Schau zu Julie Manet

Die letzte Manet

Von Bettina Wohlfarth, Paris
15.11.2021
, 16:45
„Jeune Femme devant la fenêtre“ von Berthe Morisot, 1879.
Das engagierte Kind der Impressionisten: In Paris ist die erste Ausstellung Julie Manet zu sehen. Als Spross einer Malerfamilie wurde die Manet-Erbin praktisch auf der Leinwand erwachsen.
ANZEIGE

Der Impressionismus wurde Julie Manet in die Wiege gelegt. Sie wurde 1878 als einzige Tochter der Malerin Berthe Morisot und als Nichte von Édouard Manet in die Zeit des Aufbruchs dieser ersten Kunstbewegung der Moderne geboren. Ihr Vater war Édouards jüngerer Bruder Eugène Manet. Von Kindheit an wurde Julie auf eine ganz natürliche Weise zum Modell. Ihr berühmter Onkel, der schon die junge Berthe Morisot in mehreren Porträts festgehalten hatte, malte das runde, rosige Gesichtchen von „Julie Manet im Alter von fünfzehn Monaten“ mit spontanen Pinselstrichen. Morisot schickte wenig später zwei Pastellzeichnungen ihrer Tochter zur sechsten Ausstellung der Impressionisten. Mit den Gemälden und den Jahren kann man Julie beim Heranwachsen zuschauen, als Kind einer eng untereinander verbundenen Maler- und Intellektuellengruppe, die ­große Namen aus dem Paris des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts vereint. Auguste Renoir malte das einfühlsame Porträt der Fünfjährigen „Kind mit Katze (Julie Manet)“, später ein „Porträt von Julie Manet“ als junges Mädchen. 1894, kurz vor Morisots allzu frühem Tod, vereinte er Mutter und Tochter in einem Doppel­porträt.

ANZEIGE

Berthe Morisot und Eugène Manet, der selbst auch malte, aber mit seiner Kunst keine höheren Ambitionen hegte, hatten 1874 geheiratet. Das Paar konnte durch ein hinlängliches Familienvermögen ein bourgeoises Leben führen, und Eugène unterstützte, selbst im Hintergrund bleibend, mit einer für seine Zeit ungewöhnlichen Loyalität die künstlerische Karriere seiner Frau. Morisot malte im Jahr 1881 ihren Mann mit der kleinen Julie auf einer Parkbank. Etwas später entstand eine dynamische, den momenthaften Eindruck grandios wiedergebende Pastellzeichnung „Mädchen im blauen Jersey“. Man sieht Julie durch den Blick der Mutter zum jungen Mädchen heranwachsen. Unter Berthe Morisots Pinsel offenbart sich ein nachdenklicher, träumerischer, fast ein wenig melancholischer Ausdruck, der Julies Sensibilität verrät. Ihr Vater Eugène Manet zeichnete seine „Bibi“ im Skizzenheft.

Talentvoll und voller Charme

Die Ausstellung im Pariser Museum Marmottan Monet vereint unter dem Titel „Julie Manet – Das impressionistische Vermächtnis“ mehr als hundert Gemälde, Werke auf Papier, Fotografien und Dokumente. Dahinter steht eine dreijährige Forschungsarbeit, geleitet von der wissenschaftlichen Direktorin des Museums, Marianne Mathieu, die im Katalog noch einmal durch Beiträge mit zahlreichen weiteren Werken, Fotografien und Zeitdokumenten vertieft wird. Faszinierend sind insbesondere die Fotografien, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden und das Familienleben mit dem Freundeskreis um Julie Manet zeigen, aber auch die zu jener Zeit neue Verwendung von Fotos als Vorlage für Gemälde.

Berthe Morisot, Eugène Manet und Julie Manet
Berthe Morisot, Eugène Manet und Julie Manet Bild: Musée Marmottan Monet

Mit der Geschichte von Julie Manets Leben lässt sich ein Kapitel des Impressionismus aus einer femininen Perspektive erschließen. Die Ausstellung führt als nicht nur kunstgeschichtliche, sondern auch zeitgeschichtliche Untersuchung in die Privatsphäre dieser Künstlerfamilie. Das Museum Marmottan Monet, das eine umfangreiche Impressionismus-Sammlung mit zahlreichen Werken von Berthe Morisot besitzt, ist der ideale Ort für eine solche Aufarbeitung. Vom kindlichen, dann jugendlichen Modell entwickelte sich Julie Manet zu einer zielstrebigen Frau, die sich für das Vermächtnis des Impressionismus einsetzte. Sie malte talentvoll und voller Charme – ein Raum ist ihren Gemälden gewidmet –, ohne jedoch die Virtuosität von Berthe Morisot zu erreichen. Als letzte Erbin der Manet-Familie förderte sie konsequent die Rezeption des Werkes ihrer Mutter und ihres Onkels.

ANZEIGE

Lebensaufgabe der einzigen Manet-Erbin

Im großen Haus der Morisot-Manets in der Rue Villejust (heute Rue Paul Valéry) hinter dem Arc de Triomphe nahm Berthe Morisot ihre Nichten Paule und Jeannie Gobillard bei sich auf. Nach dem Tod ihrer Schwester kümmerte sie sich um die beiden Waisen. Julie und Jeannie waren fast gleichaltrig. Alle drei wuchsen gemeinsam auf und nahmen Malunterricht bei Berthe Morisot, wobei vor allem Paule die Malerei professionell betreiben sollte, während sich Jeannie der Musik zuwandte. Die Ausstellung zeigt die gegenseitigen Porträts und häuslichen Genrebilder: Berthe Morisot malt ihre Tochter und die beiden Nichten, Julie porträtiert die zehn Jahre ältere Paule und die Herzenscousine Jeannie, während Paule wiederum Julie darstellt. Der Donnerstagssalon im Atelier von Berthe Morisot war ein Treffpunkt der impressionistischen Malerfreunde und Intellektuellen, sodass die drei vielseitig ausgebildeten Mädchen in einer geistig offenen und stimulierenden Atmosphäre aufwuchsen.

Porträt der Berthe Morisot von Édouard Manet
Porträt der Berthe Morisot von Édouard Manet Bild: Musée Marmottan Monet

Julie und Jeannie standen für Renoirs „Der aufgesteckte Hut“ Modell, während Paule zu dessen Schülerin wurde. Auch Edgar Degas und der Dichter und Kritiker Stéphane Mallarmé gehörten zu den engsten Freunden des Hauses. Als Julie nach dem Tod ihres Vaters nur zwei Jahre später ihre Mutter verlor – 1895, mit sechzehn Jahren –, waren es diese drei Künstlerfreunde, die sich fürsorglich um das noch allzu junge Waisentrio kümmerten.

ANZEIGE

Berthe Morisot hatte Stéphane Mallarmé gebeten, ihre Tochter als Vormund zu betreuen. Durch die diskrete Initiative von Edgar Degas lernten Julie und Jeannie ihre zukünftigen Lebenspartner kennen, während Paule unverheiratet bleiben wollte. Alle drei lebten weiterhin im Haus in der Rue Villejust zusammen, auch später mit ihren Familien, dann allerdings in unterschiedlichen Stockwerken. Julie Manet heiratete den Maler Ernest Rouart, Sohn des impressionistischen Malers und großartigen Sammlers Henri Rouart, Jeannie Gobillard den Schriftsteller und Philosophen Paul Valéry. Mallarmé und Degas organisierten für ihre Schützlinge eine Doppelhochzeit im Mai 1900. Das zur Ausstellung erstmals veröffentlichte Tagebuch von Jeannie, das die Jahre vor der Hochzeit umfasst, gibt Einblick in das Leben dieses ungewöhnlichen Trios und in die Gefühlswelt einer jungen Frau jener Zeit. Julie Manets Tagebuch ist schon in den Achtzigerjahren erschienen.

Als einzige Erbin der Manet-Familie machte sich Julie die Verantwortung für deren künstlerisches Vermächtnis zur Lebensaufgabe. Sie schenkte gezielt großen Museen wichtige Gemälde von Ber­the Morisot und Édouard Manet. Die Sammlung der Familie, auch mit Werken von Hubert Robert, Delacroix oder Corot (in der Ausstellung zu sehen), bedeckte in dichter Hängung die Wände der Wohnung in der Rue Villejust und wurde von Neuankäufen des versierten Paares ergänzt. Das letzte Werk, das Julie Manet vor ihrem Tod 1966 erwarb, war ein Seerosen-Gemälde von Claude Monet: Bis zuletzt blieb sie den Impressionisten treu.

Julie Manet. La mémoire impressionniste. Im Musée Marmottan Monet, Paris; bis zum 20. März 2022. Der Katalog kostet 45 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE