Suizid-Ausstellung in Kassel

Das Tabu berühren

Von Ina Lockhart
18.09.2021
, 21:38
Francesca Woodmans Foto erzählt vom Verschwinden.
Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur zeigt eine behutsame Kunstausstellung zum Suizid. Sie räumt mit Mythen auf und fragt nach dem Schicksal der Hinterbliebenen.

Flüchtig und dokumentierend, friedlich und dramatisch, spielerisch und idyllisch, abstrakt und barock, messerscharf und humoristisch: So muten die Blicke der Künstler im ersten Moment an, deren Werke gerade in einer Sonderausstellung zum Thema Suizid im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt werden. Da ist etwa ein dem Verfall überlassenes Zimmer, in dem sich etwas Weißes, ganz Verschwommenes an die Wand unterhalb des Fensters drückt. Oder eine Karikatur, die eine ältere Frau am Fenster von hinten zeigt – im Vordergrund ihr Strickzeug. Oder eine futuristisch anmutende Kapsel, die zu einer Zeitreise einzuladen scheint.

Im zweiten Moment entpuppt sich das weiße Verschwommene als eine junge Frau im weißen Kleid. Ihr Gesicht bleibt schemenhaft. Es ist eine Fotografie aus dem Jahr 1975 der Amerikanerin Francesca Woodman, die ihre Person, ihren Körper immer wieder in unterschiedlichen Räumen inszeniert und so das Verschwinden oder Verschmelzen zum Thema macht. Im Wohnzimmer der ergrauten Frau mit Dutt, die Thomas Plaßmann gezeichnet hat, liegt neben dem Sessel eine aus grüner Wolle gestrickte Seilschlaufe – kein Schal oder Pulli. Und die Raumkapsel „Sarco“ schließlich stellt sich als ästhetische Selbsttötungsvariante für die über den Kopf gezogene Plastiktüte heraus, mit der Menschen nach ihrem selbstbestimmten Tod nicht aufgefunden werden möchten. Sie soll in Ländern wie der Schweiz, die mit dem Thema Sterbehilfe und assistierter Suizid liberaler umgehen, ihren Einsatz finden. Philip Nitschke hat sie zusammen mit der von ihm gegründeten Sterbehilfeorganisation „Exit International“ entwickelt.

Vorurteile und Fakten

Die Ausstellung „Suizid – Let’s talk about it“ überrollt den Besucher nicht, sondern bietet in jedem der sechs Räume über zwei Etagen verschiedene Anknüpfungspunkte. Um sich auf die Gefühls- und Gedankenwelt lebensmüder Menschen, trauernder Angehöriger und einer Gesellschaft, die mit diesem existenziellen Thema konfrontiert ist, einzulassen.

Die Kunstwerke sind nur eine Perspektive, über die sich die Besucher dem oft tabuisierten Thema Suizid annähern können. Sie sind eingebettet in eine zweite Perspektive. Die der Fakten, die auf kleineren Aufstellwänden mitten im Raum stehen. Oder auch hängen, wie die beiden sich ergänzenden raumhohen Banner gleich am Anfang der Ausstellung. In weißer Schrift auf schwarzem Grund begrüßt den Besucher eine lange Liste von Vorurteilen: „Suizid ist eine freie Entscheidung“ steht da, oder „Man muss etwas Schlimmes gemacht haben, wenn sich jemand Nahestehendes umbringt. Wer von Suizidgedanken spricht, spinnt bloß rum. Suizid stellt die Schuldfrage.“ Studierende des Instituts für Sozialwesen der Universität Kassel, die später als Sozialarbeiter und Psychologen arbeiten wollen, haben solche Sätze in Gesprächen mit Hinterbliebenen von Suizidopfern gesammelt. Zusammen mit dem Suizidologen Reinhard Lindner, der Kuratorin Tatjana Ahle und dem Museumsdirektor Dirk Pörschmann haben sie vor drei Jahren begonnen, die Ausstellung zu planen und zu entwickeln.

