Ausstellung von Thomas Demand

Zu Wasser wird hier das Papier

Von Stefan Trinks
24.11.2021
, 20:12
Endlosigkeit und Ewigkeit in Papier: Der vier Meter breite Ausschnitt aus Monets „Teich“ (2020) in Giverny hat kein Oben und Unten, keinen Anfang und kein Ende.
Den bisher besten Thomas Demand gibt es in der nordspanischen Küstenstadt Santander zu sehen. Der Künstler macht die Stadt zum Teil seiner Ausstellung.
ANZEIGE

Gewöhnlich legt man nicht ans Herz, für eine Ausstellung einen Flug zu unternehmen. Diesmal muss es sein, zumal das Reiseziel im niedriginzidenzigen kantabrischen Santander liegt, mit dem spanischen Rothenburg ob der Tauber Santillana del Mar und zehn Weltkulturerbe-Höhlen voller Malerei und prähistorischer Schnitzereien wie Altamira und La Garma in unmittelbarer Nachbarschaft. Tatsächlich geht es bei der in Rede stehenden Ausstellung nicht unwesentlich um die Stadt Santander und das vor einigen Jahren an der Hafenmole gelandete, mit perlmuttweißen Rundfliesen verkleidete Raumschiff des Genueser Architekten Renzo Piano.

ANZEIGE

In seiner Schau „Mundo de Papel“ erschafft der Münchner Künstler Thomas Demand, kuratorisch unterstützt vom einstigen Direktor der Berliner Neuen Nationalgalerie Udo Kittelmann, wie stets eine abfotografierte „Welt aus Papier“, die ihresgleichen sucht. Sechs große, vollkommen unterschiedlich gestaltete Pavillons aus Holz, gebaut von den Bühnenbildnern der Berliner Oper, plus ein verwunschener Irrgarten aus teils von Matta-Clark-haften Fenstereinschnitten durchbrochenen abgehängten Wänden mit wie visuelle Haikus geschossenen „Dailies“ stellt er in den riesigen Saal des Centro Botín ein. Beziehungsweise lässt sie schweben, denn wie in der ursprünglichen Nationalgalerie-Planung Mies van der Rohes hängen die großen hölzernen Pavillons an fast unsichtbaren Stahltrossen von der Decke des Ausstellungssaals herab. Sie befinden sich damit in einem ähnlich prekären Äquili­brium wie das gesamte zweigeteilte Gebäude, das keinen Sockel hat, vielmehr nur auf gleichsam zahnstocherdünnen Säulen ruht.

Das Heimelige des Wortes „Klause“ wird schrecklich konterkariert

All diese Einbauten aber haben einen direkten Bezug zu Santander und seiner Umgebung, sodass die Bilder in ihnen nun ein doppeltes Geheimnis bergen: Der Pavillon mit der fünfteiligen Serie „Klause“ etwa zeigt die minutiös in Papier und Pappe nachgebaute Schenke von Burbach, in der der fünfjährige Pascal missbraucht wurde und verschwand, dessen Leiche bis heute aber nicht gefunden wurde, sodass bis dato auch noch niemand verantwortlich zu machen war. Das monumentalste Bild der Serie öffnet den voyeuristischen Blick in die Küche der mutmaßlich zum Tatort gewordenen Gaststätte, die wie stets bei Demand und seinem Team anhand von Originalfotos bis ins kleinste Detail nachgebaut wurde:

Eine Kaffeemaschine im Hintergrund scheint noch immer vor sich hinzuköcheln (der Filterkaffee selbst ist sensorisch so überzeugend aus schwarzem Tonpapier in die Transparentpapier-Kanne intarsiert, dass sich unwillkürlich Kaffeedurst einstellt), der Aschenbecher in Siebzigerjahreorange mit vielen dazu passenden Feuerzeugen liegt ebenso parat wie der Tesafilm auf seiner Rolle und diverse Messer. Gefährlich scharf glänzend, ragt von links die Metallscheibe der Brotschneidemaschine ins Innere, während über dem Schanktisch rechts traurig Luftschlangen als Alibi für Schenkelklopferfröhlichkeit zu Bächen von Asbach Uralt nach unten hängen. Die sterile Aufgeräumtheit legt nahe, dass hier kein kategorialer Unterschied gemacht würde zwischen dem Zerlegen von Wild und Mensch.

ANZEIGE

Rechts von diesem Bild der papiergewordenen Banalität des Bösen hängt eine offenbar seit Langem verendete Zimmerpflanze, die durch die Papiernheit ihrer Blätter noch überzeugender vor sich hin gilbt, so als hätten ihr die jahrelangen Nikotinschwaden der Gastwirtschaft endgültig den Garaus gemacht. An der Außenwand des poveren Holzschuppens wiederum ist auch das Foto der ebenso schlichten Außenwand der einsamen „Klause“ angebracht. Das Weiß der Rauputzwand ist durch Hunderte mühevoll aus grünem Papier geschnittene Efeublätter fast nicht mehr zu sehen – es ist ein albtraumhaftes Hexenhaus wie bei Hänsel und Gretel, das von der giftigen und aufgrund ihrer Immergrüne stets etwas unheimlichen Pflanze wie von Lebkuchen bedeckt wird.

