Beckmann-Ausstellung in Berlin

Krisenjahre auf dem Weg zur Selbstvergottung

Von Andreas Kilb
22.11.2015
, 09:29
In Berlin wurde er zum Künstler und baute sich die ersten Altäre. Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie folgt dieser Spur und zeigt Max Beckmann als Maler des hauptstädtischen Lebens.
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Im Alter von zweiundzwanzig Jahren vollzieht Max Beckmann einen entscheidenden Karriereschritt. Er rasiert sich den Bart ab. In seinem Selbstporträt von 1905, gemalt in seinem Atelier in Schöneberg, liegt noch blonder Flaum auf Kinn und Oberlippe, im „Selbstbildnis Florenz“, zwei Jahre später, ist schon das bekannte Beckmann-Gesicht zu sehen, kantig, frontal aus dem Bild schauend, und auch die Hand, fleischig, nervös, mit der Zigarette zwischen den Fingern. Es wird noch viele Häutungen geben im Werk des Malers, aber dies ist eine der wichtigsten. Beckmann, jetzt bartlos, wendet sich zum Publikum, sein Blick weicht nicht mehr aus. Auch das Format des Bildes streckt sich, gewinnt an Höhe, nimmt langsam Anlauf zum zwanzig Jahre später entstehenden „Selbstbildnis im Smoking“, das einen Malerkönig im Sonntagsstaat zeigt. Selbstvergottung ist ein Schlüsselbegriff für Beckmanns Kunstverständnis bis ins Exil. In Berlin, in den Jahren vor 1914, baut er sich die ersten Altäre.

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Die Ausstellung, welche die Berlinische Galerie zur Feier ihres vierzigjährigen Bestehens dem Maler widmet, zieht keinen scharfen Strich zwischen den beiden durch zwei Jahrzehnte in Frankfurt getrennten Lebensphasen, die Max Beckmann in Berlin verbracht hat. Das ist gut so, denn Beckmann hat die Hauptstadt nie wirklich verlassen. Immer wieder fuhr er an die Spree, um sich mit seinem Kunsthändler Israel Ber Neumann, mit seinen Freunden Heinrich George und Alfred Kubin oder mit Ludwig Justi zu treffen, der die Galerie der Moderne im Kronprinzenpalais verwaltete, und zweimal, 1919 und 1922, brachte er von diesen Reisen lithographische Mappen mit.

Die Stimmung einer Endzeit

Beide gehören zu seinen Hauptwerken. Besonders „Die Hölle“, der Zyklus von 1919, ist, wenn man das bei diesem Künstler sagen darf, in seiner Bedeutung noch nicht vollständig gewürdigt. Den Stricheleien von Grosz hat Beckmann die szenische Verdichtung, den Karikaturen von Dix die größere Lebensnähe voraus. Das Personal aus Schiebern, Krüppeln, Huren und Nabobs türmt sich bei ihm übereinander wie später die allegorischen Figuren auf seinen Triptychen. Aber die Inhalte sind noch unverschleiert. Auf dem „Martyrium“ wird Rosa Luxemburg ermordet, in „Hunger“ sitzt eine Proletarierfamilie um den leeren Tisch. Nur auf dem Schreckenstableau der „Nacht“ zeichnet sich bei aller Drastik schon der Verfremdungszauber ab, mit dem der späte Beckmann jede Gewalt ins Mythische entrückt.

Der junge Beckmann, Absolvent aus Weimar, reüssiert in Berlin auf Anhieb. Gleich mit seinem ersten Bild „Junge Männer am Meer“ gewinnt er ein Stipendium für Florenz (wo das Selbstporträt entsteht). Erst danach kommen die Krisen, das Ringen um einen malerischen Ausdruck, der innere und äußere Realität verbindet. Die Kuratorin Stefanie Heckmann hat Beckmanns Frühwerke mit verwandten Gemälden von Kirchner, Munch und Liebermann zusammengehängt. So kann man erkennen, wie weit seine Bildfindungen hinter der avancierten Kunst seiner Zeit zurückbleiben. Aber man sieht auch, was Künstler und Kritiker von Beginn an bei Beckmann faszinierte. Liebermanns „Badende Jungen“ sind lebendiger als die Männerkörper auf Beckmanns Atelierbild. Wo aber der eine ein Stück Leben kopiert, malt der andere ein Seelenstück. Ein stilles Wüten brütet in diesem Strandidyll, vom finster geballten Horizont bis zu den Muskelschwellungen im Vordergrund. Noch jede Rezension der Vorkriegszeit hebt die Kraft hervor, die aus Beckmanns Bildern spricht. Diese Kraft wird ihn über die Jahre der Secession, den Malerstreit mit Franz Marc, den Einsatz als Kriegssanitäter und den folgenden Zusammenbruch hinwegtragen, bis er Mitte der zwanziger Jahre im Königreich seiner Kunst angekommen ist.

Ein Schlüsselwerk der ersten Berliner Phase ist die 1914 entstandene „Straße“. Noch einmal versucht Beckmann, das Leben der Großstadt mit den Mitteln des Spätimpressionismus einzufangen. Aber das Ergebnis genügt ihm nicht, das Bild bleibt im Atelier. Vierzehn Jahre später holt er es wieder hervor, zerschneidet es und lässt nur das linke Bilddrittel übrig, auf dem er selbst mit seiner Frau Minna und seinem Sohn zu sehen ist. Von hier aus ist es in der Berliner Ausstellung ein Katzensprung bis zum „Leiermann“, den Beckmann, nun wieder in Berlin, zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung malte. Hier verschmilzt der Gestus der „Hölle“ mit Beckmanns introspektivem Blick zu einer neuen Form. Ein mythisches Ungeheuer mit Scherenhänden wütet im Hintergrund der Szene, während vorne, zwischen einer blonden Venus in Rückenansicht und einem schlafenden Harlekin, ein Jüngling in Hotel-Livree mit bösem Lächeln seine Leier dreht. Die Stimmung einer Endzeit spricht aus diesem Bild. Damals, vor seiner Flucht nach Holland, wohnte Beckmann in einer Wohnung im Tiergartenviertel. Das Haus existiert nicht mehr. Wie die Stadt, von der die Bilder erzählen.

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Max Beckmann und Berlin. Berlinische Galerie, bis 15. Februar 2016. Der Katalog kostet 34,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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