Museen als Bildungsträger

Schüler in die Kunstausstellung!

Von Barbara Welzel
29.04.2016
, 20:33
Barockkind und Schulkind: Aufnahme im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.
Jugendliche kartografieren ihre Städte heute entlang von Kaufhäusern und Shopping Malls. Museen fehlen auf der Liste. Das muss sich ändern. Ein Gastbeitrag.

Zehn Jahre ist es schon wieder her, dass nach den großen Unruhen in den Banlieues von Paris Slammer und Rapper aus diesen Bezirken in den Louvre eingeladen wurden. Bei einer Veranstaltung mit der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison trugen sie dort ihre Texte vor Gemälden der Sammlung vor. Man hätte gerne genauer erfahren, was die Jugendlichen vor dem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1830 zu sagen hatten – vor jenem Bild also, das den Barrikadenaufstand der sogenannten Julirevolution verherrlicht.

Die Geschichte des Bildes weist Parallelen zur Gegenwart auf: Der Aufstand nämlich besiegelte das endgültige Ende der Bourbonen in Frankreich, verhalf dem Bürgertum zu einer neuen Machtposition und strahlte in viele Länder Europas aus. Die politischen Veränderungen, die auf die Julirevolution folgten, prägten die modernen Gesellschaften, die auch das Kunstmuseum als öffentliche Institution etabliert haben. Die jungen Rapper schienen wie ein Nachhall der Revolution, die Delacroix in das Bildgedächtnis Europas so anschaulich eingeschrieben hat. Die Jugendlichen heute forderten die umfassende Teilhabe an den bürgerlichen Rechten.

Mangelnde Bildungsgerechtigkeit

Bei der Veranstaltung, die von Toni Morrison für den Louvre konzipiert worden war, handelte es sich um eine Ausnahme. Denn weder in Frankreich noch in Deutschland sind Kunstmuseen gegenwärtig verpflichtend Lernorte schulischer Bildung. Ihr Besuch im Rahmen des Kunstunterrichts ist zwar erwünscht, und es gibt viele Museen, die mit Schulen zusammenarbeiten; das jüngste Beispiel ist das vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum angestoßene Projekt „Republik der Kinder“, das sich an Grundschüler wendet und für das die Gemälde in einem Saal der Barocksammlung zwanzig Zentimeter tiefer gehängt wurden, der Körpergröße der jüngeren Besucher entsprechend.

Projekt „Republik der Kinder“: Seit vergangener Woche hängen im Wallraf-Richartz-Museum barocke Gemälde zwanzig Zentimeter tiefer.
Projekt „Republik der Kinder“: Seit vergangener Woche hängen im Wallraf-Richartz-Museum barocke Gemälde zwanzig Zentimeter tiefer. Bild: dpa

Doch aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen noch immer zahlreiche junge Menschen die Schule, ohne je in einem Kunstmuseum gewesen zu sein. Das widerspricht allen Anstrengungen, Kindern, jenseits des Bildungshintergrunds der Eltern, die Teilhabe am kulturellen Erbe zu ermöglichen. Selbst an den Schulen, wo Kunstunterricht stattfindet und auch historische Kunstwerke behandelt werden, lernen Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern zumeist ausschließlich Reproduktionen kennen. Mit Bildungsgerechtigkeit hat das nichts zu tun.

Eine neue Bedeutung

Bildungsgerechtigkeit ist also der erste Grund, warum der Museumsbesuch fest im Schulunterricht verankert werden sollte. Aber es gibt noch weitere: Kaum ausgeschöpft werden nämlich bisher, zweitens, die Potentiale der Kunstmuseen für andere Fächer. Der Politikunterricht etwa kann das Museum als zentrale Institution moderner Gesellschaften und westlicher Demokratien beleuchten; der Sachkundeunterricht an den Grundschulen kann hier ansetzen. Fächer wie Deutsch, Englisch oder Geschichte können sich hier die Anschauung holen. Es gilt, jungen Menschen Museen als Orte des Wissens, der Welterkundung und der kulturellen Debatten vorzustellen. Hier finden sie, wenn man es ihnen denn zeigt, das Bildgedächtnis unserer Gesellschaft. Hier lassen sich ästhetischer Eigensinn sowie Eigenlogik von Kunst und Fiktion erfahren.

Der dritte Grund: Öffentliche Kunstmuseen sind zentrale Institutionen der modernen Gesellschaften. Die europäische Moderne ist nicht vorstellbar ohne Kunstmuseen in öffentlicher Trägerschaft, ohne die – im Wortsinn – Veröffentlichung der ererbten Schätze von Kunst und Kultur. Seit der Aufklärung und insbesondere seit der Französischen Revolution wurden bis dahin fürstliche Schätze, in Frankreich allen voran die königlichen Sammlungen im Louvre, dem Volk zugänglich gemacht. In England, wo die königlichen Sammlungen im Besitz der königlichen Familie blieben, beeilte man sich, ebenfalls ein staatliches Kunstmuseum zu eröffnen, die National Gallery. Damit einher ging, dass viele Objekte eine neue Bedeutung gewannen.

