Obdachlosigkeit in der Stadt

Hier ist ein Mensch, lass ihn herein

Von Brita Sachs
12.11.2021
, 16:18
Manche müssen draußen bleiben: die Neonskulptur „The Glowing Homeless“  von Fanny Allié.
Die Münchner Pinakothek der Moderne fragt, wie Obdachlosigkeit die Architektur unserer Städte verändern kann und soll. An guten Ideen herrscht kein Mangel.
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Frankfurt hält obdachlosen Menschen im Winter eine U-Bahn-Station zum Übernachten offen. Auf dem Pflaster vor dem Rathaus von San Francisco markieren parkplatzartig nummerierte Felder, wo Homeless People Zelte aufreihen können, coronagerecht mit Abstandswahrung. Moskau setzt auf Vogel-Strauß-Politik: Gab es zu Sowjetzeiten offiziell keine Obdachlosigkeit, weil sie als Erscheinung des Kapitalismus galt, kapituliert die Administration heute vor diesem Erbe und überlässt es Bürgerinitiativen.

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Gitter, Poller, unbequeme Bänke

So oder ähnlich provisorisch kanalisieren überforderte Stadtverwaltungen die wachsenden Anforderungen durch Probleme, die sie an anderer Stelle durch Verdrängung regeln: Gitter, Poller, gern auch Bänke mit kurvigem Design hindern Menschen ohne Zuhause daran, an Orten Schutz oder Schlafstatt zu finden, wo sie und der Anblick ihrer armseligen Habe unerwünscht sind. Dabei dürfte eines klar sein: Wohl niemand lebt freiwillig auf der Straße. Der Passant weiß das und will nicht daran erinnert werden, er weiß ja auch, dass diese Ausgegrenzten irgendwann ein bürgerliches Leben führten, bis vielleicht der Arbeitsplatz weg war oder die Familie zerbrach, bis eine Sucht außer Kontrolle geriet oder die Psyche nicht mehr mitspielte. Es kann jeden treffen.

„Who’s next?“, fragt denn auch provokant eine hervorragende Ausstellung des Architekturmuseums in Münchens Pinakothek der Moderne. Wer landet als Nächster unter der Brücke, weil er seine Miete nicht mehr zahlen kann? Vor allem aber, wie geht die Gesellschaft mit der Wohnungslosigkeit um? Die von Daniel Talesnik kuratierte Ausstellung beleuchtet das Problem am Beispiel von acht Weltstädten. Im sonnigen San Francisco, einst Hippie-Hauptstadt und Zentrum alternativer Lebensart, klafft die Schere besonders weit auf. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Homeless People mehr als verdreifacht. Der Boom der Tech-Industrie des nahen Silicon Valley führte zum Zuzug bestens verdienender Mitarbeiter und zu einem explosiven Bevölkerungswachstum. In der Folge stiegen die Mieten exorbitant, während die kalifornischen Baukosten, die höchsten in den Vereinigten Staaten, der Schaffung bezahlbaren Wohnraums entgegenstehen.

Die aufgeführten Statistiken machen schwindlig: In Los Angeles beträgt die durchschnittliche Miete 46,7 Prozent des durchschnittlichen Einkommens, auch weil weit mehr als 500.000 bezahlbare Wohnungen fehlen. In São Paulo, der reichsten Stadt Lateinamerikas, schätzt man einen Anstieg der Obdachlosenzahl um sechzig bis siebzig Prozent im ersten Corona-Jahr, und in Mumbai müssen mittlerweile 250.000 Menschen sehen, wo sie nachts bleiben. Überall steigt die Zahl betroffener Kinder sowie alter Frauen und Männer. Die dramatischen Zahlen zeigen, dass Europa noch vergleichsweise gut dran ist. Hier hilft der Sozialstaat, wenngleich auch da noch reichlich Luft nach oben ist.

