Dürer-Ausstellung in Aachen

Dürer ist wieder da

Von Andreas Platthaus
24.07.2021
, 19:23
Dürers Holzschnitt des heiligen Christopherus, 1521
Wunderschön und voller Wunder: Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zeigt eine Ausstellung zu der Kunst und dem Gesellschaftsbild, die sich dem Maler 1520/21 bei seinem Aufenthalt in den Niederlanden boten.

Im Januar 1521 bestellte sich Al­brecht Dürer in Antwerpen ein un­gewöhnliches Modell ins Atelier. „Der Mann war 93 Jahre alt und gesund und im Vollbesitz seiner Kräfte“, notierte der Nürnberger Maler, der schon seit einem halben Jahr in der flämischen Handelsmetropole weilte, auf einer Porträtzeichnung, die während der Sitzung entstand. Dürer wusste, was er wollte: ein Überlebenszeichen, die Verheißung hohen Alters. Erst im November war die Leibrente von jährlich hundert Gulden, die ihm Kaiser Maximilian 1515 bewilligt hatte und nach dem Tod des Herrschers eingestellt worden war, von dessen frischgekröntem Enkel Karl V., wieder genehmigt worden. Aber kurz nach dieser frohen Kunde zog sich Dürer bei einem Ausflug in die Provinz Zeeland eine schwere Krankheit zu; die überlieferten Symptome deuten auf Malaria hin. Aller Wahrscheinlichkeit nach starb er 1528 auch daran, mit dann erst 57 Jahren.

Bei seiner Modellsitzung mit dem Greis war Dürer jedoch einigermaßen wie­derhergestellt, und nur zwei Monate später sollte er unter Rückgriff auf die Zeichnungen ein Bild malen, das Furore machen würde. Bei der Darstellung des heiligen Hieronymus in der Studierstube verzichtete Dürer auf dessen wichtigste Attribute (Kardinalshut, Löwe), wie er sie selbst noch im Kupferstich von 1515 benutzt hatte, und zeigte den Kirchenvater als lebendiges Memento Mori, indem der auf einen Totenkopf weist – und eben die Züge des über Neunzigjährigen trägt.

In der Ausstellung, die das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen der sogenannten niederländischen Reise Dürers widmet, ist das Hieronymus-Gemälde der Schlusspunkt der Abteilung mit eigenhändigen Kunstwerken. Als Leihgabe ist es aus Portugal angereist, und direkt daneben steht in einer Vitrine ein noch kleineres Tafelbild mit einer Hieronymus-Darstellung von 1494, also noch aus Dürers Frühzeit. Das ist normalerweise in der National Gallery von London zu sehen, die gemeinsam mit dem Aachener Museum diese Ausstellung zum fünfhundertsten Jubiläum der Reise konzipiert hat. Aachen hätte damit vor ei­nem Jahr starten sollen, London seine daran anschließende Präsentation im Mai geschlossen. Dann kam Corona.

Um ein Jahr verschoben, aber ohne Verluste

Beide Häuser verschoben das jahrelang betriebene Projekt, und das größte Wunder ist, dass fast alle Leihgeber dabei mitspielten. Was bei Altmeisterwerken etwas heißen will und im Falle Dürers noch mehr. Seine Gemälde sind ebenso ikonisch wie empfindlich, die Zeichnungen ein Wunder an Subtilität und noch empfindlicher. Es ist also kein Wunder, dass von den knapp zweihundert in Aachen gezeigten Objekten mehr als die Hälfte gar nicht mehr in London gezeigt werden wird; dafür kommen dort rund siebzig neue dazu, darunter aus Washington die grandiose Haller-Madonna, die Dürer 1498 unter dem Einfluss von Bellinis Kunst malte. Und aus Madrid wird das kaum weniger berühmte – aber welches Dürer-Gemälde wäre es nicht? – Bild „Christus unter den Schriftgelehrten“ von 1506 nach London ausgeliehen.

Was aber haben diese beiden Werke mit der niederländischen Reise zu tun? Nun, die National Gallery wird ihre Ausstellung „Dürer’s Journey“ nennen, im Untertitel: „Travels of a Renaissance Artist“. Es wird dort also auch um die beiden großen italienischen Reisen von 1494/95 und von 1505 bis 1507 gehen, die wegen der Beeinflussung durch dortige Vorbilder ungleich mehr Beachtung gefunden haben als jene dreizehn Monate, die sich Dürer für Antwerpen nahm. Dabei ist gerade im „Schriftgelehrten“-Gemälde schon flämischer Einfluss unverkennbar. Dürers Vater hatte einen Teil seiner Goldschmied-Ausbildung in den Niederlanden gemacht und gewiss Bildmaterial von dort mit nach Hause gebracht. Der Sohn bewegte sich also auf ästhetisch vertrautem Terrain. Die Antwerpener Zeit nutzte er aber auch für weitere Ausflüge. Der längste davon fand im November 1520 statt und führte nach Aachen. Daraus resultiert der ebenso banale wie plakative Titel der Suermondt-Ludwig-Schau: „Dürer war hier“.

Albrecht Dürer, Liegender Hund, 1520.
Albrecht Dürer, Liegender Hund, 1520. Bild: Ausstellung Suermondt-Ludwig-Museum/The Trustees of the British Museum

Und er arbeitete hier: Seine Silberstiftzeichnungen von Aachens Rathaus und dem Münster sind nun nach fünfhundert Jahren aus Chantilly und London zurückgekommen. Aber auch das Porträt eines Hundes und die Darstellung eines Kaminbocks und einer Truhe. Dürer sammelte Material für künftige Motive und Ideen für künftige Kundschaft. In seinem Reisetagebuch notierte er akribisch, wie er mit Kohle und Kreide mehr als hundert Porträtzeichnungen anlegte, die er dann verkaufte oder strategisch verschenkte. Dass davon jetzt sieben in Aachen sind, klingt nach wenig, doch es haben nur fünfzehn überlebt.

Das Herzstück der Ausstellung sind die Porträts

Porträts sind das Herzstück der Ausstellung, und wie sehr Dürer darin seine Darstellungsweise beibehielt, während die flämischen Zeitgenossen gerade dabei waren, Kunstgeschichte durch Individualisierung auch des Bildraums, nämlich im Dekor, zu machen, das wird im in jeder Hinsicht gewichtigen Katalog fantastisch erläutert. In einer Rotunde sind dazu vierzehn Por­trätgemälde versammelt: nur zwei von Dürer, selbst aber der hat ohnehin in der ganzen niederländischen Zeit wohl nur sieben in Öl gemalt. Aus Boston ist sein frisch restauriertes Bildnis eines Mannes gekommen, in dem man den in Antwerpen residierenden Leiter der portugiesischen Handelsniederlassung, Rodrigo Fernando de Almada, vermutet – für ihn schuf Dürer auch den Hieronymus. Und aus Dresden hat das bestechend erhaltene Porträt des Danziger Kaufmannes Bernhard von Reesen den Weg nach Aachen gefunden – grandios nicht nur dank der Plastizität des Kopfes, sondern auch wegen der am unteren Rand aufgelegten rechten Hand, womit sich Dürer um die Erwartungen einer ins Bild gerückten Balustrade drücken konnte, wie sie von der an niederländische Bildnisse gewöhnten Kundschaft erwartet wurde.

Wer mitgezählt hat, weiß jetzt, dass es in Aachen nur vier Dürer-Gemälde zu sehen gibt (in Lon­don werden es zehn sein). Doch dazu kommen Dutzende Zeichnungen und viel Druckgrafik, die zusammen seine Ge­schäftsstrategie anschaulich machen, mit leicht transportablen Werken unterwegs zu sein. In Antwerpen gab es eine Besonderheit: den Pand, einen ganzjährig stattfindenden Kunstmarkt, während überall sonst in Europa nur Messen oder Jahrmärkte Verkäufe für angereiste Künstler ermöglichten. Antwerpen war damals auch Hauptexporteur für Altäre im nord­alpinen Raum, und das größte Absatzgebiet dafür war der deutsche Niederrhein. Das erklärt, warum Dürer sich für die Reise nach Aachen und Umgebung drei volle Wochen gönnte. Er sondierte den Markt.

Das erste Porträtbildnis einer schwarzen Frau

In Aachen badete er auch und erlebte die Krönung von Karl V. mit, aber er hat nichts dazu gezeichnet. Seine Neugier galt mehr dem, was ein bürgerliches Publikum an seinen Bildern schätzen würde: Mode, Kuriositäten und eben Porträtkunst. Letztere bietet auch das nach derzeitigem Kenntnisstand früheste individuelle Porträt einer schwarzen Frau: 1521 zeichnete Dürer mit Silberstift die junge Katharina, Dienerin im Haushalt eines Freundes in Antwerpen. Ein ganzer Kunst- und Gesellschaftskosmos wird vor allem im Aachener Katalog entfaltet, der mit fast siebenhundert Seiten mehr als doppelt so umfangreich geworden ist wie sein jetzt auch schon erhältliches englisches Pendant. Dem Vorwort darin kann man entnehmen, dass sich in der Wartezeit auf die verschobenen Ausstellungen die Vorstellungen beider Museen über die Intensität der Beschäftigung mit Dürer veränderten. Man muss also nach Aachen des Themas wegen. Und dann am besten doch auch noch nach London, um die siebzig anderen Dürer-Werke zu sehen.

Albrecht Dürers Porträtzeichnung der Katharina, 1521
So macht man Kunstgeschichte: mit dem ersten Porträtbild einer schwarzen Frau, der Silberstiftzeichnung von Katharina. Bild: Suermondt-Ludwig-Museum

Wichtigster Anlass für die niederländische Reise war ein Tod: jener von Kaiser Maximilian, der Dürer dazu zwang, sich seine Leibrente erneuern zu lassen. Der sonst in Madrid residierende neue Kaiser hatte seine einträglichsten Besitzungen in den spanischen Niederlanden, und zur Krönung musste er eh nach Aachen – gute Aussichten also für Dürer, dort sein Anliegen vorzubringen. Dann begegnete der Künstler selbst auf der Reise dem Tod durch Krankheit. Und als er Antwerpen wieder verließ, kostete kurz danach die einsetzende Gegenreformation einige seiner dortigen Gesprächspartner, die von Martin Luther inspiriert worden waren, das Le­ben. Sie wurden lebendig verbrannt. Die interessanteste Neuigkeit im Zuge der Ausstellungsbeschäftigung ist Dürers gegenüber den Erkenntnissen älterer Forschung relativierte Einbettung in den frühreformatorischen Zusammenhang, die aber dennoch plausibel macht, warum er im August 1521 nach Nürnberg zurückkehrte, obwohl man ihm in Antwerpen eine noch höhere Leibrente angeboten hatte. Der Boden unter seinen Füßen wurde zu heiß. Auch Bernhard von Reesen, den er so lebendig gemalt hatte, überlebte nicht lang. Er starb noch im Laufe des Jahres 1521 an der Pest. Doch das alles – Menschen, Tiere, Sensationen – lebt weiter in Ausstellungen wie „Dürer war hier“.

Dürer war hier. Eine Reise wird Legende. Im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen; bis zum 24. Oktober. Danach vom 20. November bis zum 27. Februar 2022 in der National Gallery, London. Der in Druckqualität und Umfang nur als Sensation zu bezeichnende Katalog, (Michael Imhof Verlag) kostet im Museum 39, im Buchhandel 49,95 Euro. Ein Textheft zur Ausstellung mit aktualisierten Forschungsergebnissen kostet 2 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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