wobei der Weg nach London lohnt: Noch nie sind die Hindernisse der misslichen trommelförmigen Ausstellungsfläche über dem alten Lesesaal so gelungen überwunden worden wie in dieser den frühgotischen Chor der Kathedrale von Canterbury suggerierenden Präsentation. Begleitet vom dumpfen Klang gregorianischer Gesänge, durchläuft der Besucher den Raum wie einer jener unzähligen Pilger, die schon unmittelbar nach der Ermordung nach Canterbury strömten. Den Höhepunkt der Ausstellung bildet denn auch eines der zwölf Buntglasfenster aus der Kapelle mit dem Schrein Beckets, die von seinen postumen Wunderheilungen unter einfachen Leuten rund ums Land erzählen. Im dreizehnten Jahrhundert in Auftrag gegeben, sind die bei späteren Restaurierungen durcheinandergeratenen Bilderfolgen jetzt dank penibler Forschungen wiederhergestellt worden. Anders als in der Kathedrale sind die einzelnen Teile der sechs Meter hohen Fenster hier horizontal auf Augenhöhe zu bestaunen.

Sie bekräftigen ebenso wie eine frühe Sammlung von Chaucers „Canterbury Tales“, den Erzählungen einer kunterbunten Pilgergesellschaft auf dem Weg von London nach Canterbury, die Faszination, die Becket auf alle Stände – von kaiserlichen Hoheiten bis zu den Geringen und Geringsten – ausübte. Und das in ganz Europa, wie Artefakte von Skandinavien bis Sizilien belegen. So etwa das Taufbecken aus der heute zu Schweden gehörenden romanischen Kirche von Yngsjö. Seinem Bildprogramm zufolge gab König Heinrich den Befehl für den Mord.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die vier mordenden Ritter auf persönlichen Gewinn setzten, als sie den König beim Wort nahmen, nachdem der in Rage ausgerufen hatte, ob ihn nicht jemand des lästigen Priesters entledigen könne. Dieser Spruch ist derart tief im britischen Bewusstsein verankert, dass der Außenminister Anthony Eden seiner Irritation über den sich für den deutschen Widerstand gegen Hitler einsetzenden Bischof Bell von Chichester dadurch Ausdruck verlieh, dass er ihn als „pestartigen Priester“ bezeichnete. Aus der das mittelalterliche Denken außer Acht lassenden Perspektive der Neuzeit wirkt Heinrichs Bestreben, den Klerus derselben Gerichtsbarkeit zu unterwerfen wie die anderen Bürger des Landes, nicht so abwegig, weshalb er mitunter als Modernisierer dargestellt wird und Becket als machtpolitischer Verteidiger alteingesessener kirchlicher Privilegien.

Der Befehl Heinrichs VIII., alle Hinweise auf Becket auszumerzen, weckt unweigerlich Gedanken an die Bilderstürme von heute. Ein Messbuch, dessen Text durch rote Tinte ausgelöscht werden sollte, demonstriert jedoch die Vergeblichkeit solchen Unterfangens. Die hervorgehobenen Buchstaben leuchten wie der Nachruhm Beckets durch.

Thomas Becket – Murder and the Making of a Saint. Im Britischen Museum, London; bis zum 22. August. Der gebundene Katalog kostet 27,99 britische Pfund.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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