Barbara Wenzel: „Säkulare Gesellschaftsordnung und moderne Öffentlichkeit gehören zusammen und werden nicht zuletzt von der Institution des Museums verkörpert.“ Abgebildet der bekannte Platz vor dem Pariser Louvre.
Barbara Wenzel: „Säkulare Gesellschaftsordnung und moderne Öffentlichkeit gehören zusammen und werden nicht zuletzt von der Institution des Museums verkörpert.“ Abgebildet der bekannte Platz vor dem Pariser Louvre. Bild: dpa

Die in zahlreichen Kirchen und Klöstern infolge der Französischer Revolution und Säkularisation in den Jahren um 1800 außer Gebrauch gefallenen Kunstobjekte wurden umcodiert. Sie galten nicht länger als Zeugen des Glaubens, sondern als Dokumente von Kunst und Geschichte. Im Museum wurden sie der Öffentlichkeit, frei von jedem kirchlichen Bekenntnis, zum Zweck von Genuss und Bildung zugänglich gemacht. Diese Fakten sind allgemein bekannt. Vergessen wird zunehmend, was sie bedeuten: Die Moderne und das Museum sind untrennbar miteinander verbunden. Säkulare Gesellschaftsordnung und moderne Öffentlichkeit gehören zusammen und werden nicht zuletzt von der Institution des Museums verkörpert. Ebendieses Pathos der Befreiung und diesen unbedingten Glauben an eine bürgerliche Öffentlichkeit gilt es zu erneuern.

Freiheit der Ablehnung inbegriffen

Der vierte Grund: Öffentliche Kunstmuseen sind Orte der Demokratie. Als Institutionen ermöglichen sie die Unantastbarkeit der Sammlungen durch Moden, Generationenthemen oder Zensur. Sie können – in ihren Schausammlungen oder auch in Depots – die unterschiedlichsten Kunstwerke unabhängig von zeitgeistiger Akzeptanz vorhalten und überliefern. Die je eigene Gegenwart setzt sich nicht auf eine Weise absolut, dass sie sich Entscheidungen darüber anmaßen würde, welche ihrer Erbschaften sie weitergibt oder entsorgt.

In öffentlichen Kunstmuseen finden Besucher Werke, die ihnen gefallen, die sie verstehen, die sie wichtig finden – und solche, bei denen das nicht der Fall ist. Die Besucher haben ausdrücklich auch die Freiheit der Ablehnung, ohne dass diese allerdings zur Gefahr für die überlieferten Werke würde. Die heutigen Kunstmuseen sind damit nicht zuletzt eine Antwort auf die Vernichtung oder die Verkäufe der als „entartet“ diffamierten Kunst im Nationalsozialismus und ein Gegenort zu den Zerstörungen von Antiken durch den IS-Terror.

Überaltertes Publikum: Ein gesellschaftliches Problem

Zu den demokratischen Tugenden des Museums gehört auch, dass sich hier an einem gemeinsam wertgeschätzten Kunstwerk unterschiedliche Sichtweisen ins Gespräch miteinander bringen lassen. Wo sonst können sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und verschiedener Religionen in einem strikt säkularen Kontext austauschen? Wo sonst wird beispielsweise der Einfluss auch der islamischen Kulturen auf die europäische Kunst seit dem Mittelalter unmittelbar anschaulich? Wo sonst wird der Austausch als Normalfall Europas verstehbar? Natürlich ist es auch an den Museen, sich als Institutionen und Orte der Demokratie zu verstehen und sich die Debatten der Gegenwart ins Haus zu holen. Ebensolche Institutionen werden als verpflichtende Lernorte gebraucht.

Die Überalterung in den Museen ist auch Ausweis eines nicht ausreichend funktionierenden Gesellschaftsvertrags zwischen den Generationen, beklagt Barbara Wenzel.
Die Überalterung in den Museen ist auch Ausweis eines nicht ausreichend funktionierenden Gesellschaftsvertrags zwischen den Generationen, beklagt Barbara Wenzel. Bild: dpa

Schließlich können – fünftens – nicht nur die Besucher vom Museum lernen, sondern auch das Museum von den Besuchern. Nach den Regeln des Generationenvertrages verantworten die Älteren Bildung und Institutionen. Ein Gespräch und auch die Bereitschaft, das Erbe anzutreten, können aber nur dort entstehen, wo die Jüngeren mit ihrer Sicht auf die Welt nicht nur zu Wort kommen, sondern auch Gehör finden. Die weitgehende Überalterung der Besucher ist daher nicht nur ein Problem des Museums. Es ist in allererster Linie Ausweis eines nicht ausreichend funktionierenden Gesellschaftsvertrags zwischen den Generationen.

Ein Erbe, das aktiviert werden muss!

Was für einen schweren Stand das Museum bei vielen Jugendlichen gegenwärtig hat, zeigen die Untersuchungen von Stadtsoziologen. Seit dem neunzehnten Jahrhundert gehören öffentliche Kunstmuseen zur Grammatik europäischer Städte. In vielen Großstädten wurden sie an den neuen Ringstraßen erbaut, aber auch aus kleineren Städten sind die Museen nicht wegzudenken. Empirische Untersuchungen von Stadtplanern zeigen allerdings, dass Museumsbauten – ebenso wie Theater, Opernhäuser, Bibliotheken, aber auch Rathäuser und Parlamentsgebäude – von Jugendlichen nicht als Teil ihrer Lebenswelt wahrgenommen werden. Die eigene Stadt wird vielmehr mehrheitlich entlang von Kaufhäusern, Shopping Malls und Warenketten kartiert. Museen müssen wieder in die Karten der eigenen Lebenswelt eingetragen werden.

Es sind gerade auch die öffentlichen Kunstmuseen und ihre Schätze, die uns daran erinnern, in welchen Auseinandersetzungen moderne Demokratien errungen worden sind. Dieses Erbe zu aktivieren dient nicht nur den Kunstmuseen, sondern der Zukunft freier Gesellschaften.

Barbara Welzel ist Professorin für Kunstgeschichte und Prorektorin Diversitätsmanagement der Technischen Universität in Dortmund.

Quelle: F.A.Z.
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