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Ein Bauernhof für Ausgegrenzte

Architekten, die sich mit Obdachlosigkeit befassen, sind rar. Doch zeigen ausgewählte Projekte im zweiten Ausstellungsteil kluge Lösungen, die möglich sind, wenn guter Wille und notwendige Mittel auf fähige Architekten treffen. Die „Plaza Apartments“ in San Francisco wollen Langzeitobdachlosen durch Sozialwohnungen helfen, zu einem stabilen Leben zurückzufinden. Neben 106 voll eingerichteten Einheiten verfügt die Hausgemeinschaft über einen Garten, eine Waschküche und sogar ein Theater, und das Ganze kostet die Stadt mit 8500 Euro pro Jahr und Einwohner sechs- bis zehnmal weniger als der Obdachlose, der vor dem Rathaus campt.

Unter auffallend vielen findigen Projekten aus Österreich beeindruckt besonders das „VinziRast-mittendrin“ in Wien: Hier teilen sich Obdachlose ein wunderschönes renoviertes Biedermeiergebäude mit Studenten. Weil Reintegration in der Regel großgeschrieben wird, stehen fast überall Räume für soziale Dienste und Beratungsstellen zur Verfügung, aber auch mal Fitnessräume oder Werkstätten. Im Stadtgebiet von Paris überrascht sogar ein Bauernhof, die „Ferme du Rail“, die Gartenbaustudenten und sozial Ausgegrenzte gemeinsam bewohnen und beackern, ihre Produkte verarbeitet das hauseigene Restaurant.

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Um unterschiedliche Zielgruppen zu versorgen – ein Mensch mit Behinderung braucht andere Einrichtungen als die alleinerziehende Mutter mit drei Kindern –, arbeiten viele Architekten mit vorgefertigten Bauteilen, was flexible Gestaltung erlaubt und außerdem Bauzeit und Kosten spart. Die „Star Apartments“ in Los Angeles sitzen wie ein weißes Dorf aus ein- bis vierstöckigen Modulen auf einem ehemaligen Geschäftsgebäude. Selbstbewusst und originell will die offene Form zur umgebenden Stadt vermitteln und das Thema Obdachlosigkeit aus der Verdrängung holen.

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Auch „PLACE/Ladywell“ in London versteckt sich nicht: Kunterbunte Wohncontainer, deren Größe sogar zehn Prozent über dem Londoner Wohnraumstandard liegt, bieten auch Familien Heimstatt. In Cafés und Läden im Erdgeschoss finden Bewohner Arbeitsmöglichkeiten. Auch Frankfurt setzt selbstverständlich nicht nur auf U-Bahn-Stationen. Im Ostpark nimmt „Lebensraum 016“ Notleidende auf, außen mit einer Haut aus schillernd blauen Stahlplatten ein echter Hingucker, attestiert die Ausstellung der Ausstattung allerdings nur „begrenzten Komfort“.

Architektur kann die Probleme nicht lösen, aber sie kann helfen, menschenwürdige Zufluchten zu bauen und Strukturen mitzudenken, die eine Rückkehr ins „normale“ Leben erleichtern. Wie das gehen kann, zeigt „Who’s next“. Der Katalog hat das Zeug zum Standardwerk. Er bündelt bei Spezialisten weltweit abgefragtes Wissen, das Denkanstöße geben und Erfahrungen weiterreichen will. In Deutschland hat sich die Zahl der Sozialwohnungen seit 2007 fast halbiert, derweil die Mieten massiv anzogen und die Immobilienpreise förmlich explodierten. Das generiert Probleme. Vor einem Jahr erinnerte des Europäische Parlament daran, dass Wohnen ein grundlegendes Menschenrecht ist. Es fasste einen Beschluss, der die Mitgliedstaaten zur Abschaffung der Obdachlosigkeit bis 2030 verpflichtet – packen wir es an, es gibt gute Ideen.

Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt. Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne; bis 6. Februar 2022. Der Katalog (Verlag ArchiTangle) kostet 38 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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