Hieronymus Bosch im Prado

Der die Welt verrätselt

Von Rose-Maria Gropp, Madrid
09.07.2016
, 21:58
Hieronymus Bosch, der im August vor 500 Jahren starb, ist bis heute einer der geheimnisvollsten Künstler. Nun richtet ihm der Prado in Madrid eine umwerfende Schau aus. Mehr Bosch war nie und wird absehbar nicht wieder sein.

Im August 1516 ist Hieronymus Bosch in ’s-Hertogenbosch im historischen Herzogtum Brabant gestorben, wo er um 1450 als Jheronimus van Aken auch geboren wurde. Seine Familie kam aus Aachen, wie sein ursprünglicher Name belegt, Maler waren auch seine Vorfahren. Erst vor zwei Monaten schloss eine großangelegte Ausstellung seiner Werke im Noordbrabants Museum in ’s-Hertogenbosch ihre Tore, die schon 420 000 Besucher angezogen hat (F.A.Z. vom 13. Februar). Weil in seiner Heimatstadt kein einziges Werk von ihm verblieben ist, strengte man sich dort besonders an und brachte bemerkenswerte siebzehn seiner Gemälde als Leihgaben zusammen, außerdem neunzehn Zeichnungen.

Jetzt legt der Prado in Madrid nach, im fünfhundertsten Todesjahr des geheimnisvollen Altmeisters - als das Museum, das die meisten seiner Werke weltweit besitzt. Zu betrachten ist eine veritable Mega-Schau des enigmatischen Malers an der Schwelle vom Mittelalter zur Renaissance. Der Prado kündigt sie schlicht als „El Bosco“ an. Es darf dabei von einem Überbietungsduell die Rede sein zwischen den beiden Ausstellungen. Zunächst schon von den Dimensionen her geht dieser Wettstreit zugunsten des Prados aus: So viele Werke des Hieronymus Bosch waren niemals zuvor an einem Ort vereinigt.

„Bosch und ’s-Hertogenbosch“

Denn mehr als fünfzig Exponate fährt der Prado auf, darunter sind 21 Gemälde von Boschs eigener Hand; nur insgesamt 27 sind, jedenfalls nach Einschätzung des Prados, gesichert. Hinzu kommen acht seiner Zeichnungen. Nur insgesamt rund vierzig eigenhändige Arbeiten, also Gemälde und Zeichnungen, von ihm sind überhaupt bekannt. Dabei geht es auch und nicht zuletzt um jüngste Abschreibungen durch das „Hieronymus Bosch Research and Conservation Project“, das 2010 gegründet wurde zur umfassenden Klärung seines OEuvres, mit allen verfügbaren Techniken. Von diesen Aberkennungen sind drei der sechs Werke betroffen, die der Prado beherbergt. Das muss das stolze Haus schmerzen. Deshalb lässt es keinen Zweifel daran, dass es sich als das eigentliche Hieronymus-Bosch-Museum versteht, wie sonst auch für die spanischen Meister Velázquez und Goya. Überhaupt, so der Prado-Direktor Miguel Zugaza, sei Bosch in gewisser Weise ein spanischer Maler; denn es war der spanische König Philipp II. (1527 bis 1598), der die Werke des Niederländers begeistert sammelte.

„El Bosco“ ist in Spaniens Nationalmuseum in einem perfekten Ausstellungsparcours inszeniert, zum Niederknien im Panoptikum vor der Wucht dieses einzigartigen Genies, das, selbst so zum Greifen nah gerückt, sternenweit fern bleibt. Die erste von sieben Sektionen, „Bosch und ’s-Hertogenbosch“, führt den Betrachter in die Umgebung des Künstlers ein, die folgenden sechs Sektionen widmen sich seinen Themen: der Kindheit und Lehre Christi, den Heiligen, dem Paradies und der Hölle, dem „Garten der Lüste“, der Welt und den Menschen, schließlich der Passion Christi. Das strahlende Zentrum bildet das Triptychon des „Gartens der Lüste“, Boschs berühmteste Schöpfung, die dem Prado gehört und nicht nach ’s-Hertogenbosch ausgeliehen war. Das mächtige Wunderwerk steht - wie die anderen wichtigen Triptychen, unter ihnen natürlich der „Heuwagen“ (aus dem Prado) - frei im Raum, so dass auch die ehemaligen Außenseiten des Altars sichtbar sind. Auf ihnen ist grisaillehaft die Erschaffung der Welt in einer Kugelsphäre dargestellt, samt thronendem Schöpfergott.

Begleitet ist „Der Garten der Lüste“ von der wandfüllenden Dokumentation seiner Durchleuchtungen, die die Überlagerungen der Malschichten freilegen, Boschs minutiöses Arbeiten an kleinsten Details belegen. Dass die zentrale Gestalt der rechten Tafel, halb Mensch, halb Baum, sich auf einem phantastischen Blatt mit ebenjenem „Baum-Mann“ (aus der Albertina in Wien) ein Jahrzehnt später wiederfindet - und nicht etwa die Federzeichnung die gemalte Version präfiguriert hat -, beweist, wie wichtig Bosch die Zeichnung als eigenständige Kunstform war, die sich übrigens auch schon für einen Sammlermarkt eignete. Auch nicht in ’s-Hertogenbosch zu sehen waren die „Sieben Todsünden“ (aus dem Prado), dieses andere seiner Kultbilder; tatsächlich gehört die Tafel auf Pappelholz zu den Abschreibungen des „Bosch Project“. In Madrid liegt sie flach in ihrer Vitrine, vielleicht war sie Wandschmuck, vielleicht auch Tischplatte. Jedenfalls befand sie sich in den Privaträumen von Philipp II., bis er sie 1574 in den Escorial sandte. Sollte sich der Bosch-närrische König so haben täuschen lassen? Im Katalog entfaltet die Kuratorin der Schau, Pilar Silva Maroto, ihre sorgfältige Argumentation für Boschs Eigenhändigkeit, mit einiger Plausibilität. Das tut sie auch im Fall einer weiteren Abschreibung des „Bosch Project“, nämlich einer Variante der „Versuchungen des heiligen Antonius“, datiert vom Prado auf 1510/15 (unsere große Abbildung). Der viel geprüfte Heilige war, neben seinem Namenspatron Hieronymus, ein Lieblingssujet des Meisters. Silva Maroto referiert ihrerseits die wissenschaftliche Überprüfung, wie die dendrologische Analyse der Eichentafel, und erörtert für das fragile, von späteren Eingriffen betroffene Bild seine Provenienz, zudem stilkritische Aspekte im Zusammenhang des Gesamtwerks.

Ein postumes Kupferstich-Porträt

Dem Betrachter in der Ausstellung bleibt immerhin der eigene Augenschein, im Vergleich mit drei weiteren Antonius-Bildern: dem Triptychon der „Versuchung des heiligen Antonius“, das aus Lissabon gekommen ist, der erst jüngst zugeschriebenen „Versuchung“ aus dem Nelson-Atkins-Museum in Kansas City und einer Werkstatt-Kopie (aus dem Prado). Prinzipiell sei zu den Ergebnissen solcher Forschungsunternehmen wie dem „Bosch Project“ hier nur angemerkt, dass sie vor Revisionen nicht gefeit sind. Bekanntestes Beispiel dafür ist das „Rembrandt Research Project“, dessen Opfer vor Jahren auch prominente Werke dieses Altmeisters wurden, wie „Der Mann mit dem Goldhelm“ in Berlin oder der „Polnische Reiter“ in der New Yorker Frick Collection; der „Polnische Reiter“ ist zwischenzeitlich wieder als Werk von Rembrandt selbst anerkannt.

Jenseits solcher Erwägungen ist „El Bosco“ im Prado ein seltenes hohes Vergnügen, eine einzigartige Begegnung sogar, weil so viele seiner Werke in einer einzigen Ausstellung nicht absehbar wieder beieinander sein werden. Und nur seine Werke können etwas über den rätselhaften Mann enthüllen, von dem selbst keinerlei andere Zeugnisse erhalten sind. Dass er vermögend wurde mit seiner Kunst, ist immerhin bekannt. Und ein, allerdings postumes, Kupferstich-Porträt, um 1565, zeigt ihn mit großen wachen Augen und scharfen Zügen, nachdenklich und empfindsam, selbstgewiss auch. Charmant ist der Gedanke, dass er in der kleinen Chimäre, die rechts unten im Gemälde neben dem „Heiligen Johannes auf Patmos“ (aus der Berliner Gemäldegalerie) hockt, ein Selbstbildnis mit Brille abgeliefert haben soll.

Schönheiten im irdischen Jammertal

Ob es ihn gepeinigt hat oder ob es für ihn gar befreiend war, all die Monstren und Quälgeister zu erfinden und zu malen, die sein Universum bevölkern, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Eine versuchte Erklärung aus heutiger Sicht könnte lauten, dass sein Unbewusstes durchlässig war für die Kohorte dieser Dämonen und Teufelsbiester; es wäre eine beinah glückliche Deutung seiner Schöpferkraft. Dass er aber auch einen Blick für die Schönheiten im irdischen Jammertal hatte, durch das nur ein Jahr nach seinem Tod der Sturm der Reformation fegen sollte, bezeugen, neben der Vegetation, die Tiere, denen er immer wieder fast zärtliche Aufmerksamkeit schenkt. Da ist die wunderbare Zeichnung eines „Eulennests“ (aus dem Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam) - wie überhaupt die Eule, als sein Wappentier an der Grenze zwischen Tag- und Nachtseite, einem Signet gleich wiederkehrt - oder nur ein kleiner Hund, der zusammengerollt auf der Vignette mit der Todsünde „Faulheit“ friedlich schlummert.

Ein halbes Jahrtausend ist kein Katzensprung. Wie immer seine Kunst bis in die Gegenwart hinein wirkt, in Jheronimus Bosch hat der Schlaf der Vernunft die Ungeheuer seiner unerhörten Einbildungskraft frei von Ironie geboren, dieser Erfindung der Neuzeit. Sie waren durchtränkt von der Gewissheit um das Diesseits und das Jenseits.

Bosch. The 5th Centenary Exhibition. Im Prado Museum, Madrid, bis zum 11. September. Der Katalog in englischer Sprache kostet 33,25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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