Prähistorische Kunst

Vom Wesen des Steinzeitmenschen

Von Peter Geimer, Paris
20.06.2019
, 13:51
Das Centre Pompidou in Paris widmet sich aktuell als futuristische Museumsmaschine den Projektionen der Moderne in die prähistorische Kunst. Eine Ausstellung, die einer Zeitreise gleicht.

Als Georges Bataille Anfang der fünfziger Jahre zum ersten Mal die Höhle von Lascaux besuchte, machte er eine Erfahrung, die jedes chronologische Geschichtsbild aus der Fassung bringen musste. Die ein Jahrzehnt zuvor dort entdeckten Höhlenbilder erschienen ihm als Zeugnisse einer unvordenklichen Vergangenheit, ein Echo aus der „Nacht der Zeiten“. Zugleich aber wirkte ihre Formensprache eigentümlich vertraut – Ausdruck einer „klaren und brennenden Gegenwart“. Bataille erkannte in den Felsbildern die Handschrift eines Wesens, das gerade erst dem Tier-Sein entkommen war, ebenso aber auch erste Erzeugnisse einer Kunst, deren aktuellste Erzeugnisse in den Pariser Galerien jener Jahre zu sehen waren.

Bataille war bekanntlich nicht der Erste, den der anachronistische Zusammenschluss moderner und prähistorischer Kunst in den Bann schlug. Schon zu Beginn der dreißiger Jahre hatte der Ethnologe Leo Frobenius Faksimiles nordafrikanischer Felsenbilder in den „Cahiers d’Art“ des Kunstkritikers Christian Zervos veröffentlicht, Carl Einstein beschrieb die Reliefs Hans Arps als Zeugnisse einer „prähistorischen Kindheit“, und auch Wassily Kandinsky fand eine innere Verwandtschaft zwischen Höhlenmalerei und moderner Kunst. Eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art brachte die Engführung von Prähistorie und Gegenwart 1937 auf die Formel „Modern Art 5000 Years Ago“. In London legten Herbert Read und Roland Penrose zehn Jahre später noch einige Jahrtausende dazu und betitelten ihre Weltkunst-Retrospektive „40 000 Years of Modern Art“.

Eine große Schau im Pariser Centre Pompidou greift das Thema nun noch einmal auf – glücklicherweise aber ohne das humanistische Pathos der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwar meint man im ersten Raum, in dem der Schädel eines Cro-Magnon-Menschen und Paul Klees Gemälde „Die Zeit“ wie Monaden aus dem Dunkel hervorleuchten, noch jenen ahistorischen Impetus zu spüren, aber in der Folge rückt schon der Blick nach oben auf die frei liegende Röhrenkonstruktion der technizistischen Architektur des Hauses diesen Eindruck zurecht.

Ein Konzept der Moderne

Die Kuratoren vermeiden das Raunen über die steinzeitlichen Tiefenschichten unserer Kultur ebenso wie die biologistische Variante des Universalismus, die kulturelle Erzeugnisse auf natürliche Determinanten zurückführen will. „Vor- und Frühgeschichte“, so lautet ihre These, ist ein Konzept der Moderne. Es entstand mit den Entdeckungen der Geologie und der Archäologie und erwies sich als „gewaltige Maschine zur Durchmischung der Zeit“. Die wachsende Erkenntnis der eigenen Vergangenheit brachte auch ein neues Bild der Gegenwart hervor. Wenn also Picasso das verrostete Bruchstück eines Gasherds auf zwei Metallbeine stellt und diese Figur – in Anspielung auf die prähistorische Venus von Lespugue – als „Venus du gaz“ betitelt oder Giacometti die Mauern seines Ateliers mit Ritzzeichnungen bedeckt, dann ist das kein Ausdruck eines überzeitlichen Wesens des Menschen, sondern der Versuch, die eigene Zeit in ein reflektiertes Verhältnis zur historischen Tiefenzeit zu setzen.

Die Ausstellung zeigt solche Bezüge in großer historischer Breite – von Odilon Redon bis Robert Smithson und Tacita Dean, von Brassaïs Fotografien Pariser Graffiti bis zu den Menhiren der britischen Bildhauerin Barbara Hepworth. Dabei stößt man auch auf wenig Bekanntes, so etwa die Aktivitäten der „Schule von Altamira“, einer Künstlergruppe, die um 1950 eine Erneuerung der spanischen Kunst durch Rückbesinnung auf die Felsenbilder von Altamira einleiten wollte. Man plante die Errichtung eines Museums zeitgenössischer Kunst in unmittelbarer Nachbarschaft der Felsbilder und gründete eine Kunstzeitschrift namens „Bison“. Eine Entdeckung sind auch die Aquarelle des 1893 in Moskau geborenen Insektenforschers Eugen Gabritschevsky, der in einer psychiatrischen Klinik bei München Tausende von Blättern mit seinen Visionen einer von Amphibien bevölkerten Erde bemalte.

Grande Dame der Altsteinzeit und Inspiration Pablo Picassos: Die Venus von Lespugue ist etwa 23.000 Jahre alt und wurde 1922 am Fuße der Pyrenäen entdeckt.
Grande Dame der Altsteinzeit und Inspiration Pablo Picassos: Die Venus von Lespugue ist etwa 23.000 Jahre alt und wurde 1922 am Fuße der Pyrenäen entdeckt. Bild: MNHN - Jean-Christophe Domenech

Die Entdeckung der Vorgeschichte hatte unweigerlich auch ein neues Bild der Zukunft im Gefolge: Im Anblick der prähistorischen Überreste ließ sich zugleich das künftige Verschwinden der eigenen Zivilisation imaginieren. Insofern war die Erforschung der Vergangenheit nicht nur eine Selbstvergewisserung über die eigenen Ursprünge, sondern bot auch die Gelegenheit, sich selbst fremd zu werden: Picassos bereits erwähnte „Venus du gaz“ zeigt eben ein modernes Industrieprodukt, wie es einer fernen Zivilisation in Jahrtausenden erscheinen mag.

Die Stimme aus dem Off

Auf seinem Gemälde „Im Wald“ imaginiert auch Alberto Savinio eine solche Nachwelt: In einer düsteren, wie außerirdischen Vegetation erblickt man buntes, verstreut herumliegendes Kinderspielzeug aus Holz – Überbleibsel aus einer Zeit vor dem Verschwinden des Menschen. Solche Projektionen wurden denkbar, seit bekannt war, dass dem Auftauchen des ersten Menschen ganze Erdzeitalter ohne Menschen vorausgegangen waren. In einer Vitrine sieht man ein Skizzenbuch Cézannes, in das sein Freund, der Geologe Antoine-Fortuné Marion, zwischen den Skizzen des Malers ein Schema sedimentierter Gesteinsschichten gekritzelt hat. Daneben hängt Cézannes Gemälde des Steinbruchs von Bibémus. Der rötlich-braune Fels scheint zu vibrieren, die winzige Figur davor hat kein Gesicht.

Den Kuratoren ist es gelungen, das Nachleben der Frühgeschichte in der Kunst der Moderne auch unter Einbeziehung schriftlicher Dokumente und archäologischer Fundobjekte darzustellen, ohne die ausgestellten Werke dabei zur bloßen Illustration oder Gegenständen der Belehrung zu machen. Zu den eindrücklichsten Exponaten gehört der Kurzfilm „Les mains négatives“ von Marguerite Duras – benannt nach den Negativabdrücken menschlicher Hände, die man in abgelegenen Felshöhlen entdeckt hat. Die Stimme aus dem Off erzählt von der Verlassenheit dieser ersten Menschen, die Bilder zeigen dazu eine Kamerafahrt durch das noch leere, frühmorgendliche Paris.

Auf den Boulevards gehen die Lichter der Cafés an, in der Dämmerung tauchen die ersten Autos auf, ein Trupp von Straßenfegern säubert das Trottoir. Die Erzählung von den frühesten Menschen entrückt die Bilder der erwachenden Metropole in eine andere Zeit. Zugleich kommen Text und Bild, Vergangenheit und Gegenwart nicht einfach zur Deckung. Es war ein langer Weg vom Höhlenmenschen bis zu den Straßenfegern von Paris. Wie Marguerite Duras, so haben auch die Kuratoren der Ausstellung ihn nicht zugunsten eines angeblich überzeitlichen Wesens des Menschen verkürzt.

Préhistoire. Une énigme moderne. Im Centre Pompidou, Paris; bis zum 16. September. Der Katalog kostet 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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