Architekturbiennale in Venedig

Wie wir uns über Wasser halten

Von Niklas Maak
31.08.2021
, 19:50
Die Floating University
Eine Überraschung selbst für Insider: Die Jury der Architekturbiennale vergibt den Goldenen Löwen für den besten Beitrag an das Berliner Architektenkollektiv Raumlabor und seine „floating university“.

Selbst etliche Berliner waren überrascht, als die Jury der Architekturbiennale, die pandemiebedingt erst jetzt tagen konnte, verkündete, der Goldene Löwe für den besten Beitrag gehe an das Architektenkollektiv Raumlabor und seine „floating university“; viele kannten diesen Bau bisher gar nicht. Schon vor zwei Jahren hatte das 1999 gegründete Team in einem dschungelhaft umwucherten Regenwassersammelbecken hinter dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof zusammen mit Studenten verschiedener europäischer Hochschulen eine temporäre, wie Pfahlbauten über dem Wasser schwebende „Universität“ errichtet, in der einen Sommer lang grundlegende Fragen der Stadtplanung und des zukünftigen Zusammenlebens diskutiert wurden.

Die „floating university“ ist ein typisches Projekt für Raumlabor: Immer wieder hat das Kollektiv übersehene oder aufgegebene Orte bespielt. Ein berühmtes Projekt war das „Küchenmonument“, ein aufblasbarer Raum, der von Weitem wie ein gigantischer Luftballon aussah und den man durch eine Luftschleuse betreten konnte: Bis zu sechzig Menschen konnten dort feiern, essen oder Theater spielen. Nachts leuchtete das Objekt, das in Hinterhöfen und unter Autobahnbrücken aufgeblasen wurde, wie ein Gruß aus einer utopischen Zukunft in die Stadt hinein. Viele Raumlabor-Projekte wirken im Rückblick visionär: Der Umbau des „Hauses der Statistik“, eines DDR-Betonmonsters, zeigt, wie man, statt ein Gebäude abzureißen, den Bestand klimaschonend so umbaut, dass sich auch kleine Werkstätten, Läden und Wohngemeinschaften einnisten können. Das „Stadtwaldwohnen“, bei dem die Häuser in den Bäumen hängen, der Grund darunter aber Gemeinschaftseigentum bleibt, ist nach wie vor einer der schönsten Kommentare zur Bodenfrage.

Die Welt nach dem Klimawandel

Raumlabors vom Situationismus be­einflusste, meist aus Holz und Baugerüsten errichtete Architekturen sind auch ästhetisch beeindruckend. Die „floating university“ etwa wirkt wie ein Bild für das Leben im Klimawandel: Manchmal liegt das Wasserbecken trocken, dann stehen die Bauten wie gestrandete Schiffe auf dem rissigen Lehmboden. Manchmal, wenn sich das Bassin mit Regenwasser füllt, muss man wie in Venedig bei Acqua alta über Stege in die Häuser balancieren, die sich dann im Wasser spiegeln, ein Bild, das zwischen Schönheit und Desaster hin- und herflackert.

Der Goldene Löwe für den besten Pavillon geht an die Vereinigten Arabischen Emirate für einen Beitrag zur „grünen“ Betonherstellung, bei der zum Binden eine bei der Desalinierung von Meerwasser gewonnene Salzverbindung (MgO) genutzt wird. Die Umweltfreundlichkeit des Materials ist unbestritten, die Menschenfreundlichkeit seiner Verwendung auf den Baustellen der Emirate nicht. Dass die 1992 verstorbene Lina Bo Bardi postum mit einem Goldenen Löwen fürs Lebenswerk ausgezeichnet wird, ist seltsam – es gäbe genug lebende Architektinnen wie die einundneunzigjährige Bauvisionärin Renée Gailhoustet, die den Preis verdient hätten. Die Biennale läuft bis zum 21. November.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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