Das Perfide der demandschen Choreographie allerdings ist, die Pavillonwand in Holzfachwerk hin zur vollständig verglasten Stadtfassade des Ausstellungssaals offen zu lassen – und dies ausschließlich bei dieser Laube. Der Betrachter steht darin, blickt auf Santanders Stadtsilhouette und kann kaum anders, als sich die unangenehme Frage zu stellen, ob nicht hinter den so harmlos erscheinenden Fassaden ähnlich unselige Dinge vor sich gehen könnten. Demand gelingt somit das doppelte Kunststück, nicht nur grundsätzlich in seinen immer verdächtig menschenleeren Bildern auf die Suche nach Spuren zu zwingen, die das sich unwillkürlich einstellende Gefühl der Unheimlichkeit bestätigen. Sein Bild der trügerisch himmelblauen Badewannenfliesen des Genfer Beau-Rivage mit dem hinter dem Vorhang nicht zu sehenden toten Uwe Barschel lässt grüßen.

ANZEIGE

Das zweite Beispiel für die eigens ersonnene Ortsbezogenheit ist ein kreisrunder und leuchtend orange lackierter Einbau mit einer Art Bullauge, der schon von außen den Aufbauten eines jener Schiffe und Fähren ähnelt, die vor den großen Glasscheiben des Museums vorbeiziehen, zumal aus dem Innern dieses Pavillons auch noch vergleichbar laute Geräusche dringen wie die der mächtigen Schiffshupen in der Bucht von Santander. Überrascht werden die Eintretenden durch einen Film, den das Demand-Team in Stop-Motion-Animation aus Abertausenden von Einzelfotos zusammengesetzt hat. Die Papierfexe bauten den Speisesaal des Kreuzfahrtschiffes bis hin zur letzten Tasse und einem zwischen Eiswürfeln schwimmenden Tetrapak nach.

Das Kreuzfahrtschiff schwankt hin und her, slapstickhaft rutschen die Dinge der papierenen Welt von einer Seite auf die andere. Der Film entstand wie viele neuere Arbeiten nach einem im Netz kursierenden Video, das als für die Leidtragenden wenig lustige Havarie des Schiffes millionenfach angeklickt wurde. Hier klafft dann auch die einzige Deckungslücke des bisherigen und in seinen besten Stücken in Santander gezeigten Werks von Demand: Sobald die – hier bewegten – Bilder humorig werden, ist es von Nachteil, dass es sich um ein 1:1 nachgestelltes Abbild der „Wirklichkeit“ handelt. Als Comicanimation würde man sofort unbekümmert und herzhaft mitlachen – Tom & Jerry sind schließlich auch unverwüstlich; als Nachbau eines Unglücks, das sich tatsächlich ereignet hat, bleibt aber das Lachen im Hals stecken.

Wissen war nie wertvoller

Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Demand ist ein Skulpteur des Papiers und Apologet des Ephemeren. Das Fragile des Materials wird auf vielen Bildern thematisiert, so auf dem vier Meter breiten Eröffnungspanorama „Teich“ mit Nymphéas, auf dem Monets berühmtes Seerosen-Reich in Giverny, ebenfalls ein Garten, der wie Demands Papier-Reiche ausschließlich für seine Bildwerdung angelegt wurde, fast unmerklich vor unseren Augen hin und her schwappt wie die Wellen vorm Fenster. Denn an mehreren Stellen arrangiert der Künstler Stauchfalten im blauen Wasser-Papier, die wie die konzentrischen Kreise auf nur leicht bewegten Wasseroberflächen wirken. Demands Seerosen aber, die flach wie Pizzapappteller wirken, imitieren kongenial die „Flatness“ Monets auf dem Tiefblau des papierenen Giverny.

ANZEIGE

Demand als Matisse des einundzwanzigsten Jahrhunderts

Das „Entlarven“ der Papiernheit der Welt durch winzige Details und damit die Frage nach der Echtheit der Bilder stellt Demand in den vergangenen Jahren verstärkt: In einem konischen Fußgängerzonen-Aschenbecher besteht zwar der Löschsand täuschend real aus Schleifpapier; fast unmerklich lässt er aber an einer Seite eine Falte stehen. Und gleich zweimal baute er in den vergangenen Jahren Ateliers von Künstlern nach, die für seine Sozialisation und seine unbedingte Entscheidung für das Papier bedeutend waren: In „Atelier“ von 2014 ist dies das Studio von Matisse. Durch Krankheit im Alter des Malens unfähig geworden, vermochte er nur noch grobe flache Formen mit der Schere auszuschneiden, die quietschbunt in der Ecke liegen. Beim Büro des Architekten Robert Vorhoelzer dagegen erblickt man wie Demand als Kind jene Papierpläne, auf deren Basis Teile des zerstörten Münchens nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde. Durch diese neuen biographischen Einbettungen und Kunst-über-Kunst-Reflexionen gewinnen die Bilder nur noch mehr an irritierender Kraft.

Mundo de Papel. Im Centro Botín, Santander; bis zum 7. März 2022. Ein Künstlerkatalog mit aufklappbaren Demand-Räumen folgt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE