Bilder von Frauenhand in Köln

Das Gendern der Gunza

Von Stefan Trinks
10.11.2021
, 12:29
Ob es auf Erfahrungen der Illuminatorin beruht, dass der Knabe in der Mitte mit zugehaltenen Ohren partout nicht hören  will, was die Frau in Rot und der Schellenmann ihm einbimsen wollen? Einzelblatt aus einem zweibändigen Graduale aus St. Klara in  Köln,  um 1360
Das weibliche Individuum ist schon früh aufgestanden: Das Kölner Schnütgenmuseum beendet die Mär vom frauenfeindlichen und anonymen Mittelalter.
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Das Großartige an Geschichte ist, dass bei unvoreingenommenem Blick kein Raum für Verallgemeinerungen und Vorurteile mehr bleibt. Schon gar nicht eignet sich Geschichte als Arsenal für Cancel Culture und Vulgärfeminismus à la „Das gesamte Mittelalter hindurch wurden Frauen unterdrückt, und sie hatten nichts zu sagen“.

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In der Übergangszeit vom sechsten zum siebten Jahrhundert, als Völkerwanderungszeit angeblich besonders finster, regiert Königin Theudelinde von Monza fast vierzig Jahre lang das mächtige Langobardenreich, zehn davon allein. Im zehnten Jahrhundert regiert die byzantinische Prinzessin Theophanu, die unter anderem das Westwerk von Sankt Pantaleon in Köln bauen lässt, als deutsche Kaiserin nach dem Tod ihres Gemahls Otto II. das Reich acht Jahre lang faktisch allein. Zugleich schreibt die einflussreiche Äbtissin und Dichterin Roswitha von Gandersheim im Harz einen mystischen Bestseller nach dem anderen, während mächtige Frauen aus dem ottonischen Kaiserhaus die Städte und Klöster von Quedlinburg bis Gernrode leiten, was im elften Jahrhundert dann die im März 1200 sogar heiliggesprochene Kaiserin Kunigunde mit einer forcierten Kulturpolitik und einem Bauprogramm von allein sieben neuen Kirchen auf der grünen Wiese von Bamberg fortsetzen sollte. Wieder hundert Jahre später berät und maßregelt die Mystikerin Hildegard von Bingen gar Könige. Zugegeben, alle waren sie hochwohlgeborene Damen. Was geschieht einige Stufen der Macht darunter, was macht etwa Gunza von Chelles?

Gunza wer? Die Nonne des Frauenklosters östlich von Paris erfindet im achten Jahrhundert das Gendern. Sie liest viel und schreibt im Skriptorium ihres Klosters Chelles wie viele andere theologische Schriften ab. Anders als ihre Mitnonnen aber hebt Gunza in den kopierten Schriften frauenfreundliche Stellen farbig hervor und lobt sie in Annotationen, Frauenfeindliches dagegen markiert sie dick in Rot. Das Erstaunlichste jedoch: Rein männliche Formen in den Texten ergänzt sie mehrfach durch weibliche, wo etwa nur ein „iste“ („dieser da“) steht, fügt sie ein „ista“ hinzu. War Gunza nur eine Ausnahme, mit ihrer idiosynkratischen Schreibreform wie eine selbstbewusst eigenständig rechnende Pippi Langstrumpf des achten Jahrhunderts? Und was vor allem verbindet Chelles mit der nun in Köln eröffneten Ausstellung „Von Frauenhand“, in der es dem Untertitel zufolge doch nur um „mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen“ gehen soll? Ganz einfach: Chelles ist von 700 bis ins elfte Jahrhundert hinein eines der großen Bildungs- und Buchproduktionszentren, Eton und Mainz zugleich. Da England in dieser Zeit noch keine Frauenklöster hat, werden beispielsweise auch alle englischen Königstöchter und Hochadeligen zur Ausbildung auf den Kontinent nach Chelles geschickt. Geleitet wird das Kloster in seiner Blütezeit im achten Jahrhundert von Gisela, der Schwester Karls des Großen. Genau aus diesem Kloster bestellt der ebenfalls mächtige und reiche Erzbischof von Köln, Hildebald, um 800 eine kostspielig dreiteilige Prachthandschrift, des Kirchenvaters Augustinus Psalmen-Kommentar, der jetzt als Leihgabe der Dombibliothek in Köln aufgeschlagen vor den staunenden Besuchern liegt. Mit der wie gedruckt klaren Schrift und der Gliederung der Handschrift in Kapitel und Zwischenüberschriften wirkt das Buch modern, denn tatsächlich werden in dieser Zeit der karolingischen Bildungsreform mit übersichtlich gestalteten Büchern in korrektem und gut lesbarem Latein die Grundlagen für das heute noch übliche Buchlayout gelegt. Lediglich die aus Fischen in Grün und Mennigeorange gebildeten Initialen stechen in ihrem Mix aus insularer Kunst und älteren merowingischen Gestaltungsmerkmalen aus dem modernen Erscheinungsbild heraus.

