Skulpturenstadel

Wie die Kunst nach Triftern kam

Von Hannes Hintermeier
17.08.2022
, 13:46
Seine Skulpturen sollen in der Scheune einmal eine dauerhafte Bleibe finden: Bernd Stöcker vor einigen seiner Arbeiten
Der Bildhauer Bernd Stöcker macht in in der niederbayerischen Marktgemeinde Triftern aus einem ehemaligen Wirtshaus ein Kulturzentrum. Langsam, aber sicher.
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Geschichten wie diese werden in Bayern traditionell mit dem Satz eingeleitet: „Reiß weg, des oide Glump.“ Also mit der Aufforderung, man möge die in Frage stehende Immobilie einem Abbruchbagger anvertrauen. Im vorliegenden Fall steht das Glump inmitten der Marktgemeinde Triftern im niederbayerischen Rottal – das Gasthaus Alte Post mit Kegelbahn und denkmalgeschützter Scheune. Das Haus stammt aus dem Jahr 1795, hat zwei Obergeschosse mit Fremdenzimmern. Später zog eine Arztpraxis in den ersten Stock, die Wirtsleute wohnten im zweiten Stock, lange nachdem es kein Wirtshaus mehr gab. In den Nullerjahren stand das stattliche Gebäude einige Jahre leer, es gab Interessenten, die ein Altenheim planten, aber unter Preisgabe des Stadels. Das Haus verfiel weiter. Bis der Bildhauer Bernd Stöcker vor acht Jahren vierundsiebzigtausend Euro dafür hinlegte.

Die Scheune, in Bayern Stadel genannt, ist schon so gut wie fertig. Am 15. September wird sie eröffnet.
Die Scheune, in Bayern Stadel genannt, ist schon so gut wie fertig. Am 15. September wird sie eröffnet. Bild: Maria Irl

Stöcker würde, lebte er in Oberammergau, schon bei der Passion mitspielen dürfen. Nach fünfundzwanzig Jahren in Triftern ist er noch immer kein Indigener, aber auch kein Neubürger mehr. Stöcker, ein Hüne mit Pratzen, wie hier die Hände heißen, wenn sie größer ausfallen, ist gebürtiger Bremer und akademisch ausgebildeter Bildhauer mit berühmten Lehrern, Rückriem und Hrdlicka. Seit bald vierzig Jahren schlägt er sich erfolgreich auf der freien Künstlerwildbahn durch, am 17. August wird er siebzig. Skulpturen Stöckers stehen in Hamburg, München, Mannheim, Stuttgart und anderen deutschen Städten. Zuletzt hat er für die Isarbrücke nahe Plattling eine Nepomuk-Figur gestaltet. Seine Auftragslage sei gut, sagt er.

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Ein Nordlicht mischt mit in Niederbayern

1997 ist Stöcker mit seiner Frau, der Bildhauerin Ingrid Baumgärtner, und drei Kindern nach Triftern gezogen. München und Umland waren einfach zu teuer ge­wor­den. Den Umzug habe die Familie nie bereut. Und wenn einer so einen Ruf hat, dann bringt man ihm auch auf dem Land Respekt entgegen. Den hat Stöcker ge­nutzt und sich für die örtliche Szene engagiert. Aus der Alten Post wollte er von Anfang an ein Kulturzentrum machen – und einen Ort, an dem er seine Skulpturen zeigen kann, über den Tod hinaus. Erst war das Wohlwollen in der Politik groß, dann wurde gestreut, Stöcker wolle sich mit dem von der Gemeinde zugesagten Fördermitteln von 220 000 Euro ein privates Denkmal setzen. Dabei war klar, dass sich Stöcker, sollte er Mittel aus der bayerischen Förderinitiative „Innen statt Außen“, die Ortskerne wiederbeleben und Flächenverbrauch eindämmen will, bekommen, vertraglich verpflichten muss, fünfundzwanzig Jahre keine Nutzungsänderung vorzunehmen.

Das Gerücht, er plane womöglich selbst die Errichtung eines Altenheims, zeigte Wirkung: Es erzeugte eine Neid­debatte. Klinkenputzer und Vereinsmeier waren erfolgreich, einen Bürgerentscheid verlor Stöcker. Sogar der polnische Pfarrer war gegen ihn. Die ÖDP-Bürgermeisterin Edith Lirsch, eine Befürworterin des Projekts, war fassungslos.

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Den Ort wieder sichtbarer machen

Man braucht viel Phantasie, sich diesen Mann als Projektentwickler eines Altenheims vorzustellen. Viel eher nimmt man ihm ab, mit einer kulturellen Mischnutzung nebst einem ehrenamtlich betriebenen Café die Marktgemeinde, der 2016 ein Hochwasser schwere Schäden zufügte, sichtbarer machen zu wollen. Als Stöcker nach Triftern zog, gab es dreizehn Wirtschaften, heute sind es zweieinhalb. Aber der Künstler ist keiner, der schnell aufgibt. Mit Hilfe neuer Sponsoren, darunter der Landkreis Rottal-Inn und der Denkmalschutz, ist die Wiederherstellung der Scheune weit gediehen.

Skulpturen stehen im Arbeitszimmer von Bernd Stöcker.
Skulpturen stehen im Arbeitszimmer von Bernd Stöcker. Bild: Maria Irl

Der zweigeschossige Bau mit einer Grundfläche von 320 Quadratmetern hat nun im Obergeschoss eine massive Empore, die auf Stahlstützen ruht. Diese und ein zwanzig Zentimeter dicker Bretterboden erlauben eine statische Belastung von einer Tonne pro Quadratmeter. Glasschindeln werfen versetzt Tageslicht ins Innere, es wird die künftig dort gezeigten Skulpturen optisch perfekt inszenieren. Das Erdgeschoss ist groß genug, um eine ordentliche Theaterbühne unterzubringen. Da es keine thermische Dämmung gibt, dürften sich solche Aktivitäten nur vom Frühjahr bis in den Herbst anbieten. „Wir wollten alles ohne Plastik haben“, sagt Stöcker, folglich gibt es auch keine Kunststofffenster, sondern Einfachverglasung. Die Ausnahme sind zwei kaum sichtbare LED-Bänder, die für ausreichend Licht sorgen.

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Die Jugend für Kunst begeistern

Zwischen Haus und Stadel ist Platz für einen Biergarten auf zwei Ebenen. Der Blick geht über die Dächer von Downtown Triftern in einen Antennenwald mit Solardächern, Satellitenschüsseln und allen gängigen Verhunzungen der Nachkriegsmoderne, sogar Türmchen sind zu sehen. Warum hat man direkt neben historisch gelungenen Vorbildern alles Stilempfinden fahren lassen? Das weiß der Bildhauer auch nicht recht, denn eigentlich fänden doch alle die Altbauten schön, weil sie „etwas fürs Auge bieten, liebevolle Details aufweisen und die Maßbezüge stimmen“, so Stöcker.

Das barocke Bayern hat es ihm angetan: Der Bildhauer Bernd Stöcker wird heute siebzig Jahre alt.
Das barocke Bayern hat es ihm angetan: Der Bildhauer Bernd Stöcker wird heute siebzig Jahre alt. Bild: Maria Irl

Wenn es ihm gelingt, auch noch das Haupthaus zu sanieren, werden dessen Erdgeschossräume zusammen mit dem fünfundachtzig Quadratmeter großen, an den Stadel anschließenden Gewölbesaal, Biergarten und Kegelbahn der Gemeinde und dem Verein Kunst & Kultur Triftern zu Verfügung stehen, der derzeit sechzig Mitglieder hat. In den Obergeschossen sollen Wechselausstellungen gezeigt werden, der Stadel wird zudem die Dauerausstellung des Hausherrn beherbergen. Im Gewölbesaal sollen Malkurse und Seminare abgehalten werden, Stöcker will vor allem die Jugend für Kunst be­geistern.

Die erste Ausstellung steht kurz bevor

Am 15. September wird der Stadel mit einer Vernissage der Schau „Bildhauerfreunde“ mit Skulpturen von Hans Wimmer (1907 bis 1992), Gerhard Marcks (1889 bis 1981) und Helmut Heinze (Jahrgang 1932) eröffnet. Figürliche Plastiker allesamt, so wie Stöcker auch. Er hat sich als Porträtist einen Namen gemacht – zu­letzt schuf er die Plastik eines portugiesischen Unternehmers. „Die Figur wird heute nicht mehr so abgelehnt wie in den vergangenen Jahrzehnten“, stellt Stöcker trocken fest. Er will sich noch eine ganze Weile als Kurator betätigen, immerhin verfügt er über ein vier Jahrzehnte ge­wach­se­nes Kunstbeziehungsnetz. Wich­tig sei ihm immer, dass die gezeigten Künstler einen Bezug zur Region haben.

Mit seinem Alte-Post-Projekt hat sich Bernd Stöcker viel nichtkünstlerische Arbeit ans Bein gebunden. Auf der Suche nach Zuschüssen ist er auch beim Corona-Förderprogramm „Neustart Kultur“ in Berlin vorstellig geworden. Eine Mitarbeiterin habe ihn am Telefon gefragt, ob bei seiner Ausstellung „was Digitales oder KI dabei“ sei? Als er verneinte, beschied sie ihm, dann könne er es vergessen. Tut er natürlich nicht. Und sollte er am Ende das ganze Objekt saniert bekommen, dann schwant ihm schon, wie viele seiner Mitbürger froh darüber sein werden, was aus dem „oiden Glump“ geworden ist.

Neues Leben für ein leeres Gasthaus: Wenn die Sponsoren mitspielen, wird im zweiten Bauabschnitt das Gebäude der Alten Post saniert.
Neues Leben für ein leeres Gasthaus: Wenn die Sponsoren mitspielen, wird im zweiten Bauabschnitt das Gebäude der Alten Post saniert. Bild: Maria Irl
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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