Künstlerin Yayoi Kusma

Bunt blinkt das Spiegelkabinett

Von Georg Imdahl
20.07.2021
, 06:45
Vom Punkt zum Phallus: Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind die rekonstruierten Ausstellungen der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama zu sehen.

Die frühesten Werke dieser Ausstellung, wenn man sie schon so nennen will, stammen aus den Jahren 1934 und 1939 – ungewöhnlich bei einer 1929 geborenen Künstlerin. Aussagekräftig sind sie allemal, auch wenn Yayoi Kusama damals noch nicht ahnen konnte, dass sie mit ihrer Kunst einmal berühmt werden sollte und ihre unverwechselbare Signatur dafür bereits als Fünfjährige gefunden hatte. Ein Haus mit Frauen vor einer Berglandschaft, ein Porträt einer Heranwachsenden, ein Blumenstillleben – diese Blätter hatte das Mädchen über die ganze Fläche gleichmäßig mit Punkten benetzt, die kleinen Kringel stellen aber weder Regen noch Schnee dar, sie sind einfach da.

Auch die tiefen seelischen Krisen, die sie zu einem hingebungsvollen Werk motivieren sollten, lagen noch vor der talentierten Zeichnerin – sie verfolgten sie lebenslang und ließen sie schließlich 1977 in einer psychiatrischen Heilanstalt in Tokio Quartier beziehen, wo Yayoi Kusama noch heute lebt und nur die Straße überqueren muss, um ins Atelier zu gehen.

Die Künstlerin hat ihre Bedrängnis wiederholt zu Protokoll gegeben: So sei sie von Halluzinationen heimgesucht, sah etwa das Blumenmuster auf der Tischdecke in den Raum wuchern. Und dann waren da die Zumutungen der Mutter, die der jungen Tochter auftrug, dem untreuen Vater nachzuspüren, woraufhin sie ihn mehrfach in flagranti ertappte. Mit verstörenden Folgen – einer labilen Psyche und, in Kusamas Worten, einer dauerhaften „Abscheu und Faszination gegenüber Sex und dem nackten Körper“. Ihr Schaffen erklärte die in Matsumoto im Hochland der japanischen Provinz Nagano geborene Künstlerin als Möglichkeit und Weg, ihre Ängste zu sublimieren: Kunst als Selbsttherapie und Heilung.

„Verlier dein Selbst. Vergiss dich“

Eine von Stephanie Rosenthal brillant eingerichtete, hierzulande längst fällige Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau bringt sowohl die üppige Sinnlichkeit dieses Œuvres zur Geltung als auch die psychischen Nöte, die sich in vielen Bildern mitteilen oder zumindest erahnen lassen, vor allem in einem düsteren Surrealismus noch in der Heimat, in Bildern mit bezeichnenden Titeln wie „Gefangener, umgeben von einem Vorhang der Selbstentfremdung“ (in den späten Siebzigern collagiert sie Hakenkreuze und Gräuelbilder aus dem Dritten Reich, um Front gegen Krieg zu machen).

Nachdem sie 1957 nach New York gegangen war und sich mit Donald Judd angefreundet hat, der sie bewundert, reduziert Kusama ihre Malerei auf ein wogendes Punktmuster und malt Bilder mit pulsierender Matrix, die sie „Dot Abstraction“, „Pacific Ocean“ und „Infinity Nets“ nennt. Sie sind anfangs noch diskret in der Farbigkeit, atmen in blassem Weiß und gedämpftem Rot – was sich als durchaus anspruchsvolle Abstraktion hätte fortsetzen lassen, aber Kusama intoniert die Punkte nicht nur in kraftvollen Farben, ebenso entschieden greift sie alsbald über den Bildrahmen hinaus: Spiegelkabinette staffiert sie mit gerasterten, bunt blinkenden Glühbirnen und vor allem mit gepunkteten Penissen aus, der Blick verliert sich darin in der Ferne. In Abbildungen erscheinen diese immersiven Räume schier endlos, tatsächlich sind sie eher klein, in manche muss man den Kopf hineinstecken, um sich an dem illusionistischen All zu berauschen. Für Kusama selbst symbolisierte dies die Auflösung des eigenen Selbst, in der sie ein Ideal erkannte: „Verlier dein Selbst. Vergiss dich“ lautet ihre Maxime.

Ihr Werk flirrt zwischen Op-Art und Pop-Art, Happening, Aktionskunst und Environment jeweils in den Inkubationsphasen dieser Strömungen. Die Berliner Ausstellung breitet es in der Abfolge seiner Ausstellungen seit 1952 aus, die Raum für Raum rekonstruiert werden und sichtbar machen, wie früh die Künstlerin mit ihren Ideen dran war. Das gilt besonders für ihre Einzelausstellung 1963 in der New Yorker Gertrude Stein Gallery: Unbekleidet setzte sich Kusama auf ein Boot aus phallischen Baumwollformen, die Wände tapezierte sie mit einem Foto jenes Boots – und dürfte Warhol damit zu seinen „Cow Wallpaper“ inspiriert haben.

Das Œuvre einer willensstarken Künstlerin

Die Punkte („Polka Dots“) und der Phallus geraten Kusama zur Obsession, im Akkord näht die Künstlerin stummelige Stoffschläuche, um sie als Glieder aus der Bildfläche, aus Stöckelschuhen, Schminktischen, Sitzmöbeln sprießen zu lassen. Stürmisch feiert sie den nackten Körper in Happenings wie in einem „Love Room“ in Den Haag 1967, stimuliert ein williges Publikum aus Museumsleuten, Kritikern, Künstlern, sich der Kleidung zu entledigen, zu bemalen, zu tanzen, bis die Party im Morgengrauen von der Polizei beendet wird. Die kommt ihr auch in Japan in die Quere, als sie 1970 erstmals wieder in die Heimat zurückkehrt, um auch hier die sexuelle Revolution zu verbreiten.

Insgesamt hat dieses Werk mehr zu bieten als den Augenreiz „retinaler“ Kunst (bei all der Farbe machen sich allerdings die polierten Edelstahlkugeln, die sie 1966 bei der Biennale in Venedig zu Dutzenden vorm Italienischen Pavillon auslegte, auch ganz gut). Zu bestaunen gilt das Œuvre einer willensstarken, durchsetzungsfähigen Künstlerin. Was übrigens den Penis als notorisches Objekt der Wiederholung angeht, dürfte er nur einem einzigen anderen Werk des vorigen Jahrhunderts so ausgiebig zum Thema erhoben worden sein: bei Kusamas Landsmann Tetsumi Kudo (1935 bis 1990), dem das Fridericianum in Kassel vor einigen Jahren einen ebenfalls sehenswerten Auftritt verschafft hat. In farbenfrohen Assemblagen mit erschlafften Gliedern propagierte der Skeptiker die Impotenz als Ausweg aus allen Problemen der Menschheit und gilt heute deshalb als früher Gewährsmann des Posthumanismus. Kusama und Kudo – eigentlich prädestiniert für eine Doppelausstellung.

Yayoi Kusama. Eine Retrospektive. Im Martin-Gropius-Bau, Berlin; bis zum 16. August, anschließend im Tel Aviv Museum of Art. Der Katalog kostet 35 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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