Wenige Schritte weiter hängt das zweite Banner, auf dem die Fakten die Vorurteile kontrastieren: „Wer Suizidgedanken anspricht, verleitet niemanden zum Suizid. Etwa achtzig Prozent aller Suizide werden irgendwie angekündigt. Alle neun Minuten verliert in Deutschland jemand einen ihm nahestehenden Menschen durch Suizid.“

Die quälende Frage: „Weshalb?“

Diese Perspektive der Angehörigen zieht sich als weiterer roter Faden durch die Ausstellung. In jedem Raum laufen auf kleinen Screens ausgewählte Zitate aus Tiefeninterviews, die Lorenz Widmaier mit Hinterbliebenen im Rahmen seiner Promotion zur Bedeutung von digitalen Nachlässen für die Trauer und Erinnerung geführt hat. Im ersten Ausstellungsraum werden Worte wie „Weshalb?“ und „Hätte ich …?“ an die Wand projiziert. Sie lassen nur erahnen, dass jahrelang, wenn nicht lebenslang, Schuldgefühle die Hinterbliebenen zermürben. Dass ihre Gedanken in einer Endlosschleife um das Warum kreisen. Und viele immer wieder daran scheitern, das Unfassbare für sich zu begreifen und so ihren Frieden mit dem Geschehenen zu machen.

Die Sprachlosigkeit ist spürbar. Die Ausstellung, für die niemand die Schirmherrschaft übernehmen wollte, adressiert sie direkt mit ihrem Titel „Suizid – Let’s talk about it!“. Warum ein englischer Titel und nicht einfach „Lass uns darüber sprechen“? „Wir konnten es nicht auf Deutsch machen“, sagt Lindner, der als Psychotherapeut seit fast 20 Jahren suizidgefährdete Menschen begleitet und auch Patienten durch Suizid verloren hat. „Die englische Sprache schafft einen leichteren Zugang. Wir wollten das Tabu berühren, nicht niederreißen. Denn das Tabu hat eine Funktion“, sagt der Professor, der das Nationale Suizidpräventionsprogramm in Deutschland leitet.

Der Sand im Getriebe

Manche Hinterbliebene erstarren in ihrem Leben danach. So wie Georg Kolbe in seiner skulpturalen Kunst. In Kassel ist die Bronzeplastik „Totentanz“ zu sehen: eine nackte Frauengestalt mit hochgezogenen Schultern und weit aufgerissenen Augen, die Arme an den Körper gepresst. Bekannt wurde Kolbe einst mit seinen sich mit Leichtigkeit bewegenden Tänzerinnen, doch Verluste geliebter Menschen führen später in seinem Schaffen zu diesem Stilwandel.


Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Im Gegensatz zu Kolbes Frauengestalt, deren Präsenz sich dem Besucher aufdrängt, versteckt sich Thijs Rijkers’ „Sui­cide Machine Sand“ in der Ecke eines Raumes. Sie sieht so harmlos und technisch aus, dass der Besucher sie emotional auf Distanz halten kann und seinen interessierten Blick auf die Trichterkonstruktion richtet, durch die Sandkörner unaufhaltsam und stetig in das Schneckengetriebe rieseln und es so langsam, aber sicher zerstören. Der Betrachter denkt an Verschleiß und an ein kräftezehrendes, ewiges Funktionieren – bis zum Zusammenbruch. Die Maschine wird zum Bild eines Menschen, der irgendwann, innerlich vom Leben zermürbt, sich selbst zerstört.

Die Tatsache, dass sich in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr rund neuntausend Menschen das Leben nehmen und Suizid mehr Tote verursacht als Gewaltdelikte, AIDS, illegale Drogen und Verkehrsunfälle zusammen, betrifft die gesamte Gesellschaft, nicht nur die Menschen, die diesen Verlust in der Familie oder im Umfeld persönlich erleben müssen. Ausstellungsbesucher, die das Gespräch suchen, werden auf offene Ohren stoßen: An drei Tagen in der Woche sind Studierende der Sozialen Arbeit im Museum anwesend und stehen für einen persönlichen Austausch oder eine Erstberatung zur Verfügung. In der Hoffnung, dass viele, die die Ausstellung erfahren haben, einen anderen Blick auf das Thema Suizid mit ins Leben nehmen.

„Suizid – Let’s talk about it!“. Im Museum für Sepulkralkultur, Kassel; bis zum 27. Februar 2022. Eine umfrangreiche Begleitpublikation (29,- Euro) und ein vielseitiges Begleitprogramm erweitern die Ausstellung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lockhart, Ina
Ina Lockhart
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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