Schliemann-Schau in Berlin

Das ist ein paar Orden wert

Von Tilman Spreckelsen
13.05.2022
, 22:04
Wie wurde Heinrich Schliemann zum berühmtesten Archäologen aller Zeiten? Eine Berliner Ausstellung bietet eine Antwort an.
ANZEIGE

Als ihn die Grabungen auf den Spuren Homers und die Entdeckung eines Horts, den er zum „Schatz des Priamos“ erklärte, bereits weltweit bekannt gemacht hatten, schrieb Heinrich Schliemann 1875 an seinen alten Schulfreund Wilhelm Rust über das Echo, das seine Entdeckungen, die er eifrig publizierte, in den unterschiedlichen Ländern erfuhren. In Deutschland, so Schliemann, „werde ich von den neidischen Professoren fortwährend auf eine grauenhafte Weise beschimpft, und besonders in Berlin, wo ich sogar oft der Gegenstand der Lobgesänge im Kladderadatsch bin. In England, Frankreich und Amerika da­ge­gen wird die Entdeckung Trojas in vollstem Maße anerkannt und als die größte Entdeckung aller Jahrhunderte angesehen.“ Auf die Frage, wie seine atemraubende Sammlung an Fundstücken aus dem Hügel von Hissarlik einmal am besten der Öffentlichkeit zu­gäng­lich gemacht werden sollte, hatte Schliemann deshalb die Antwort: „An Deutschland gebe ich sie nicht.“

Schliemanns Funde und die Berliner Museumswelt haben eine gemeinsame Geschichte, die von Glück und Glanz ebenso geprägt ist wie von Katastrophen. Am Anfang knirschte es gehörig: Schliemann, der sich in seinem Heimatland, dessen Staatsbürger er schon längst nicht mehr war, schlecht behandelt, geradezu verhöhnt fühlte, suchte nach einem endgültigen Ort für seine archäologische Sammlung. Eine umfassende Präsentation im South Kensington Museum trug ihm 1877 so viel der dringend ersehnten Anerkennung ein, dass London gut im Rennen für eine dauerhafte Übertragung war. Allerdings dachte Schliemann auch über französische und amerikanische Museen nach, während ihn seine griechische Ehefrau Sophia bestürmte, seine Funde müssten im Land der Helden des Trojanischen Krieges ausgestellt werden – am besten in einem neu zu erbauenden Museum in Athen.

ANZEIGE

Ein Forscher – und ein Selfmademan

Es bedurfte der beharrlichen Überredungskunst seines Freundes Rudolf Virchow, um Schliemann dann doch zu einer Schenkung der Sammlung an die deutsche Nation zu bewegen, was einherging mit Verhandlungen über den passenden Ort, der zunächst im Kunstgewerbemuseum (dem heutigen Gropiusbau) und dann im neu gebauten Völkerkundemuseum gefunden wurde, und über die dem Schenker zuteilwerdenden Ehrungen – der Orden Pour le Mérite sollte es schon sein, forderte Schliemann, aber auch „andere Orden, soviele zu kriegen sind“.

Die großzügig präsentierte Sammlung von ehemals knapp zehntausend Stücken wurde im Krieg zum Teil zerstört, zum Teil gesichert und nach und nach zurückgegeben, sodass heute etwa 5400 Objekte wieder in Berlin vorhanden sind. Ein weiterer Teil wurde in die Sowjetunion gebracht, dort lange verborgen gehalten und 1998 zum Eigentum des russischen Staates erklärt. Er umfasst etwa fünfhundert Stücke, darunter auch wesentliche Teile vom „Schatz des Priamos“.

ANZEIGE

An diesem Freitag eröffnet in Berlin aus Anlass von Schliemanns zweihundertstem Geburtstag (F.A.Z. vom 5. Januar) eine große Ausstellung, die sich dieser Lebens- und Sammlungsgeschichte widmet. Wie schon die Präsentation zu den Germanen im Herbst 2020 findet sie in der ebenso nüchternen wie eleganten James-Simon-Galerie und zu­gleich in Räumen des gegenüberliegenden Neuen Museums statt, was sich für ihre Dramaturgie durchaus als Gewinn erweist, weil der beabsichtigte Bruch in der Erzählung umso deutlicher wird. Der erste Teil widmet sich Schliemanns an Umschwüngen reichem Leben vor den ersten Grabungen, der zweite rückt den Archäologen und seine Funde ins Zentrum. Ohne den Forscher würden wir uns an diesen Selfmademan des 19. Jahrhunderts wohl kaum noch erinnern, aber ohne den zu märchenhaftem Reichtum gelangten Unternehmer hätte es den Archäologen nicht gegeben.

Sprachenlernen nach eigener Methode

Einen Zusammenhang zwischen beiden Teilen stiften überdies Monitore, auf denen die Schauspielerin Katharina Thalbach als Schliemann verkleidet dessen Sicht auf verschiedene Episoden seines Lebens wiedergibt und den Besucher dabei früh darauf vorbereitet, dass diese Erzählungen in hohem Maße inszeniert sind – dass Schliemann, den man auch schon als „pathologischen Lügner“ be­zeich­net hat, in seinen Büchern, Artikeln und Briefen ein Bild seiner selbst erzeugt hat, das oft genug in sich nicht schlüssig war und in wesentlichen Teilen widerlegt worden ist.

Das beginnt mit dem Schiffbruch vor Texel, der den Plan des fast mittellosen Neunzehnjährigen durchkreuzte, nach Südamerika auszuwandern, und der in Schliemanns Schilderungen sehr viel dramatischer klingt, als er sich tatsächlich zugetragen hat. Diesen Wendepunkt seiner Biographie – was wäre aus ihm geworden, wenn die Auswanderung nach Venezuela geglückt wäre? – stellt auch die Ausstellung an den Anfang, indem auf einigen Stoffbahnen ein Seesturm gezeigt wird, davor drei Reisekisten. Der Schlauch der Museumsfläche wird durch weitere bedruckte Banner strukturiert, die Fotos von Personen und Häusern, Ansichten von Städten oder Landkarten zeigen und dabei einer Art Zickzack folgen, was für den wendungsreichen Le­bens­weg stehen mag.

ANZEIGE

Es geht hier, wenigstens am Anfang, nicht um Exponate, die zudem aus Schliemanns erster Lebensphase nicht authentisch erhalten sind, sondern um den zäh arbeitenden, kalkulierend riskierenden Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen. Eine Grundlage für den Erfolg war sein Talent fürs Sprachenlernen nach einer eigenen Methode, die dann, weil sie Teil des Schliemann-Mythos wurde, von findigen Geschäftsleuten aufgegriffen und vermarktet wurde, wovon eine eigene Abteilung der Ausstellung erzählt.

Auf den Spuren der „Odyssee“ nach Ithaka

Schliemann zog als Händler nach St. Petersburg, erst als Angestellter, dann auf eigene Rechnung, er heiratete in eine russische Familie ein, handelte in Amerika mit Gold, machte im Krimkrieg ein Vermögen und ging auf Weltreise. Die wenigen Exponate gewinnen hier besonders an Gewicht gegenüber den bedruckten Bannern, und so wie sich Schliemann in dieser Phase seines Lebens erstmals als Autor versucht, indem er seine Erlebnisse in Asien anschaulich beschreibt, so sprechend sind auch die zugehörigen Ob­jek­te, von denen viele aus den Beständen des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin stammen. Erstmals zu sehen ist hier etwa eine zauberhafte Ansammlung von Figuren, die ei­nen japanischen Beerdigungszug in allen Details darstellen, wie Schliemann ihn gesehen hat. Man beginnt zu verstehen, wie der Beobachter aus Norddeutschland allmählich lernt, kulturgeschichtliche Details wahrzunehmen, einzuordnen und zu beschreiben.

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Den Abschluss dieser Abteilung, die durchaus noch mehr Raum hätte vertragen können, bildet dann der Übergang zu einer den Grabungsprojekten gewidmeten Existenz: Schliemann wird promoviert, unternimmt eine Forschungsreise im Mittelmeerraum, die ihn auf den Spuren der „Odyssee“ nach Ithaka führt, und er schließt nach der Scheidung von seiner ersten Frau eine neue Ehe mit einer jungen Griechin, die später für sein Konzept zur Popularisierung seiner Funde keine geringe Rolle spielen wird, allen voran als Trägerin des Goldschmucks vom „Schatz des Priamos“ auf den berühmten, längst emblematisch gewordenen Fotos.

ANZEIGE

Umgeben von tändelnden Gefährten

Die Funde vom Hügel Hissarlik, in dessen Tiefen Schliemann Troja vermutete, prägen den zweiten Teil der Ausstellung im Neuen Museum. Aus der ersten Station werden die Stoffbahnen übernommen, die hier den Gang durch den Burghügel andeuten sollen, und die Struktur der Ausstellung folgt glücklicherweise dieser Idee, indem sie mit den jüngsten Funden aus den obersten Erdschichten beginnt und bis zum Ende des Raums in immer tiefere führt. Denn so, wie sie antritt, Schliemanns Leben und seine Perspektive zu veranschaulichen, zeigt sie doch auch nachdrücklich, dass die Gegend an den Dardanellen lange vor den Ereignissen im ausgehenden zweiten Jahrtausend vor Christus, in denen sich der Trojanische Krieg abgespielt haben soll, besiedelt war – und auch lange danach. Schliemann war keineswegs desinteressiert an den jüngsten Schichten, und gleich die erste Vitrine aus seiner Sammlung enthält römerzeitliche und byzantinische Exponate; eine Wand zeigt ein eindrucksvolles großes Rundbild von Romulus und Remus aus dem örtlichen Theater.

Auf die tiefste Schicht mit prähistorischen Funden folgt eine Biegung in einen weiteren Raum, der sich Schliemanns Mykene-Grabungen widmet und den Besucher mit einem Abguss des Löwentors empfängt. Eine letzte Sektion zitiert schließlich Schliemanns berühmtes Wohnhaus in Athen, indem sie Teile des historischen Interieurs versammelt und eine Reproduktion des Fußbodenmosaiks und der Decke des Ballsaals zeigt. Dort ließ sich Schliemann auch selbst abbilden, als Putto mit Lesebrille, der umgeben von tändelnden Gefährten eine Schrift studiert. Wer sich auf die Berliner Ausstellung einlässt, wird dieses Selbstbild als Leser durchaus einleuchtend ­finden.

„Schliemanns Welten“. James-Simon-Galerie und Neues Museum; bis 6. November. Der Katalog kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE