Slawomir Elsner in Wiesbaden

Bis nur Buntstiftstummel bleiben

Von Katinka Fischer
25.11.2021
, 18:04
Sławomir Elsner, Selbstbildnis nach Jawlensky 1912 (2021)
Exkurse in die Kunstgeschichte mit Zeichnungen und ­Aquarellen: Das Museum Wiesbaden zeigt Ritschl-Preisträger Sławomir Elsner. Am Ende des Rundgangs setzt er dem eigenen Tun ein Denkmal.
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Von dem massigen runden Schädel, den grimmigen schwarzen Augen, der markanten Nase und dem Teint aus expressionistischen roten, gelben, grünen und blauen Pinselstrichen, die auf Alexej von Jawlenskys Selbstbildnis aus dem Jahr 1912 hervorstechen, ist kaum noch etwas übrig. Die schwarzen Konturen, die klar voneinander abgegrenzten Farbflächen, der finstere Gesichtsausdruck haben sich aufgelöst. Aus dem zarten, nahezu abstrakten, farbigen Nebel scheint das ursprüngliche Motiv nur schemenhaft hervor. Dennoch erkennt man trotz dieser starken Verfremdung das Original, ein Werk aus der Sammlung des Museums Wiesbaden, sofort wieder.

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Sławomir Elsners Interpretation ist mit einem Maß von 53,5 mal 48,5 Zentimetern exakt so groß wie das Original. Von dessen Technik allerdings unterscheidet sie sich: Statt der pastos auf Karton aufgetragenen Ölfarbe, die der russische Maler verwendet hat, greift der 1976 in Polen geborene Künstler zu Buntstift und Papier. Auf diese Weise unterläuft er nicht nur die seit der Renaissance gültige Trennung zwischen der auf den Umriss konzentrierten Zeichnung und der auf Farbwirkung bedachten Malerei. Indem er ein berühmtes Bild weitgehend auf dessen Licht- und Farbeindruck reduziert, stellt er zugleich das konditionierte kollektive Bildgedächtnis auf die Probe.

Farbteppiche aus einem Geflecht aus Linien

Dass es zu Elsners künstlerischem Konzept gehört, für die Geschichte der europäischen Malerei repräsentative Werke zu verfremden, führt seine erste museale Einzelausstellung unter dem Titel „Präzision und Unschärfe“ im Museum Wiesbaden vor Augen. Sie füllt den wegen seiner Höhe so genannten Giraffensaal im Untergeschoss und ist verbunden mit dem Otto-Ritschl-Preis, der Elsner im Jahr 2020 verliehen wurde. Zu den Exponaten, in denen der in Kassel ausgebildete und heute in Berlin beheimatete Künstler auf historische Gemälde verweist, gehören auch Inkunabeln alter Meister der Lichtregie. Ein braun getönter, nahezu abstrakter ­Farbverlauf zum Beispiel geht zurück auf Rembrandts „Christus in Emmaus“, mutet nun aber an, als hätte William Turner Pate gestanden. Anders als die für Elsners Motive wesentliche Unschärfe erschließt sich der zweite Teil des Ausstellungstitels nicht auf den ersten Blick, die „Präzision“. Dass er dennoch enorm präzise vorgeht und aus zeichnerischem Strich tatsächlich malerisch wirkende Farbräume entstehen lässt, sieht man am besten auf einer mehr als zwei Meter hohen Fahne, die in den Museumskolonnaden auf die Ausstellung aufmerksam macht. Sie ist bedeckt mit einem Ausschnitt aus Elsners Version von Jawlenskys Selbstbildnis. In dieser extremen Vergrößerung zeigt sich, dass Elsners Farbteppiche aus einem Geflecht aus ungezählten, mit dem Lineal zu Papier gebrachten Linien bestehen.

In seinen überwiegend monochromen und dann meist blau schattierten Aquarellen führt Elsners Interesse am Zusammenspiel zwischen Licht und Farbe konsequenterweise in die völlige Abstraktion. Dabei hält er sich in diesem Fall ebenfalls nicht an die überlieferten Spartengrenzen zwischen Malerei und Zeichnung. Angefangen damit, dass so große Formate wie diese traditionell eher Historiengemälden vorbehalten waren. Auch dass er die „Wasserfarbe“ in vielen Schichten aufträgt, kann man malerisch nennen.

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1950 Buntstiftstummel

Während der Schwerpunkt der Ausstellung auf den stupenden aktuellen Arbeiten liegt, zeichnet sie gleichwohl die stringente Entwicklung von Elsners gesamtem Werk nach. Die Kunstgeschichte reflektierte er schon 2008 in nächtlichen Ansichten von Hochhausschluchten, in denen der Blick von oben in abenteuerliche Tiefen fällt. Sie spielen an auf den Schock, den die Erfindung der Fotografie für die Malerei bedeutete und im späten 19. Jahrhundert damit zugleich die Entwicklung der Moderne befeuerte. Aus der Ferne kann man sie für unscharfe Fotografien halten oder aber für Malerei, in der eine fotografische Vorlage verschwimmt. Dabei handelt es sich auch in diesem Fall um Buntstiftzeichnungen.

Eine zwanzigteilige Reihe von Fotografien aus dem Jahr 1999 schließlich zeigt Elsner selbst in Alltagssituationen, gewährt aber nur vermeintlich einen Einblick in sein privates Leben. Dass der seriell denkende Künstler schon an der Akademie in ihm reifte, verraten die Aufnahmen dagegen sehr wohl. Am Ende des Rundgangs setzt er dann dem eigenen Tun ein Denkmal, das so konzeptuell ist wie seine Werkserien: Auf dem präzisen Grundriss eines Sockels erhebt sich unter einer Plexiglashaube ein Gebirge aus 1950 Buntstiftstummeln.

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Die Ausstellung „Slawomir Elsner: Präzision und Unschärfe“ im Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2, ist bis zum 6. März 2022 dienstags und donnerstags, 10 bis 20 Uhr, montags und freitags, 10 bis 17 Uhr, sowie samstags und sonntags, 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
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