Vera, Agnes und Gisledrud schreiben den Augustinus

Das Besondere an dieser Augustinus-Prachtausgabe aus einem reinen Frauenkloster, für die die sprichwörtliche Schafherde ihre feine Pergamenthaut geben musste, ist nun aber nicht, dass sich insgesamt neun Schreiberinnen die Mammutaufgabe teilten, sondern dass sie sich auch noch in den jeweils von ihnen gefertigten Lagen verewigt haben. So meldet auf Folioseite 105 verso unten die Schreiberin Vera stolz und wohl auch erleichtert: „Vera scripsit“, sie hat es bis hierhin geschrieben. Auf Folio 183 verso löst Agnes ab, andere Schreiberinnen heißen Gisledrudis oder Gislildis, was durch das „Gis“ anzeigt, dass sie wie die Äbtissin Gisela ebenfalls aus der engeren karolingischen Königsfamilie stammen. Erzbischof Hildebald, als Erzkaplan des fränkischen Reiches eng mit den Karolingern verbunden, holte sich mit dieser Prachthandschrift ein bildungssattes Reformwerk in seine Domschule, denn die Kommentare des Augustinus zu den Psalmen reichen von wenigen Sätzen bis zu ausgedehnten Predigten, sind aber stets von der Idee persönlicher Reue und Buße durchdrungen. Und die Karolingerin Gislildis etwa markiert wie ihre Mitschwester Gunza zur selben Zeit im selben Kloster genau jene Stellen, die von Beichte und Buße sprechen – ein virulentes Thema am keinesfalls sündenfreien karolingischen Königshof im nahen Aachen und anderen Pfalzen.

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Diese Mischung aus kluger Durchdringung der kopierten Texte und Selbstrepräsentation in diesen zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung im Kirchenschiff von Sankt Schnütgen, diesem grandiosen Hybrid aus globaler Mittelalterkunst in einer echt Kölner Mittelalterkirche. In das Schiff St. Cäciliens eingestellt sind schwerelos leichte Stellwände, die als geöffnete Buchseiten gestaltet jeweils historische Einbettungen der Frauenklöster bieten, aus denen die davor gezeigten Repräsentationen der klugen Nonnen vom frühen bis zum späten Mittelalter stammen. So besitzen Kölner Bibliotheken etwa heute noch zwanzig Handschriften aus Lamspringe, dem wichtigsten und produktivsten Frauenkloster Norddeutschlands im vierzehnten Jahrhundert.

Dabei geht es nie um eine separierende „Nonnenkunst“ mit lieblich geschnitzten Christkindlein oder hölzernen Wiegen, in welche die Heilandspuppen gelegt und angekleidet werden konnten (beides natürlich auch als große Schätze des Schnütgen aus der Zeit um 1340 ausgestellt), die aber entsprechend als Kunst nicht ganz ernst zu nehmen wäre. Ein Psalter aus dem ersten Viertel des zwölften Jahrhunderts aus Sankt Columba Köln zeigt zwar das besonders disneyhaft grinsende Comicduo Ochs und Esel an der Krippe Christi. Wie aber die Malerin gleich rechts davon auf der Doppelseite die Verkündigung mit einem realen Christkind im Bauch der Muttergottes gestaltet, ist nicht nur äußerst selten in der Bildtradition, es kündet vielmehr auch von Wissen darum, wo und wie Babies heranwachsen.

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Kinder der Verkündigung und heftig blutende Gekreuzigte

Dieses Lebensweltliche lässt nahezu alle gezeigten Miniaturen zu etwas Besonderem werden, sei es die bekannte und oft ausgestellte Kreuzigung mit einem vollständig blutgefüllten Christus – denn auch und gerade Mystikerinnen konnten sich mit dem männlichen Gekreuzigten in der sogenannten Christo­mimesis identifizieren –, sei es ein Dutzend faszinierender Graduale- und Antiphonarseiten, also Musikalien: Heraus ragen die Miniaturen der kess signierenden Illuminatorin Loppa vom Spiegel, die im Messbuch für Konrad von Rennenberg nach Vorbild der meisterhaft gemalten Fassadenarchitektur des Minoriten Johann von Valkenburg entstanden sind. Loppa „de speculo“, Kölner Bürgermeistertochter, zählt in einem anderen Buch auf, sie habe es im Jahr der Pest 1350 „fertig geschrieben, liniert, mit Noten versehen und ausgemalt“. Musik und Architektur konnten die Schwestern also auch.

Wie schon in Chelles arbeiteten die Nonnen etwa des Kölner Klarissenklosters nicht nur für den Eigenbedarf, die teuren Bücher wurden in alle Himmelsrichtungen verkauft. Kostbar waren sie: In einer Urkunde von 1340 erklärt Äbtissin Isabella von Geldern, dass aus dem gesamten Erlös ihres Schmucks als einstiger Grafentochter eine neue Bibel für ihr Kloster angeschafft werden solle. Unbezahlbar aber sind die in Köln gezeigten Zeugnisse für ein vollständiges Bild von Geschichte.

Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen. Im Museum Schnütgen, Köln; bis zum 30. Januar 2022. Der Katalog kostet 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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